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»Hör zu, mein Lieber«, sagt Dawud ernst. »Ich habe dich nie um etwas gebeten, stimmt's?«

»So ist es«, bestätigt der Lahme ruhig.

»Jetzt habe ich eine Bitte, eine dringende Bitte, verstehst du?«

»Schieß los.«

»Schau«, Dawud legt mir die Hand auf die Schulter. »Dies ist mein Freund. Er ist aus Moskau gekommen. Vertrau ihm wie mir, klar?«

»Klar.« Der Lahme mustert mich.

»Folgendes. Hilf ihm. Hilf ihm nach besten Kräften. Er wird dir selbst erzählen, was nötig ist. Er heißt Vitali. Also macht euch bekannt.«

Wir tauschen einen Handschlag.

Dawud schaut auf die Uhr. »Mittagspause. Ich gehe, und ihr sprecht miteinander. Um siebzehn Uhr erwarte ich dich, Vitali, ja?«

Ich nicke, Dawud winkt uns zu und verläßt uns.

Der Lahme erhebt sich mühsam von seinem Hocker und kommt, stark hinkend, hinter der Barriere hervor. »Ein ernstes Gespräch duldet keine Hast«, sagt er. »Legen wir also eine zweite Mittagspause ein. Ich habe sowieso nicht allzuviel zu tun.«

Er schiebt einen langen Riegel vor die Tür und stellt ein Täfelchen mit der Aufschrift »Mittagspause« ins Fenster. »Darf ich in meine Appartements bitten«, sagt er scherzhaft.

Er öffnet die hintere Tür, knipst Licht an, und ich folge ihm in ein geräumiges Zimmer. Unter der Lampe mit versengtem rosa Schirm steht ein wachstuchbedeckter Tisch, an der Wand lehnt ein vorsintflutliches Büfett mit Glastüren, und in der Ecke liegt auf vier Klötzen eine Kastenmatratze. Darauf sind Decken und zwei bunte Kissen am Kopfende. Neben dem Büfett hängen irgendwelche Sachen an der Wand.

»Wohnst du hier?« frage ich.

»Nur dann, wenn ich keine Lust habe, nach Hause zu gehen«, antwortet er und fügt nach kurzem Zögern hinzu: »Oder wenn's gefährlich wäre.«

»So was kommt auch vor?«

»Durchaus. Setz dich doch.«

Wir setzen uns an den Tisch.

»Hast du keine Angst, hierzubleiben?« frage ich.

»Nein. Und außerdem hab ich hier zwei Ausgänge.« Er deutet auf die schlecht beleuchtete Zimmerecke hinter sich. »Einer führt auf den Hof, der andere in den Flur des Nachbarhauses, unter die Treppe, so daß er nicht zu sehen ist. Ich komme also immer weg.«

»Sofern im Flur und auf dem Hof keiner wartet.«

»Na, da müßte schon eine ganze Kompanie anrücken«, entgegnet der Lahme grinsend. »Soviel sind's nie. Außerdem weiß keiner von diesen Ausgängen. Dir erzähl ich's, weil du Dawuds Freund bist.«

»Vertrauen gegen Vertrauen«, sage ich. »Darf man bei dir rauchen?«

»Klar. Wir sind ja nicht im Restaurant.«

»Im Restaurant darf man nicht?« frage ich erstaunt.

»In keinem einzigen. Wir sind eine Nichtraucherstadt. Nirgends darf geraucht werden. Nicht im Kino, nicht im Theater, nicht am Strand.«

»Na so was«, versetze ich. »Hätte ich das geahnt... Aber ich wäre trotzdem gekommen. Eine ernste Sache führt mich her.« Ich zünde mir eine Zigarette an. »In Moskau ist ein Mann ermordet worden. Er war aus eurer Stadt. Gwimar Iwanowitsch Semanski. Er war hier Direktor eines Geschäfts. Kanntest du ihn?«

»Nein.« Der Lahme schüttelt den Kopf.

»Ermordet haben ihn auch welche von hier«, fahre ich fort. »Pest und Ljocha. Kennst du die?«

»Die ja«, sagt der Lahme gleichmütig und langt ebenfalls nach einer Zigarette. Und ich hatte gedacht, er rauche nicht.

»Pest ist verhaftet, Ljocha tödlich verunglückt.«

»Besser wär's umgekehrt.«

»Stimmt«, sage ich. »Aber so hat es das Schicksal gewollt. Vorläufig ist unklar, weshalb sie den Mann ermordet haben. In Moskau haben sie in großem Stil eine Wohnung geplündert. Semanski scheint ihnen den Tip geliefert zu haben. Und dann, denke ich, haben sie irgend etwas nicht geteilt.«

»Und was sagt Pest?«

»Bislang gar nichts. Er redet, wenn man ihn in die Enge getrieben hat. Aber nun ist Ljocha tot. Und Pest versucht, alles auf ihn abzuwälzen. Im Moment haben wir nichts, um ihn in die Enge zu treiben. Sie haben den Mord zu zweit verübt. Aber wahrscheinlich hat ein dritter den Befehl gegeben.«

Der Lahme hört gespannt zu, die Zigarette hat er vergessen. Er duckt sich auf seinem Stuhl wie zum Sprung. Nur das weggespreizte steife Bein stört dieses Bild.

»Kennst du zufällig einen Lew Ignatjewitsch?« frage ich.

»Nein. Das ist alles nicht unsere Kragenweite. Wir haben hier andere Leutchen«, sagt er grinsend und zieht endlich an der Zigarette. »Aber da ist ein Umstand.«

»Ja?«

»Die beiden kenne ich in- und auswendig. Besonders Pest. Ich hatte einen Zwischenfall mit ihm, noch dort.« Der Lahme winkt unbestimmt mit der Hand. »Einbruchsdiebstähle haben die nie gemacht. Das war nicht ihre Spezialität. Überhaupt haben sie schon länger als ein Jahr kein Ding mehr gedreht. Aber Geld haben sie wie Heu. Nun heißt es, sie hätten sich als Gorillas verdingt.«

»Bei wem?«

»Das weiß keiner. Sie machen ein Geheimnis draus. Oder muß man sagen >machten<?«

»Läßt sich herausbringen, bei wem sie sich verdingt hatten?«

»Es kommt auf einen Versuch an.«

»Versuch es. Du kennst doch viele hier?«

»Mehr als genug.«

»Feinde hast du dir auch gemacht?«

»Ebenfalls mehr als genug.«

»Und warum?«

»Weil unsere Ansichten auseinandergehen.« Der Lahme lächelt kaum merklich. »Die Ganovenszene kann ich nicht leiden. Und auf irgendwelche Geschäfte hab ich mich nie eingelassen. Na ja, das können sie mir nicht verzeihen. Deshalb haben sie mich aus meiner Vaterstadt rausgedrängt. Und hier ist es auch publik geworden. Dank Pest. So daß meine Beziehungen in diesem Städtchen ziemlich gemischt sind, zu dem einen so, zu dem anderen so.«

»Hast du Freunde?«

»Ohne die geht's nicht. Wir halten die Stellung.«

»Wollten sie mit dir gerade abrechnen, als Dawud dazwischenfuhr?«

»Dawud hat mir zweimal das Leben gerettet. Entweder hätten sie mir ein Messer zwischen die Rippen gejagt oder ich ihnen, so oder so wäre es aus gewesen mit mir.« Seine Augen verengen sich und gewinnen einen Ausdruck kalter Entschlossenheit. »Ich kann genausogut zustechen, ein Messer hab ich immer bei mir. Als Ausgleich für das Bein. Es ist steif, siehst du? Bei einer netten Unterhaltung haben sie es mir mit 'ner Eisenstange zerschmettert.«

»Erzähl.«

»Später. Und vergiß nicht«, warnt er mich streng. »Meinen Namen darfst du nirgends nennen. Wer weiß, wen du alles triffst.«

»Klar.«

»Komm morgen abend her. Vielleicht weiß ich dann schon was. Morgen früh muß einer bei mir aufkreuzen.«

»Schön.« Ich nicke und schaue auf die Uhr. »Es ist Zeit für mich.«

Ich stehe auf, auch der Lahme erhebt sich, und wir gehen durch die Werkstatt. An der Tür drücke ich ihm die Hand und trete auf die dunkle Straße. In der Nähe rauschen die unsichtbaren Wellen, rollen zurück und schlagen immer von neuem gegen die steinerne Brüstung. Noch ehe ich mir klar bin, in welche Richtung ich mich wenden muß, tauchen aus der Dunkelheit vier oder fünf Burschen auf und umringen mich.

»Warst du beim Lahmen?« fragt einer drohend.

»Ja«, antworte ich. »Er ist tatsächlich lahm.«

»Was wolltest du da?«

»Ihn fragen, ob er mir Schuhe macht. Aber er repariert bloß alte.«

»Du lügst, Hundesohn«, sagt ein Bursche hinter mir und lacht. »Schlauberger wie du gehn aus anderen Gründen zum Lahmen. Spuck's lieber aus, ehe wir dich mit dem Messer kitzeln. Weshalb hatte er die Tür abgeschlossen, hm? Um beim Maßnehmen nicht gestört zu werden?«

Die Burschen wiehern.

»Angeblich arbeitet er nur bis sechs«, antworte ich.

»Stimmt. Er arbeitet bis sechs«, bestätigt einer.