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»Laßt es gut sein, Jungs«, sage ich gutmütig. »Ich bin den ersten Tag in der Stadt, und schon solche Gespräche.« Leider sind ihre Gesichter nicht richtig zu erkennen, aber dann sehen sie meins ebensowenig. Allenfalls können sie mich an meiner Größe wiedererkennen. Ein Kriminalist darf nicht auffallen. Doch ich.

»Zieh Leine, wenn's dein erster Tag ist! Aber komm uns nicht noch mal unter die Augen. Da schmeißen wir dich ins Meer, Hundesohn!«

Und schon hat sich die ganze Gesellschaft im Dunkel aufgelöst, als hätte es sie nie gegeben. Eine unangenehme Begegnung. Hoffentlich war's Zufall. Und wenn nicht? Dann führen sie wieder etwas im Schilde, und der Lahme muß gewarnt werden. Dieser Schuster gefällt mir. Und seine Mitteilungen sind sehr wichtig. Wahrscheinlich hatten Ljocha und Pest tatsächlich eine einträgliche Arbeit gefunden. Ich muß Genaueres darüber wissen.

In der Kriminalmiliz komme ich verspätet an. Dawud hat auf mich gewartet. Ich erzähle ihm, was der Lahme mir mitgeteilt hat, und schildere die unangenehme Begegnung in der Uferstraße. Wir beschließen, den Lahmen zu warnen. Doch er soll uns erklären, worum es hier geht. Den Rest des Abends verbringen Dawud und ich im Hotel. Wir essen zusammen Abendbrot und legen einen genauen Plan für morgen fest.

Am nächsten Morgen stellt sich heraus, daß der Plan geändert werden muß. Der dritte Jermakow, Iwan Spiridonowitsch, Direktor des Obst- und Gemüselagers, ist krank und liegt seit drei Tagen im Krankenhaus. Also müssen wir den Besuch bei ihm verschieben.

Deshalb begebe ich mich zu Ljochas Mutter und Schwester. Sie wohnen zusammen. Die Schwester, sie ist geschieden, arbeitet als Buchhalterin in dem Geschäft, wo Semanski Direktor war und jetzt ein gewisser Georgi Iwanowitsch Schprinz diesen Posten innehat. Beide Frauen, die Mutter wie die Schwester, haben kein Verlangen, Ljocha wiederzusehen. Sie wissen nichts über ihn, nichts über seine Angelegenheiten, nichts über seine Bekannten. Doch gerade das brauche ich. Vermutlich läßt sich hier nur prüfen, ob Ljocha und Semanski einander kannten, und falls das bestätigt wird - wie sie sich kennenlernten und welche Beziehungen sich zwischen ihnen entwickelten. Außerdem wäre es günstig, wenn ich von Ljochas Schwester - sie heißt Lidia Wassiljewna - etwas über Semanski selbst erfahren könnte, über seine Verbindungen und Machenschaften, von denen Okajomow gesprochen hat. In solche Machenschaften müßte eigentlich auch die Buchhalterin verwickelt sein.

All dies geht mir durch den Kopf, als ich zu der Straße unterwegs bin, wo die beiden Frauen wohnen. Schließlich stehe ich vor dem Haus mit der Nummer acht. Es ist ein zweistöckiges altes Gebäude mit offenen Galerien auf der Hofseite, von denen aus die Wohnungen zu betreten sind und wo Wäsche auf den Leinen flattert.

Im Halbdunkel steige ich die knarrende Holztreppe zur Galerie des ersten Stocks hinauf. Hier befindet sich die Wohnung der beiden Frauen. Mein Klingeln bleibt lange erfolglos. Indessen werde ich aus allen Fenstern, an denen ich vorbeigekommen bin, gemustert. Eine Unmenge neugieriger Frauen wohnt in diesem Haus.

Schließlich wird mir geöffnet. Auf der Schwelle steht eine kleine hagere Frau in warmen Hausschuhen und mit einem dunklen Tuch um die Schultern. Es ist einfach nicht zu glauben, daß sie einen so hünenhaften Sohn wie den Ljocha gehabt hat. In ihrem glatten rosigen Gesicht tränen die durch die dicken Brillengläser stark vergrößerten farblosen Augen. Das silbergraue weiche Haar ist im Nacken zu einem kleinen Knoten geschlungen.

»Guten Tag, Pelageja Jakowlewna«, sage ich und spüre, daß auch die beiden alten Frauen aus den beiden Nachbarwohnungen zuhören.

Anscheinend spürt das Pelageja Jakowlewna ebenfalls, denn sie antwortet hastig: »Guten Tag, mein Guter, komm herein, was gibt's?«

Sie hat eine schrille, ein wenig herrschsüchtig klingende Stimme, als habe sie oft geschrien und gezankt.

In dem dämmrigen Vorraum lege ich Mantel und Mütze ab und gelange in ein bescheidenes sauberes Zimmer, das Eßzimmer offenbar. Auf dem mit einer bunten Tischdecke bedeckten quadratischen Tisch in der Mitte prangt eine Vase ohne Blumen, an der einen Wand steht ein Büfett, an der anderen ein Sofa mit stark gemustertem Bezug, ein kleines Bild und ein paar gerahmte Fotos hängen darüber.

Die Alte bietet mir einen Stuhl an und läßt sich auf einem anderen nieder.

»Ihre Tochter ist wohl zur Arbeit?« frage ich.

»Lidka? Die ist krank. Nun drückt sie sich schon die vierte Stunde in der Poliklinik herum. Bei dem Andrang! Heim kommt sie kränker als sie war. Unsere Doktorin hat gekündigt. Da haben wir alle Geschenke umsonst gemacht. Nun muß man sich bei der Neuen einkratzen. Da kann man ihr Kittel schenken und sonst noch was.«

»Kittel?«

»Na Doktorkittel!« knärzt die Alte unzufrieden. »Die gibt's manchmal bei Lidka im Laden. Aber ist's denn heut mit Kitteln getan? Ich habe Lidka schon voriges Mal gesagt: >Laß dich nicht gesund schreiben. Bleib zu Haus, solang es geht.< Nein, sie ist losgerannt. Und nun hat sie sich's überlegt... Jetzt muß sie sich bei der Neuen krank machen. Ach, wenn sie doch auf einen hören wollten.« Die Alte verstummt und blickt mich unverwandt an, dann fragt sie plötzlich ärgerlich: »Und weshalb bist du gekommen, unverschämter Kerl? Was willst du?«

Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Für alle Fälle senke ich schuldbewußt den Kopf und schweige. Die Alte deutet das auf ihre Weise und schimpft: »Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Ljocha kommt nicht hierher, klar? Seit er durch deine Schuld im Gefängnis gesessen hat, läßt er sich bei uns nicht mehr blicken. Und du Schamloser wagst mich noch anzugucken? Du hast mir den Sohn genommen, du Verderber! Seinetwegen hab ich mir die Augen rotgeweint. Und du.« Die Stimme versagt ihr.

Der Kummer der alten Frau schneidet mir ins Herz. Deshalb sage ich betont munter: »Sie verwechseln mich mit jemand, Pelageja Jakowlewna. Sollte Ihnen noch so ein langer Schlacks untergekommen sein? Das ist doch nicht möglich!«

»O Gott!« Sie winkt mit der Hand, als wünschte sie, daß ich verschwinde. »Hab ich mich geirrt? Na so ein Unglück. Aber ich sehe ja kaum etwas. Verzeih einer alten Frau. Kurzsichtig wie ich bin, hab ich dich nicht erkannt. Wer bist du eigentlich?«

»Ich bin wegen Ljocha gekommen«, antworte ich. »Ist er wirklich so ein Taugenichts.« Beinahe hätte ich gesagt >war<.

»Ist er das etwa nicht?« fragt Pelageja Jakowlewna hitzig. »Wenn er schon seit einem Jahr zurück ist, hier in der Stadt lebt, sich aber bei mir nicht blicken läßt, dann braucht er mich wohl nicht.«

»Vielleicht schämt er sich?«

»Wann hätte der sich jemals geschämt?«

»Oder hat er sich verliebt?« frage ich vorsichtig.

»Die Mutter ist für so eine Liebe kein Hindernis.«

»Er soll irgendeine Sina haben.«

»Ja, wenn er auf die gehört hätte! Ein gutes Mädchen. Arbeitet in der Fabrik für Obstsäfte. Sie ist bei mir gewesen. Wir haben zusammen geweint.«

»Was sagt sie denn?«

»Daß er sich schon zwei Wochen vor ihr versteckt. Als hätte ihn die Erde verschluckt. Sonst kam er immer zu ihr, brachte ihr allerlei teure Geschenke, Türkis-Ohrringe, einen Fingerring, ließ auch viel Geld da, sagt sie. Was ist das für Geld? frage ich. Unehrliches Geld ist das, laß dir das gesagt sein!«

»Meint das auch Sina?«

»Was soll man sonst meinen? Er hat bei Lidka im Geschäft als Transportarbeiter gearbeitet. Obwohl er acht Klassen beendet hat. Ohne diesen Missetäter war aus ihm was geworden!«

»Welcher Missetäter?«

»Na der Wodka! Von dem kommt alles Übel, alles Unglück. Überall wimmelt's von Alkoholikern, daß sie der Teufel hole. Na ja, und denen ist ein gesunder Mensch natürlich ein Dorn im Auge. Da verleiten sie ihn. Und Ljocha ist schwach in der Hinsicht. Die Fäulnis kommt von seinem toten Vater. Oh, unsere Sünden werden mit uns geboren.«