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Nach einer Stunde verlasse ich halb satt das Lokal und biege von der Uferstraße ab. Pests Familie wohnt auf dem Gelände eines großen Sanatoriums, wo seine Frau als Köchin arbeitet.

Der Gitterzaun des Sanatoriums ist durchweg mit wildem Wein berankt. Aus dem Wächterhäuschen am großen Tor tritt, als ich mich nähere, der Wächter, ein noch nicht alter müder Mann in Mantel und Uniformmütze mit gelber Einfassung, das gedunsene Gesicht unausgeschlafen, die Augen verschwollen und böse.

Während ich an ihm vorbeigehe, sage ich lässig: »Inspektion.«

Der Wächter starrt mich verdattert an und salutiert.

Eine lange Zypressenallee führt mich zu dem großen hellen Sanatoriumsgebäude, vor einem kleineren Gebäude, dessen Fenster fast die ganze Front einnehmen, frage ich eine ältere Frau in weißem Kittel nach dem Weg. Am anderen Ende des schönen Parks finde ich dann das lange einstöckige Haus, das von der Straße jenseits des Sanatoriumszauns zugänglich ist. Ich trete in den vierten Eingang, steige in den ersten Stock hinauf und klingle an der Wohnung einunddreißig. Ich klingle ein paarmal, ehe mir von einer hageren alten Frau mit Brille geöffnet wird. Sie hat sich ein dunkles Tuch umgelegt. Stechend blickt sie mich an.

»Guten Tag, Olga Petrowna«, sage ich.

»Guten Tag, wenn du schon mal da bist«, antwortet die Alte und mustert mich mißtrauisch, bittet mich aber nicht in die Wohnung.

»Ich möchte mich mit Ihnen über Ihren Sohn unterhalten. Ich bin von der Miliz.«

»Mich geht das nichts an, was da mit ihm ist«, entgegnet die Alte feindselig. »Soll er sich selbst verantworten.«

»Das wird er auch. Aber wir müssen ihn besser kennenlernen. Und deshalb haben wir beschlossen, uns mit Ihnen zu unterhalten. Erlauben Sie?«

»Ich weiß nichts über ihn«, antwortet die Alte ärgerlich und versperrt mir nach wie vor den Eingang. »Und mit mir gibt's nichts zu reden. Ich bin krank.«

»Vielleicht ist er gar nicht Ihr Sohn?« frage ich. »Vielleicht liegt ein Fehler vor, und ich bin an die falsche Adresse geraten?«

»Mein Sohn ist er. Kann mich ja nicht von ihm lossagen. Aber seine Frau, die kann das.«

»Bestimmt tut sie es nicht grundlos.«

»Ob mit Grund oder ohne, das ist unsre Sache.«

»Völlig richtig«, sage ich. »Das ist Familiensache. Trotzdem müssen wir uns, um der Gerechtigkeit willen, über Ihren Sohn Klarheit verschaffen.«

»Von euch kann man doch keine Gerechtigkeit erwarten!«

»Offensichtlich wollen Sie gar keine.«

»Meine Sache, was ich will.«

»Nein«, entgegne ich schroff. »Koljas Sache ist das. Sie sind jetzt schlimmer als eine Fremde für ihn, während ich, wie's ausschaut, besser als die Mutter zu ihm bin.«

»Ach nein«, sagt die Alte spöttisch, »was sich da für einer gefunden hat. >Besser als die Mutter<! Und was willst du von mir, du Klette?«

»Zu Ihnen hereinkommen und reden.«

»Du läßt nicht locker«, sagt die Alte feindselig. »Na, komm rein, wenn's so ist.«

Sie tritt beiseite. In dem kleinen Vorraum hänge ich meinen Mantel an und folge der Alten ins Zimmer. Es ist weit besser als das eingerichtet, in dem ich am Vormittag gewesen bin. Neue Möbel, sicherlich ungarisch oder rumänisch, in den verglasten Fächern des langen Wohnzimmerschrankes Kristallvasen, ein schönes Teeservice und noch irgendwelches Geschirr, um den runden Tisch mit dem bunten Deckchen und der niedrigen breiten Vase schwere geschweifte Stühle, an der Wand ein riesiges Sofa, über dem Tisch ein großer tschechischer Kristallüster. Wohlstand herrscht in diesem Haus, als sitze das Oberhaupt der Familie, ein Bandit und Mörder, nicht schon zum dritten Mal im Gefängnis.

»Also, rede«, sagt die Alte immer noch feindselig. Steif, als hätte sie eine Elle verschluckt, hat sie sich auf die Sofakante gesetzt. Sie denkt gar nicht daran, mir einen Platz anzubieten.

Und ich sage das erste, was mir einfällt: »Kolja ist wieder hinter Gittern. Er braucht Sachen.«

»Gott wird ihm helfen...«

»Nein, nein«, entgegne ich heftig. »Er braucht Hilfe. Wenn Sie sich nicht kümmern, muß es Jermakow tun.«

»Wieso der?« fragt die Alte verwundert.

»Gerade der. Und er müßte, wenn er Gewissen hat, auch Ihnen helfen.«

»Gewissen. Das hat keiner. Hüten muß man sich vor den Menschen, Hilfe darf man von ihnen nicht erwarten. Jeder führt was im Schilde, will durch dich oder einen anderen etwas für sich herausschlagen. Ich habe Gott sei Dank genug gesehen.«

»Und diese Einstellung haben Sie Kolja beigebracht!«

»Warum nicht, wenn's doch stimmt!«

»Ein Verbrecher ist er geworden, ein Räuber, fast ein Mörder.«

Auf die Alte machen meine Worte keinen Eindruck.

»Ach was«, gleichgültig winkt sie mit der Hand. »Ob ich ihm das beibringe oder nicht, das kommt von selbst, von innen heraus.«

»Und Sie meinen, die Menschen ringsum können nichts mehr machen? Natürlich müßte man mit Mutter und Vater anfangen, aber dazu ist es zu spät.«

»Schön, schön. Behalt das alles für dich. Weshalb bist du gekommen?«

»Können Sie mir nicht doch erklären, wie Kolja auf die schiefe Bahn geraten ist?«

»Wer weiß? Ich hab ihm das Stehlen nicht beigebracht.«

»Wer dann? Seine Freunde?«

»Frag ihn doch selbst. Woher soll ich das wissen?«

»Ach, Olga Petrowna«, sage ich seufzend. »Wollen Sie denn nicht das Beste für Ihren Sohn? Möchten Sie denn nicht ein gutes Wort für ihn einlegen?«

»Frag lieber ihn, für wen er das Beste will. Die Mutter hat er an den Rand des Grabes gebracht, aus seiner Frau hat er ein altes Weib gemacht, und seine Tochter wächst ohne Vater auf. Soll er verrecken, er ist nicht mein Sohn. Ich hab ihn mir schon lange aus dem Herzen gerissen. Basta.« Sie preßt die dünnen Lippen aufeinander und wendet sich ab.

»Kennen Sie Gwimar Iwanowitsch Semanski?«

»Nein.«

»Und Lew Ignatjewitsch?«

»Auch nicht. Sollen sie alle mit ihm zusammen krepieren.«

»Kennen Sie Ljocha?«

»Ja.«

»Er ist tot.«

»Du lügst.«

»Ich sage die Wahrheit. Er ist überfahren worden. Er flüchtete mit einem gestohlenen Koffer, schaute nicht nach links und nicht nach rechts. Nun, und da geriet er unter die Räder eines Lastwagens. Er war auf der Stelle tot.«

»Gott sieht alles«, sagt Olga Petrowna gleichgültig.

»Einen Freund hat Kolja gehabt, und der ist nun tot.«

»Von der Sorte hat er viele, für all die Ungeheuer reichen die Räder nicht aus.«

»Woher wissen Sie, ob es viele oder wenig sind?«

Olga Petrowna schweigt, sie will nicht antworten, starr blickt sie an mir vorbei. Dann stößt sie zwischen den Zähnen hervor: »Gib dir keine Mühe. Keinen kenn ich. Keinen Jermakow. Von denen sind genug da.«

»Wo?«

Die Alte schweigt wieder. Nein, ich finde keinen Weg zu ihrem abgestorbenen, gefühllosen Herzen.

»Wie alt ist Ihre Enkelin?« frage ich.

»Sie wird acht.«

»Hat sie ihren Vater lieb?«

»Das ist ihre Sache.«

»Aber sie ist doch noch ein Kind!«

»Ich sage, es ist ihre Sache.«

Die Alte sitzt unverändert stocksteif auf dem Sofarand, die Hände auf den Knien gefaltet, und starrt ins Leere. Die hat Charakter!

»Ist Natalja Viktorowna zur Arbeit?« frage ich.

»Ja.«

»Wann kann ich sie sehen?«

»Laß sie in Ruhe«, stößt die Alte böse hervor. »Mach ihr um Christi willen das Leben nicht noch schwerer.« Ihr runzliges gelbliches Gesicht zeigt keine Regung.