Выбрать главу

ich den Lahmen fragen. Von selbst wird er sicherlich nicht darüber sprechen. Aber ich muß unbedingt alles wissen, was Pest betrifft. Denn mit ihm werden wir noch unsere liebe Not haben. Dieser Mensch ist sehr gefährlich. Irgendwann wird er wieder in Freiheit sein. Wie wird er dann sein, noch genauso gefährlich? Was müssen wir tun, damit er als ein anderer herauskommt?

Ich biege einmal ab, ein zweites Mal, überquere einen kleinen Platz, dessen Springbrunnen jetzt im Winter stumm ist, und gelange wenig später auf die Uferstraße.

An der Steinbrüstung bleibe ich stehen, atme genießerisch die herbe salzige Luft und biete mein Gesicht dem Gischt dar. Mir wird wohler, und die Kopfschmerzen lassen nach. Unten rollen die unsichtbaren Wogen krachend gegen die Steine. Und ich spüre, wie meine Müdigkeit verfliegt. Ich bin mutterseelenallein hier.

Plötzlich höre ich ferne Stimmen, die sich allmählich nähern, ich unterscheide einzelne Ausrufe -hemmungslos, trunken, unflätig. Rowdys nähern sich der Stelle, wo ich stehe. Dort, wo sie gehen, ist die Uferstraße von den seltenen Laternen erhellt, rings um mich aber ist es stockfinster. Deshalb sehen sie mich nicht, während ich sie immer deutlicher erkenne. Sie nehmen die ganze Breite des Fahrdamms ein. Einer tänzelt, einer fängt an zu singen. Eine gefährliche Bande für einsame Passanten, Frauen zumal. Ein Bursche überragt die anderen um Haupteslänge. Sollte das Slawka sein? Er war begeistert von Pest, weinte, als Lidia ihn verließ. Natürlich, er ist es.

Und plötzlich, ohne mir Rechenschaft über mein Tun zu geben, gehe ich der betrunkenen Gesellschaft entschlossen entgegen. Ich wachse so unvermittelt aus der Dunkelheit vor ihnen auf, daß sie vor Überraschung verstummen und sogar ein bißchen erschrocken sind. Das entspricht nicht der Logik der Situation. Der einzelne Passant müßte vor ihnen erschrecken und weglaufen. Dann würde ihm die wilde Schar johlend nachjagen, berauscht von ihrer Kraft, von ihrer grausamen Macht über den verängstigten Menschen, vom süßen Vorgeschmack der rohen Abrechnung.

Schon haben sie sich vor mir aufgebaut. Grimmige, gespannte Gesichter. Sie warten. Gleich kann einer die Beherrschung verlieren, etwas schreien, die anderen fallen ein, grölen, und dann.

Diesem Ausbruch komme ich zuvor. Ich packe den großen zerzausten Burschen - er trägt ein zerknittertes Jackett, einen Pullover darunter -, ziehe ihn zu mir und frage schroff: »Slawka?«

»Ja«, sagt er mürrisch. »Was weiter?«

Mir scheint, er ist weniger betrunken als die anderen.

»Komm, ich muß dir zwei Worte sagen.«

»Das ist 'n Bulle!« brüllt ein Bursche plötzlich und macht einen Satz auf mich zu. »'n Bulle! Ich hab ihn gesehen. Macht ihn fertig!«

Er holt aus, und ich bin gezwungen, mit einem blitzschnellen Schwinger zu reagieren. Ein elementarer Schlag, und der Bursche fliegt wie von der Axt gefällt auf den Asphalt. Hoffentlich stürzen sich jetzt nicht die anderen auf mich, alle zugleich, von verschiedenen Seiten! Aber der Hieb hat Eindruck gemacht.

»Was bist du für einer?« fragt mich Slawka finster.

»Ein Zugereister. Pest läßt grüßen«, murmle ich.

»Oh! Moment, Jungs! Bin gleich wieder da!« ruft Slawka.

Wir treten beiseite. Die anderen drängen sich um den Niedergestreckten, helfen ihm auf und erörtern meinen    Hieb. In    der Diskussion überwiegen achtungsvolle Töne, wie mir scheint. Ob ich von der Miliz bin, bleibt ungeklärt.

Leise sage ich zu Slawka: »Pest haben sie in Moskau eingelocht. Für viele Jahre. Wegen Mord und versuchtem Mord an einem Mitarbeiter der Miliz.«

»Das    bedeutet nicht viele Jahre, sondern Todesstrafe«, entgegnet Slawka dumpf.

»Jetzt weiß er weder aus noch ein. Es sieht schlecht aus für ihn. Doch auf dich, Slawka, wartet Lidia«, schließe ich überraschend.

»He!« Nun packt er mich am Mantel. »Rühr sie nicht an, klar?«

Als Antwort zucke ich die Schultern. »Paß selbst auf, daß du sie nicht verlierst. Wie lange kann man auf so einen Blödmann warten, was meinst du?« Und unvermittelt frage ich: »Wollt ihr zum Lahmen?«

»Hmhm«, antwortet Slawka zerstreut.

»Was wollt ihr von ihm?«

»Pest hat's befohlen. Der Lahme verpfeift alle.«

»Wen hat er denn verpfiffen?«

»Pest weiß es.«

»Klar. Demnach hat er beschlossen, auch hier andere die Dreckarbeit machen zu lassen. Wie in Moskau. Dort hat er Ljocha angestiftet, den Mord zu begehen.«

»Ljocha ist ein Einfaltspinsel!«

»Und du, bist du besser als Ljocha? Was hast du persönlich gegen den Lahmen?«

»Gar nichts. Aber wie's aussieht, singt er.«

»Wie's aussieht?« frage ich drohend. »Sieht's denn nicht so aus, als würdest du mir jetzt auch was singen? Wie willst du ihnen beweisen, daß es nicht so ist?« Ich deute auf die Burschen.

»Na, na«, wehrt Slawka ab. »Immer sachte.«

»Sag ihnen das. Da - wie sie uns anstarren!«

Tatsächlich. Die ganze Gesellschaft lauscht argwöhnisch und rückt langsam näher. Sie sind zu sechst. Meine letzten Worte haben sie bestimmt gehört. Und sie ärgern sich allmählich über ihre Befangenheit. Der Grund dafür bin ich, ein unverständlicher und ihnen irgendwie feindlich gesonnener Mensch, aber offenbar auch Slawka. Doch immer noch fühlen sie sich stark in ihrem Rausch, und sie wollen schlagen, johlen, fluchen und Blut sehen.

»He du! Hau ab! Sonst geht's dir dreckig, klar?« schreit mir einer von ihnen zu. »Dann hast du auf einmal 'n Messer zwischen den Rippen!«

Ach nein. Sie bitten mich, wegzugehen, sie haben nicht die Absicht, mich anzugreifen, sie kläffen nur von weitem wie böse und feige Hunde.

»Wir haben denselben Weg«, sage ich grinsend und füge, an Slawka gewandt, hinzu: »Na, was ist, besuchen wir den Lahmen? Oder hast du was anderes vor?« Und mit gesenkter Stimme sage ich: »Geh, Slawka. Geh zu ihr. Sie wartet auf dich. Ich habe sie heute gesehen. Du ahnst ja nicht, wie sie geweint hat!«

Slawka steht niedergeschlagen da, und er atmet schwer. Er weiß nicht, wie er sich entscheiden, was er tun soll. Und seine Nerven sind, ich spüre es, bis zum Äußersten gespannt. Ich drehe ihn um und gebe ihm einen leichten Stoß in den Rücken. »Geh!« befehle ich.

Und Slawka leistet keinen Widerstand.

»Schluß jetzt, Jungs«, sage ich, als hätte ich schon Macht über sie, »Schluß jetzt«, wiederhole ich entschlossen. »Weg mit dem Messer!« schreie ich plötzlich, die Gefahr mehr witternd als sehend.

Sofort steckt einer der Burschen ein Messer in die Tasche.

»Folgendes«, fahre ich fort und weise auf Slawka. »Er geht zu seiner Frau. Er hat eine Frau, klar? Und wir gehen zum Lahmen. Unterwegs erzähle ich euch was über ihn.« Und leise sage ich zu Slawka: »Geh, geh!«

Ich mache einen Schritt auf die Burschen zu. Noch einen und noch einen... Gespannt beobachten sie mich. Sie warten ab. Ich nähere mich ihnen ruhig, breite die Arme aus, um sie den beiden nächsten um die Schultern zu legen, wobei ich ziemlich riskant die Brust jedem Schlag darbiete.

»Kommt, ihr Gauner«, sage ich fröhlich. »Kommt, es ist Zeit.«

Widerstrebend gehorchen sie.

Slawka schaut uns nach. Ich kann mir vorstellen, was für ein Kampf jetzt in ihm tobt. Geht er?

»Halt!« brüllt Slawka und kommt uns nachgelaufen. »Halt, ihr Schufte!. Ich mach euch kalt!. Halt!. Ich mach euch kalt!«

Er zückt sein Messer und fuchtelt damit herum. Sein Gesicht ist wutverzerrt, weiße Schaumbläschen treten auf den Lippen hervor, er ist wie von Sinnen. Und unversehens versetzt er sich einen Stich und einen zweiten, bevor ich ihm das Messer aus der Hand schlagen kann.