»Pelageja Jakowlewna, für wen haben Sie mich gehalten?« frage ich.
»Für Slawka. Daß er verrecke! Der ist auch so ein langer Lulatsch. Ach, dieses Ungeheuer!«
»Was macht er denn, der Slawka?«
»Slawka?« fragt Pelageja Jakowlewna irgendwie unsicher. »Mit Ljocha hat er gearbeitet, in dem Geschäft. Und dann ist auch er durch den Wodka auf Abwege geraten. Dabei war Slawka ein guter Mensch.«
Indessen klappt die Wohnungstür, im Vorraum poltert es, und gleich darauf tritt eine junge Frau ins Zimmer - schlank, hübsch, mit verwirrtem Lächeln auf den vollen Lippen und sympathischen Grübchen in den geröteten Wangen, Lidia.
»Nanu, wer ist denn das, Mama?« fragt sie eintretend und blickt mich neugierig, aber etwas verlegen an.
»Ein Besucher«, erklärt Pelageja Jakowlewna. »Er ist wegen Ljocha hier. Na, was meint die Ärztin?«
»Ach!« Lidia lächelt unbekümmert. »Sie hat mich gesund geschrieben.«
»Na bitte, Katerina Dmitrijewna hätte das nicht gemacht.«
»Schon gut, Mama.« Lidia blickt mich an. »Seid ihr fertig mit euerm Gespräch oder habe ich euch unterbrochen?«
»Fertig sind wir noch nicht, aber ich bin müde«, antwortet Pelageja Jakowlewna seufzend und wendet sich an mich: »Ich leg mich ein bißchen hin.«
»Selbstverständlich, Pelageja Jakowlewna. Ruhen Sie sich aus«, bestärke ich sie und sage zu Lidia: »Ich müßte auch mit Ihnen sprechen, Lidia Wassiljewna.«
»Woher sind Sie?« fragt Lidia streng.
»Aus Moskau«, antworte ich und reiche ihr meinen Ausweis.
Sie betrachtet ihn, blickt dann auf und fragt erstaunt: »Sie sind wegen Ljocha gekommen?«
»Nicht nur seinetwegen.«
»Gehen wir in mein Zimmer, dort stören wir Mama nicht«, schlägt sie vor und wendet sich an die Mutter: »Leg dich hin, Mama. In einer Stunde mache ich Mittag.«
Lidias Zimmer ist ebenso bescheiden und sauber wie das, in dem ich mich mit Pelageja Jakowlewna unterhalten habe. Es ist nur kleiner. Die Einrichtung besteht aus einem Kleiderschrank, einer niedrigen Liege mit bunten Kissen, über der ein bunter Teppich hängt, einem kleinen Schreibtisch am Fenster sowie einem Tischchen mit zwei Stühlen, auf die wir uns setzen. Die Titel der Bücher auf dem kleinen Regal sind mir seit meiner Kindheit vertraut. An den Wänden hängen ein Spiegel und ein paar Fotos.
»Sie sind älter als Ljocha oder jünger?« frage ich.
»Er ist dreiundzwanzig, ich bin vierundzwanzig.«
»Arbeiten Sie schon lange als Buchhalterin?«
»Bald vier Jahre, seit ich den Lehrgang beendet habe.«
»Und immer im selben Geschäft?«
»Nein. Im ersten Jahr hab ich in einem Atelier gearbeitet. Danach bin ich in das Großhandelsgeschäft übergewechselt. Hier hab ich's leichter. Bargeldloser Verkehr.«
»Haben Sie einen netten Direktor?«
»Georgi Iwanowitsch?« Lidia seufzt. »Seinetwegen werde ich dort wohl aufhören müssen. Er ist sehr zudringlich. Dabei ist seine Tochter älter als ich. Können Sie sich das vorstellen?«
»War der frühere Direktor nicht so?«
»Sie kennen Gwimar Iwanowitsch?« fragt Lidia lebhaft. »Oh, der war ein völlig anderer Mensch. Sehr kultiviert, sehr höflich. Allerdings hat er unseren Ljocha entlassen. Aber Ljocha war selbst schuld. Man darf eben nicht maßlos trinken. Ich habe ihm hundertmal gesagt: Mach eine Entziehungskur, wenn du es allein nicht schaffst. Und Sina sagt ihm das auch. Ihr verspricht er es wenigstens. Trotzdem macht er es nicht. Ich merke sogar, daß er angefangen hat, Sina zu verleiten.«
Ljocha braucht keine Entziehungskur mehr, und Sina droht keine Gefahr.
»Hören Sie, Lidia, kennen Sie unter Gwimar Iwanowitschs Bekannten einen Lew Ignatjewitsch?«
»Lew Ignatjewitsch?« fragt Lidia nachdenklich. »Wie sieht er aus, vielleicht erinnere ich mich.«
»Klein, stämmig, grauer gestutzter Schnurrbart, rotes Gesicht, Säcke unter den Augen. Schon älter.«
Während ich diese Merkmale mitteile, habe ich plötzlich das Moskauer Cafe und meinen dortigen Gesprächspartner vor Augen. Aber Kusmitsch hat natürlich recht - einen Einbruchsdiebstahl organisieren und sich andererseits über Ökonomik verbreiten, paßt nicht zusammen.
»Nein, so einen kenne ich nicht«, sagt Lidia.
»Hat Gwimar Iwanowitsch Sie nie zu irgendwelchen nicht ganz astreinen Buchführungen gezwungen?«
»Danach bin ich schon gefragt worden«, erwidert Lidia. »Und ich habe verneint. Er hat nie etwas Ungesetzliches von mir verlangt. Ich hätte das ohnehin nicht gemacht. Aber... manchmal hatte ich den Eindruck... Ihnen will ich es sagen. Es war lediglich mein Eindruck, und das bedeutet doch noch nichts, nicht wahr?«
»Selbstverständlich.«
»Nun ja. Aber denen braucht man nur etwas anzudeuten, da wollen sie gleich verhaften.«
»Aber, Lidia! Man kann nicht so einfach verhaften. Da sind Beweise vonnöten.«
»Ja, Sie wünschen Beweise. Aber die hier. Da Sie nicht von hier sind, wissen Sie das nicht. Ich dagegen hab's gesehen. Für ihn ist die Hauptsache - verhaften. Er sagte noch zu mir: Er wird dann selbst alles gestehen, wir brauchen ihn bloß ein bißchen unter Druck zu setzen. Schön, nicht?«
»Wer ist es denn?«
»Er hat mich zu sich bestellt. Den Namen hab ich vergessen. So ein Dicker, rasiert sich die Brauen.«
Lidia lächelt spöttisch, und die sympathischen Grübchen an ihren Wangen werden noch deutlicher. Doch mich packt die Wut. Ob sich Okajomow tatsächlich so aufgeführt hat?
»Das ist unzulässig«, sage ich scharf.
»Na bitte. Deshalb hab ich es ihm verschwiegen und erzähle es nun Ihnen«, sagt Lidia. »Noch unter Gwimar Iwanowitsch wurde uns von Zeit zu Zeit Kapron-Garn geliefert. Wir haben es verkauft, obwohl es dem Profil unseres Geschäfts nicht entspricht. Außerdem war es sehr teuer. Gwimar Iwanowitsch erklärte mir, er beschaffe es, um den Umsatzplan zu erfüllen. Das war natürlich völlig legal. Wir verbuchten es. Aber. Wie soll ich es Ihnen sagen. Wir haben es nie gesehen. Es ging als Transitware an den Käufer. Im Geschäft tauchte es nie auf.«
»Und wohin ging es als Transitware, zu wem?«
»An mehrere Stellen, ich kann mich nicht mehr an alle erinnern. Das letzte Mal, es ist noch nicht lange her, an unsere Trikotagenfabrik des Ministeriums für örtliche Industrie. Gleich der ganze Posten.«
»Und woher kam das Garn?«
»Aus verschiedenen Orten. Sogar aus Moskau.«
»Oho! Das ist ja der nächste Weg.«
»Das meiste aus Moskau. Jeweils acht bis zehn Tonnen. Aus anderen Orten gewöhnlich drei bis vier Tonnen.«
»Und dann haben Sie sofort den Plan erfüllt?«
»Sogar übererfüllt. Auch jetzt, unter Georgi Iwanowitsch, ist es so. Wir bekommen Prämien dafür. Bei unserem Gehalt ist das sehr wichtig. Es ist ja wie ein Spatz auf der Hand - eh man sich's versieht, ist es weg.«
»Und von Ljocha werden Sie nicht unterstützt?« Beinahe hätte ich >wurden< gesagt.
»Oh, früher wollte er mir oft Geld zustecken. Dann fragte ich ihn: >Woher hast du es?< - >Beim Kartenspiel gewonnen<, antwortete er. Nun, ich hab es nicht genommen. Es war unehrliches Geld.«
»Lidia, kennen Sie Ljochas Freund Nikolai Sowko?«
»Nikolai Sowko? Ich glaube, ich habe den Namen schon von Ljocha gehört.«
»Und Slawka?« frage ich ohne bestimmte Absicht. »Er hat mit Ljocha bei Ihnen im Geschäft als Transportarbeiter gearbeitet. Er ist so lang wie ich. Pelageja Jakowlewna hat mich zuerst mit ihm verwechselt.«
Lidia runzelt die Brauen und preßt die Lippen aufeinander. »Ja«, sagt sie. »Ich kenne ihn.«
»Arbeitet er immer noch bei Ihnen im Geschäft?«