Ich stehe auf. Es hat keinen Sinn, noch etwas zu sagen. Und wahrscheinlich hat es auch keinen Sinn, eine Begegnung mit Pest-Koljas Frau zu suchen. Ihr Groll auf Kolja ist sicherlich noch größer als der seiner Mutter. Und mit Recht. Er ist hier ein Fremder, ein Feind sogar.
»Alles Gute für Sie, Olga Petrowna«, sage ich und gehe in den Vorraum.
Stumm folgt sie mir. Und ich verlasse das Haus, ohne noch ein Wort von ihr gehört zu haben.
Ich beschließe, ein wenig zu bummeln. Bis zu meinem Besuch bei dem Lahmen habe ich noch Zeit. Die Sonne ist inzwischen verschwunden, der Himmel hat sich grau bezogen. Kalter, feuchter Wind weht vom Meer. Ringsum ist wieder alles düster und traurig. Und auch in mir sieht es so aus.
Während ich die Straße entlang schlendere, überlege ich, wohin ich gehen, wem ich einen kurzen Besuch abstatten könnte. Da kommt mir der Gedanke, daß es nicht schlecht wäre, einen Abstecher in d as Geschäft zu machen, wo der verstorbene Semanski Direktor war. Ich bin neugierig auf seinen flinken Nachfolger, der Lidia Soduchina, der Schwester des leider ebenfalls schon toten Ljocha, nachstellt.
Die Adresse ist mir bekannt, und gleich der erste Passant, den ich frage, zeigt mir den Weg. Nachdem ich zwei oder drei Straßen mit hellen schönen Häusern, Zäunen, Treppen und Grünanlagen, in denen im Sommer sicherlich duftende Blumen blühen, hinter mich gebracht habe, finde ich zwischen großen und kleinen Geschäften das, welches mich interessiert, ein bescheidenes Lädchen, das sich seiner Bestimmung zu schämen scheint. Es besitzt kein Aushängeschild, sondern nur ein neben der Tür befestigtes Täfelchen, das verkündet, daß dieses Großhandelsgeschäft zu einer Organisation mit unwahrscheinlich langem Namen gehört.
In dem dämmrigen, nicht sehr großen Raum mit drei Ladentischen langweilt sich eine einzige Verkäuferin. Hinter ihr hängt eine zerknitterte dunkle Kombination mit unmäßig langen Beinen an einem Kleiderständer, daneben, an einem anderen Ständer, ein schwarzer Satinkittel, ebenfalls unwahrscheinlich lang.
Die nicht mehr junge Verkäuferin, sie trägt genauso einen Kittel, beobachtet mich schläfrig.
Höflich erkundige ich mich: »Ist Georgi Iwanowitsch, der Genosse Schprinz, zu sprechen?«
Bei dieser etwas ungewöhnlichen Frage belebt sich die Verkäuferin ein wenig, ordnet sogar die Frisur, und nachdem sie sich umgedreht und geräuspert hat, ruft sie in eine Tür hinter dem Ladentisch: »Georgi Iwanowitsch, hier will jemand zu Ihnen!«
Gleich darauf erscheint ein kleiner schwächlicher Mann mit Glatze und abstehenden Ohren, er trägt eine große Brille mit starken Gläsern. Sein schmales Mausegesicht ist voller Runzeln, unter der spitzen Nase sträubt sich ein rötliches Schnurrbärtchen. Auch er hat einen schwarzen Satinkittel an, darunter ein gestreiftes Oberhemd mit einem andersfarbigen gestreiften Schlips.
»Sie wollen zu mir?« fragt Schprinz gespannt.
»Ja.«
»Bitte!« Er macht eine einladende Gebärde zur Tür hin. »Dort können wir besser reden.«
Durch einen kleinen dunklen Korridor gelangen wir in ein enges, bescheiden eingerichtetes Büro. Hinter dem Sessel des Direktors hängen eine mit Buntstiften geschriebene Wettbewerbsverpflichtung für das vergangene Quartal, ein langweiliger Monatskalender und irgendwelche mit Schreibmaschine getippten Listen. Neben der Tür ist ein Kleiderhaken. Ich ziehe mir den Mantel aus.
Schprinz bietet mir den vor seinem Schreibtisch stehenden Sessel an, schlüpft behend zwischen dem Tisch und der Wand zu seinem Platz durch und verschwindet gleichsam zwischen Papieren und Mappen, als er sich niederläßt, nur die Brille und die Ohren ragen hervor.
»Nun, womit kann ich dienen?« fragt er, wobei er den Kahlkopf seitwärts neigt und mich durch die Brillengläser ausdruckslos anblickt. Diese große Brille mit der schweren dunklen Fassung scheint ihn gegen seine Umgebung abzuschirmen.
»Ich bin von der Miliz«, sage ich in friedfertigem Ton. »Es ist ein Unglück geschehen.«
»Um Himmels willen, was denn?«
»Sie haben doch Gwimar Semanski gekannt?«
»Und ob! Ich habe ihn gekannt und kenne ihn noch. Der ehrlichste...«
»Er ist ums Leben gekommen.«
»Was?« Schprinz springt auf.
»Ja, leider!« sage ich traurig. »Er hatte Geschäfte in Moskau, wie Sie wissen.«
»Von seinen Geschäften habe ich keine Ahnung, glauben Sie mir.« Erschrocken drückt er die kleinen Hände an die Brust. »Aber wie ist das passiert, mein Gott?«
»Er wurde ermordet«, sage ich.
»Ermordet? Weshalb?«
»Eben diese Frage führt mich zu Ihnen.«
»Ich weiß doch nichts. Ich schwöre es Ihnen«, stammelt Schprinz. »Wenn ich gewußt hätte. Glauben Sie mir.«
»Ich glaube Ihnen. Woher sollten Sie das wissen? Jedenfalls haben Sie ihn gekannt. So wie er Sie, als er Sie für diese Stelle empfahl.«
»Nun, in gewissem Maße, objektiv gesehen, habe ich ihn gekannt.« Schprinz lehnt sich zurück. »Das ist Fakt.«
»Und einige seiner Bekannten in Moskau kennen Sie auch?«
»An wen denken Sie da?« fragt Schprinz vorsichtig.
»Sie kennen diese Leute doch besser als ich«, sage ich sanft. »Es wäre peinlich, würde ich sie Ihnen nennen. Wir haben ja ein inoffizielles Gespräch.«
»Sie haben tausendmal recht!« ruft Schprinz und drückt wieder die Hände an die Brust. »Bekannte hat er dort, das heißt, hatte er. Das ist Fakt. Aber mein Gott, weshalb ist er zu ihnen gefahren? Können Sie mir das erklären?« fragt er mit märtyrerhafter Grimasse.
»Ich nehme an, um sie zu besuchen«, sage ich.
»Ja, ja«, stimmt mir Schprinz zu. »Sie haben tausendmal recht! Er hat dort, Verzeihung, hatte dort einen Busenfreund, das ist Fakt!«
»Einen Geschäftsfreund«, korrigiere ich ihn.
»Ja, ja«, bestätigt er und verstummt, als habe er sich verschluckt.
»Stellen Sie sich vor, Georgi Iwanowitsch«, sage ich mitfühlend, »in dem Hof, wo dieser Freund wohnt, ist er ermordet worden.«
»Bei Viktor Kuprejtschik?« ruft Schprinz in Panik. »Das kann nicht sein. Du lieber Gott!«
»Warum nicht? Zank und Streit enden oft tragisch.«
»Ja, ja. Moralisch verkommene Menschen. Das ist Fakt.«, stammelt Schprinz verwirrt. »Ist doch meine Rede. Die wollen nur raffen. Nur für sich.«
»Und Lew Ignatjewitsch.«
»Gehen Sie mir mit dem.«, ruft Schprinz zornig. »Der ist ein Schakal, eine Hyäne. Den kann Kuprejtschik genausowenig leiden.«
»Aber er empfängt ihn«, sage ich für alle Fälle.
»Was bleibt ihm denn anderes übrig? Soll er nur sympathische Leute empfangen? Moralisch möchte er das natürlich. Faktisch jedoch.«
»Wann haben Sie ihn zum letztenmal gesehen?«
»Wen? Entschuldigen Sie.«
»Kuprejtschik.«
»Im vorigen Sommer. Er war mit seiner Frau zur Erholung hier. Ein sehr netter kultivierter Mann.«
»Geschäftsmann?«
»Oh! Ich verstehe Ihre Anspielung«, sagt Schprinz mit schlauem Lächeln »Aber vergessen Sie nicht, daß seine Lieferungen an uns völlig offiziell sind. Er führt nur die Anweisungen seiner Vorgesetzten aus, das ist Fakt!« Sein Finger beschreibt eine Kurve und erhebt sich bedeutungsvoll über seinem Kopf.
»Sie denken an das Garn?« frage ich.
Schprinz nickt. »Genau.«
»Hatte Semanski denn nach seinem Ausscheiden aus dem Geschäft damit zu tun?«
»Ich habe keine Ahnung«, ruft Schprinz aus und hält beide Hände vor sich, als wollte er jemanden abwehren. »Das versichere ich Ihnen! Die Papiere gehen den offiziellen Weg. Über die Verwaltung. Wegen der hohen Unterschrift. Das ist Fakt.«