»Meiner Ansicht nach arbeitet er nirgends. Mit allerlei Pack flaniert er auf der Uferstraße. Das ist die Arbeit dieses Dummkopfs.«
Plötzlich muß ich an die Burschen denken, die mich gestern in der abendlichen Uferstraße unverhofft umringten. Einer von ihnen hatte meine Größe. Ist das Slawka gewesen?
Lidia lächelt schwach. »Er ist tatsächlich so groß wie Sie. Allerdings ist er schwarzhaarig, während Sie blond sind. Und seine Augen sind jetzt zum Fürchten böse.«
»Sind er und Ljocha immer noch Freunde?«
»Keine Ahnung. Fragen Sie besser Sina. Mutter und ich haben Ljocha schon lange nicht gesehen. Ich werde Ihnen Sinas Telefonnummer geben. Sie ist meine Freundin. Durch mich hat Ljocha sie kennengelernt. Mutter und ich hatten so große Hoffnungen. Aber bisher ist aus einem gemeinsamen Leben der beiden nichts geworden.« Sie seufzt. Dabei hat sie selbst kein Glück gehabt. Sie ist geschieden. Wer hat sie verlassen, diese prächtige junge Frau? Oder hat sie sich von ihrem Mann getrennt? Aber sie hat ja noch alles vor sich. Vierundzwanzig Jahre ist sie erst alt. »Schreiben Sie«, sagt Lidia und diktiert mir die Telefonnummer.
Ich schreibe und bringe es nicht über mich, ihr Ljochas Tod mitzuteilen. Aber ich darf es ihr auch nicht verheimlichen.
Plötzlich sagt Lidia leise: »Slawka ist mein ehemaliger Mann.«
Ich starre sie überrascht an.
»Meinen Sie, er wäre immer so gewesen?« Lidia lächelt gequält. »Er war Meister für Fernsehapparate, in einer Werkstatt. Allerlei Freunde und Kunden verleiteten ihn zum Trinken. Niemand kam mit leeren Händen zu ihm. Niemand glaubte, daß er auch so gut arbeiten würde. Und er hatte Hände...« Sie beißt sich auf die Lippe und verstummt.
Und ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Trösten zu wollen wäre dumm, beizupflichten ebenfalls.
»Da habe ich mich von ihm getrennt.« Lidia blickt ins Leere, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. »Ich dachte: Wenn ich nun ein Kind kriege von dem Trinker? Ein geschädigtes, verkrüppeltes Kind. Man hat mir erzählt, daß so was passiert. Oh, wenn Sie wüßten, was ich durchgemacht habe, wie ich mir den Kopf zermartert habe. Wir weinten beide. Auch Slawka. Er versprach, sich kurieren zu lassen und dann zu mir zurückzukommen. Im April ist es zwei Jahre her. Nun brauche ich nicht mehr zu warten. Es ist zwecklos.« Lidia trocknet sich die Tränen. Ihre Gesichtszüge treten schärfer hervor, ihre Wangen sind weniger rot, und ihre Augen haben einen Ausdruck von Schmerz. »Er kommt nicht zurück, seine Kumpane sind ihm lieber. Ah, jetzt fällt es mir ein: Er hat mir von Nikolai Sowko erzählt, er war begeistert von ihm.«
»Begeistert?«
»Ja. Angeblich hat dieser Nikolai vor keinem Angst, und er macht, was er will. Aber alle anderen haben vor ihm Angst. Auch Slawka, wie er mir gestand. Nikolai soll bei der Miliz Bekannte haben. Deshalb kann er sich sicher fühlen. Und von alldem war Slawka begeistert.«
»Sie warten trotz allem noch auf ihn?« frage ich.
Lidia schaut zu Boden. »Die Frau ist immer treuer als der Mann«, sagt sie nachdenklich. »Und sie liebt stärker. Wenn ich Slawka bessern könnte, würde ich mein Blut hergeben, alles.«
»Sie sind stark, Lidia«, sage ich. »Und einen Schwachen zieht es unweigerlich zu Ihnen hin. Slawka ist so ein schwacher Mensch.«
Lidia winkt, ohne aufzusehen, müde ab. »Ich habe noch meine Mutter«, sagt sie halblaut. »Für sie brauche ich auch Kraft.«
Ich erinnere mich, daß Lidia in einer Stunde Mittag machen wollte. Es ist Zeit, daß ich gehe.
Im Vorraum verabschiede ich mich. Lidia drückt mir ein wenig verlegen die Hand. Ljochas Tod habe ich ihr nun doch nicht mitgeteilt. Sie wird es schon noch erfahren, aber nicht von mir und nicht jetzt.
»Kommen Sie ruhig wieder her, wenn Sie noch etwas wissen möchten«, sagt sie höflich.
»Und falls Sie irgendwann Hilfe brauchen«, sage ich, »rufen Sie meinen Freund an. Er ist Mitarbeiter der Kriminalmiliz Ihrer Stadt. Ich sage ihm Bescheid. Man weiß nie, was passieren kann. Er tut alles für Sie, ebenso wie für mich. Das garantiere ich Ihnen.«
»Danke«, sagt Lidia leise.
Ich schreibe ihr Dawud Mamedows Telefonnummer auf einen Zettel. Es ist gut, Freunde zu haben, für die man sich verbürgen kann.
Die Straße empfängt mich mit hellem Sonnenschein. Das erlebe ich zum erstenmal in diesen beiden Tagen. Der Himmel ist nicht mehr grau und schwer, sondern blau und wolkenlos. Weit unten, hinter den Häusern und den Bäumen sehe ich einen tiefblauen Streifen Meer. Nachdenklich gehe ich die steile Straße hinunter. Ringsum ist alles plötzlich hell und fröhlich. Die schmutzige Straße ist vergnügt, die Häuser, die eben noch düster und grämlich aussahen, blitzen mit den Fensterscheiben. Die Menschen wirken munter und fröhlich. Ich fühle mich beschwingt und möchte lächeln, obwohl ich eigentlich keinen Grund habe. Neue Verbindungen Ljochas habe ich nicht in Erfahrung gebracht, nur einen gewissen unsoliden Slawka, der mit der Sache offenbar nichts zu tun hat. Dann habe ich noch festgestellt, daß Ljocha von Semanski entlassen wurde und deshalb natürlich wütend auf ihn war. Doch deswegen bringt man keinen Menschen um. Wer hat Ljocha und Pest den Befehl gegeben, Semanski zu töten? Und weshalb wurde er getötet? Hatten sie das Diebesgut nicht geteilt? Ich zweifle immer mehr daran. Überhaupt »fügt« sich der Diebstahl nicht in die Sache, in die Beziehungen der Menschen. Und nach wie vor bleibt dieser Lew Ignatjewitsch unbekannt. Den Befehl hat höchstwahrscheinlich er gegeben. Wer ist er, wo kommt er her? Sicherlich ist er Moskauer, deshalb kennt ihn hier keiner. Keiner? Nun, wir werden sehen. Was haben mir die beiden Frauen noch mitgeteilt? Lidia hat mir von Semanskis Machenschaften erzählt. Irgendein Garn kommt aus Moskau und geht irgendwohin. Das ist schon Okajomows Ressort. Und er hat sich dafür interessiert. Allerdings ziemlich ungeschickt und tölpelhaft. Für mein Ressort gibt's nichts Neues. Ich setze meine Hoffnung auf den Lahmen. Über Pest, den es festzunageln gilt, habe ich bisher nichts erfahren. Doch - stop! Der Lahme sprach von ihm und nannte ihn seinen persönlichen Feind. Das ist wenig. Über Pest müssen wir alles wissen. Durch ihn können wir den Mord an Semanski und auch den Einbruchsdiebstahl aufdecken, obwohl wir den Diebstahl demnächst wahrscheinlich auch von einer anderen Seite klären können - mit Hilfe der beiden aus dem Moskwitsch. Der Weg zu dem geheimnisvollen Lew Ignatjewitsch führt ebenfalls über Pest. Die seltsamen Andeutungen des Typs im Cafe beunruhigen mich nicht mehr. All das habe ich in Moskau gelassen, während hier... Hier sind mir die Verbindungen Pests, des lebenden Pests, wichtig, nicht die des toten Ljocha. Sie hatten sich als Gorillas verdungen. Wen sollten sie beschützen? Mal sehen, was der Lahme heute zutage fördert. Einstweilen. Ich schaue auf die Uhr. Ich könnte Mittag essen. Mit Dawud treffe ich mich erst am Abend, er steckt bis über die Ohren in Arbeit. Nach dem Essen werde ich zu Pests Mutter gehen, bei der auch seine Frau und seine Tochter wohnen.
Der öde Platz, auf dem ich gerade bin, hat nur ein paar kümmerliche Läden und Kioske zu bieten, kein Restaurant. In der Sonne blinzelnd, schlendere ich weiter bergab, der Kurortzone der Stadt zu. Bald darauf spüre ich den Geruch des Meeres. Auf der Uferstraße bleibe ich begeistert stehen. Die grünen Wellen funkeln und spielen in der Sonne, schneeweiße Schaumkämme laufen über sie hin, die vom fernen Horizont kommen, wo Himmel und Meer zusammenstoßen, Nach einer Weile gehe ich weiter und finde schließlich eine Gaststätte, die geöffnet hat. Ich setze mich an eins der roten Plastetischchen und werfe den Mantel auf den Nachbarstuhl. Dann lese ich die zerknitterte Speisekarte. Unter anderem preist sie Rührei und irgendwelche gedünsteten Klopse an. Ich beschließe, beides zu bestellen. Das Warten beginnt. Zum Glück habe ich einiges, was ich mir durch den Kopf gehen lassen kann. In dem Haus, das ich nachher aufsuchen will, herrscht regelrechter Krieg, Pest-Koljas Mutter kämpft gegen ihre Schwiegertochter, die sich von Kolja scheiden lassen will. Ich verstehe die Schwiegertochter, an einem Mann wie Pest hat sie kaum Freude.