»Sicherlich werden trotzdem Beschaffer gebraucht?« frage ich.
»Die werden überall gebraucht, das ist Fakt«, sagt Schprinz.
»Und Jermakow.«
»Du lieber Gott, was kümmert das Geli?« Mein Gesprächspartner gerät erneut in Panik. »Der hat doch gewissermaßen ein anderes System. Das ist Fakt, absolut!«
»Aber Lew Ignatjewitsch.«
Absichtlich werfe ich ihm die Namen hin. Soll er sich in aller Eile klarzuwerden versuchen, was ich weiß Und was nicht, wo ich ins Schwarze treffe und wo daneben. Soll er es versuchen und sich dabei verhaspeln. Wenn er sich verhaspelt und nervös wird, erfahre ich vielleicht etwas Nützliches.
»Glauben Sie Lew Ignatjewitsch nicht, ich flehe Sie an!« Schprinz ist außer sich vor Entrüstung, er schreit beinahe, und beschwörend streckt er die kurzen Arme aus. »Er ist ein Betrüger und Demagoge! Das ist Fakt, absolut! Der gibt Sachen zum besten, bringt so hochökonomische Begründungen, daß man ihn für einen Gelehrten halten könnte. Dabei würde er dem eigenen Vater die Kehle durchschneiden! Der verkauft jeden! Ach, mein Gott, Gwimar. Welch ein Unglück!«
Ich kann nicht so schnell auf den toten Gwimar Semanski umschalten. »Ökonomische Begründungen«, »Demagoge«? Das sieht sehr nach meinem Gesprächspartner im Cafe aus, nach Pawel Alexejewitsch. Aber bei Lew Ignatjewitsch handelt es sich um einen einfachen Einbruchsdiebstahl ohne irgendwelche Demagogie und ökonomische Begründungen. Ich begreife nichts! Und ich werfe Schprinz noch einen Namen hin. »Und Pawel Alexejewitsch?«
»Wer?« Schprinz schaut mich erstaunt an.
»Pawel Alexejewitsch«, wiederhole ich.
»Entschuldigen Sie, so einen kenne ich nicht«, erklärt er kategorisch und fragt mich wieder mit zitternder Stimme: »Wer hat ihn denn ermordet, ist das schon bekannt?«
»Ja. Stellen Sie sich vor - Kriminelle aus Ihrer Stadt. Und anschließend plünderten sie Kuprejtschiks Wohnung.«
»Oh, was alles passiert, du lieber Gott!« jammert Schprinz und greift sich an den Kopf. »Ich weigere mich, es zu glauben! Das mit Gwimar verstehe ich noch irgendwie. Lew schreckt vor nichts zurück, wenn. wenn er tüchtig verdienen kann. Aber die Hand gegen Viktor Kuprejtschik erheben, das goldene Huhn. Das begreife ich nicht.«
Demnach ist Kuprejtschik ein »goldenes Huhn«? Ein Huhn, das goldene Eier legt? In Gestalt dieses Garns? Oh, jetzt müßte ich meinen Freund Edik Albanjan hier haben, der in unserer Moskauer OBChSS arbeitet. Zu Okajomow, zu seiner Qualifikation und seinen Fähigkeiten, habe ich kein Zutrauen.
»Lew Ignatjewitsch hat es nicht selbst gemacht«, sage ich. »Er hat seine Leute in Kuprejtschiks Wohnung geschickt, verstehen Sie? Aber es ist möglich, daß er selbst von jemand geschickt wurde«, schließe ich vielsagend.
»Und ich erkläre Ihnen, Sie sind verrückt!« entgegnet Schprinz hitzig und fuchtelt mit den Armen, als wollte er mich aus dem Zimmer scheuchen. »Ja, ja! Mein Gott, da müßte man ja ein Idiot sein!«
»Lew Ignatjewitsch ist doch wohl kein Idiot?«
»Der frißt uns beide, ohne daß wir es merken. Wir wachen auf, wenn er uns schon verdaut. So ein Idiot ist er!«
»Ja, ein gefährlicher Mensch. Was hat er mit Semanski nicht geteilt, was meinen Sie? Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Weshalb?«
»Das ist doch klar!« Schprinz grinst sarkastisch und rückt die auf die Nasenspitze gerutschte Brille zurecht. »Einen kolossalen Braten, nichts anderes. Ich habe keine Ahnung, was für einen, das ist Fakt. Woher soll ich es auch wissen? Ich habe mich nie in ihre Sachen eingemischt. Und mische mich nicht ein. Ich kenne meinen Platz. Basta! Punktum!«
»Kann der Braten nicht die reiche Wohnung Kuprejtschiks gewesen sein, genauer, die seines Schwiegervaters, des verstorbenen Akademiemitglieds? Allein die Bilder.«
»Nein, nein! Das ist Fakt, absolut!« Schprinz schüttelt entschlossen den Kahlkopf und hält die Hände mit den gespreizten Fingern vor sich. »Aber beachten Sie, daß ich nichts weiß. Gar nichts! Ich wiederhole, ich mische mich nicht in ihre Angelegenheiten ein. Das ist Fakt, absolut. Und mehr weiß ich nicht. Ich will ruhig schlafen, entschuldigen Sie, so ist das!«
Schprinz ist offenbar endlich zur Besinnung gekommen und denkt an seine eigene Sicherheit. Das hätte er längst tun müssen.
»Sie fragen, wer ihn ermordet hat?« Ich lasse ihm keine Zeit, seine Gedanken auf die eigene Sicherheit zu konzentrieren.
»Ja, ja!« Ungeduldig beugt er sich vor.
»Die Namen werden Ihnen nichts sagen. Oder doch! Der eine hat ja in diesem Geschäft gearbeitet!«
»Krassikow, Ljocha, ja?« ruft Schprinz beinahe erfreut aus.
»Genau. Er hat bei Ihnen, aber nicht für Sie gearbeitet.«
»Das ist vor meiner Zeit gewesen, noch bei Gwimar.«
»Das spielt keine Rolle. Er hat auch nicht für Gwimar Semanski gearbeitet.«
»Für wen dann?« Schprinz gibt sich naiv.
»Überlegen Sie selbst.«
»Nun, für wen?« fragt Schprinz ungeduldig.
»Sie wissen es, Georgi Iwanowitsch, das ist Fakt, absolut!« sage ich spöttisch.
»Ich weiß es?« fragt er hitzig.
»Ja, Sie.«
»Ich habe Ihnen bloß zugestimmt, denn Sie haben ja gesagt, daß er für Lew Ignatjewitsch arbeitet. Einverstanden.«
»Und für wen arbeitet Lew Ignatjewitsch?«
»Das weiß ich nicht. Absolut. Ich versichere es Ihnen!«
»Wie Sie wollen, Georgi Iwanowitsch.« Ich zucke die Schultern. »Sie brauchen nicht zu reden. Ich zwinge Sie nicht. Aber Ljocha hat es nicht allein gemacht«, sage ich. »Da war noch einer.«
»Noch ein Mörder?« präzisiert Schprinz zitternd.
»Ja.«
»Entsetzlich. Armer Gwimar. Wer ist der zweite Bandit?«
»Den kennen Sie wahrscheinlich nicht.«
»Woher wissen Sie, wen ich kenne und wen nicht?« fragt Schprinz gereizt. »Ich kenne die halbe Stadt, ich...«
»Er heißt Sowko.«
»Sowko?« wiederholt Schprinz verdutzt und rückt erneut die Brille zurecht. »Wirklich. Den Namen habe ich noch nie gehört. Und wie lautet der Vorname dieses Lumpen?«
»Nikolai.«
»Tja. Ich hab keine Ahnung.«
»Sie waren beide als Gorillas zu jemand gegangen.«
»Was ist denn das nun wieder?« fragt Schprinz verwundert.
»Ich weiß es selbst nicht«, antworte ich. »Jemand hat es gesagt.« Ich neige mich vor und raune: »Jetzt verstehen Sie, wozu Ljocha fähig ist?«
»Was ist da nicht zu verstehen, mein Gott?« ruft Schprinz.
»Dann haben Sie folgendes im Auge: Wenn Lidia sich plötzlich bei ihm über Sie beschwert, dann, fürchte ich, können wir Sie auch nicht retten. Nun, hinterher werden wir ihn finden, das ist klar.«
Schprinz erbleicht. »Da. danke«, stottert er.
Ich muß gestehen, mir ist ein bißchen unbehaglich zumute, weil ich den toten Ljocha hier eingespannt habe, damit er wenigstens nach seinem Tod etwas Nützliches für seine Angehörigen tut.
Ich stehe auf und verabschiede mich. Schprinz ist nach unserem Gespräch wie benommen.
Draußen ist es bereits dunkel. Es ist ungefähr sechs, und ich muß mich beeilen. Ich ziehe mir den Mantel an und verlasse das kleine Büro.
Der Laden ist wie vorhin leer. Als ich zur Tür gehe, blickt die schläfrige Verkäuferin auf, und ich nicke ihr zum Abschied zu.
Ich wandere in Richtung Uferstraße, ohne die Passanten zu bemerken, und ich spüre, wie mir der Kopf zu schmerzen beginnt. Allzuviel Eindrücke hatte ich an diesem Tag, eine Menge wichtiger Mitteilungen muß ich im Gedächtnis behalten. Und nun steht mir noch die wichtige Begegnung mit dem Lahmen bevor. Er hat irgendwelche Rechnungen mit Pest zu begleichen, irgend etwas ist zwischen ihnen vorgefallen. Und zwar vor langer Zeit und weit von hier, in Sibirien, entweder in der Strafkolonie oder später, als der Lahme seine Strafe verbüßt hatte und in die Vaterstadt zurückgekehrt war. Ja, wahrscheinlich nach seiner Rückkehr. Wegen dieses Pest mußte er Nowosibirsk verlassen, von dort fliehen. Welche niederträchtige, schändliche Rolle hat Pest damals gespielt? In einem günstigen Augenblick muß