Slawka schreit auf und bricht zusammen, die Burschen laufen zu ihm, versuchen ihm aufzuhelfen, doch er widersetzt sich, schlägt um sich und brüllt: »Ich bring euch um. Blut will ich sehen. Haut ab, haut ab.«
Einer der Burschen hebt plötzlich die feuchte Hand und schreit: »Da! Er blutet!«
Es ist, als hätte Slawka auf diesen Schrei gewartet. Er kippt nach hinten, röchelt und verliert das Bewußtsein.
Wir tragen ihn die Straße entlang. Als uns ein Auto entgegenkommt, stoppe ich es.
»Ins Krankenhaus!« rufe ich dem Fahrer zu. »Es ist äußerst dringend. Diese beiden begleiten Sie!«
Ich deute auf die beiden Burschen, die zufällig neben mir stehen. Widerspruchslos steigen sie ein. Mit den übrigen gehe ich in die Uferstraße zurück. Der Rausch scheint verflogen zu sein.
»Tja«, sage ich vorwurfsvoll. »Er hat durchgedreht.«
»Der hat eben nicht alle beisammen.«
»Er war immer völlig in Ordnung«, erwidert ein anderer, »es ist eben so über ihn gekommen.«
»Anscheinend liebt er seine Frau«, wirft der dritte Bursche ein.
Der vierte schweigt.
»Was ist, gehen wir zum Lahmen?« frage ich.
»Was sollen wir bei dem Halunken?« fragt der, der Slawka für verrückt erklärt hat. »Den nehmen wir aufs Messer. Tatsache.«
Ich kann ihre Gesichter immer noch nicht richtig erkennen. Dieser scheint älter als die übrigen zu sein.
»Höchste Zeit, meine Lieben, mit dem Gaunerleben Schluß zu machen«, sage ich. »Ihr seht ja selbst, was daraus entsteht. Kennt ihr Pest?«
»Kennen wir«, antwortet der ältere Bursche.
»Mit dem ist es aus«, sage ich hart. »Den seht ihr wieder, wenn ihr alte Männer seid. Vielleicht auch erst im Jenseits. Er sitzt in Moskau wegen Mord hinter Gittern. Und natürlich versucht er alles auf Ljocha abzuwälzen.«
Anscheinend ist ihnen immer noch nicht klar, wer ich bin, und sie verlieren sich in Vermutungen.
»Das kann er, alles auf andere abwälzen«, erklärt einer der Burschen. »Dein Kumpel, Käfer«, sagt er zu dem Älteren. »Bist ihm ja förmlich in den Hintern gekrochen.«
»Hör auf, Fuchs«, ruft der dritte, der bisher geschwiegen hatte, beschwichtigend.
»Na, warte, du Aas!« Käfer stürzt auf Fuchs zu, doch der Schweigsame stellt ihm ein Bein, und der strauchelnde Käfer hält sich an mir fest.
Ich richte ihn auf und sage: »Moment, Jungs, hört weiter zu. Das ist noch nicht alles. Über Pest wißt ihr also Bescheid?«
»Völlig«, antwortet Käfer. »Faselst du auch nicht?«
»Weshalb sollte ich. Nun zu Ljocha. Er ist tot. Es gibt ihn nicht mehr.«
»Wirklich?« fragt Käfer mißtrauisch.
»Er wurde überfahren«, sage ich. »Klaute einen Koffer im Zug, flitzte durch den Bahnhof auf den Vorplatz. Nun, und da kam gerade ein Auto. Und aus. Scheußlicher Tod.«
»Gott hat ihn gestraft«, spottet Fuchs. »Vergreif dich nicht an fremdem Gut.« Er ist hager, lebhaft und offenbar ein Witzbold.
»Wie ihr seht«, fahre ich fort, »ist nun auch Slawka aus dem Gleis gekippt! Ist so ein Leben verlockend?«
Wir haben den dunklen Teil der Uferstraße hinter uns, und jetzt leuchten matte Lampen in dem Dunst über uns. Endlich kann ich meine Weggefährten in Augenschein nehmen. Es sind ganz normale Burschen. Sie haben nichts ganovenhaftes an sich. Nüchtern wirken sie sogar irgendwie sympathisch. Besonders Fuchs und der Schweigsame, der Garik heißt. Auch Käfer scheint kein schlechter Kerl zu sein. Er ist es, der mich unvermutet fragt: »Wer bist du eigentlich?«
»Ein Zugereister«, antworte ich leichthin. »Aus Moskau.«
»Vielleicht ein Bulle?«
»Seh ich so aus?«
»Eigentlich nicht«, meint der schweigsame Garik.
»Was heißt hier aussehen«, sagt Käfer, als wolle er die anderen beruhigen, »die sehen jetzt alle so aus, daß du sie vom eigenen Vater nicht unterscheidest!«
»Bloß dann, wenn dir der Vater die Hose runterzieht und nach dem Riemen greift, kannst du ihn erkennen«, sagt Fuchs lachend. »Da verwechselst du ihn nicht mit einem Bullen.«
„Wir nähern uns der Werkstatt des lahmen Serjosha, und die Frage, wer ich bin, bleibt vorläufig ungelöst.
»Na, wer kommt mit rein?« frage ich.
»Wir warten hier auf dich«, antwortet Käfer. »Es ist noch zu früh für uns, den Lahmen zu besuchen.«
»Gut«, sage ich, »dann wartet, wir haben noch was zu besprechen.«
»Aber beeil dich«, ruft Käfer.
Ich nicke und öffne die Tür zur Werkstatt, die trotz der späten Stunde nicht abgeschlossen ist.
Verwaist brennt die Lampe über dem niedrigen Schemel hinter der Barriere, rings um ihn liegen, wie gestern, Werkzeuge, alte Schuhe und Lederstücke. Erstaunt schaue ich um mich und bemerke Serjosha hinter mir. Er hat sich an die dunkle Wand gepreßt, in der Hand hält er ein Messer.
Mit einer schnellen Bewegung klappt er es zusammen, steckt es in die Tasche und reicht mir die Hand.
»Du kommst spät«, sagt er lächelnd. »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.«
»Dafür bin ich nicht allein gekommen«, antworte ich bedeutsam.
Serjosha nickt. »Hab ich schon mitgekriegt. Deshalb hab ich mich ja gerüstet. Was willst du von denen?«
»Freundschaft und Verständnis - für dich und für mich.«
»Du erwartest Verständnis von Wölfen?«
»Ich hab es beinahe geschafft. Da, sie warten auf mich. Und morgen, so hoffe ich, gehen wir zusammen ins Krankenhaus.«
»Wieso das?« Serjosha verriegelt die Tür und führt mich ins Hinterzimmer. Wir setzen uns an den Tisch, und ich zünde mir eine Zigarette an.
»Wieso ins Krankenhaus?« wiederholt er.
»Slawka hat sich eben selbst niedergestochen.«
»Ach!« ruft Serjosha erstaunt aus. »Du spinnst.«
»Vor meinen Augen. Wahrscheinlich sogar meinetwegen.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Ich hab ihm die Seele aufgewühlt. Und dabei nicht bedacht, daß er mit den Nerven am Ende ist.«
»Slawka soll eine Seele haben?« fragt Serjosha ironisch. »Wo andere eine Seele haben, hat der einen Ast mit Aufkleber.«
»Oft dringen wir nicht bis zur Seele der Menschen vor, Serjosha, mitunter warten dort Überraschungen auf uns, Entdeckungen.«
»Und was hast du bei Slawka entdeckt?«
»Liebe. Er gedachte sie zu zerstampfen. Und ich habe versucht, sie wiederzuerwecken.«
»Schön gesprochen«, Serjosha lächelt traurig.
»Na und? Im Leben ist nicht alles schlecht«, entgegne ich. »Es gibt manches Gute, auch in Slawka. Bei näherer Betrachtung sind auch die anderen Burschen keine unverbesserlichen Taugenichtse.«
»Vorläufig vielleicht«, sagt Serjosha geringschätzig. »Du wirst sehen: Sobald sie einen Anführer in der Art von Pest gefunden haben, legen sie los.«
»Ihr Anführer sollst du werden, Serjosha.«
Er blickt mich mißtrauisch an.
»Ich meine es ernst«, antworte ich auf seine stumme Frage. »Jetzt sind sie noch unschlüssig. Aber morgen, nach dem Krankenhaus, akzeptieren sie dich. Und dann wird alles von dir abhängen. Diese Burschen müssen gerettet werden, Serjosha.«
»Das ist richtig«, stimmt er nachdenklich zu.
»Fang mit Käfer an«, rate ich.
Er nickt, immer noch nachdenklich, und plötzlich sagt er lachend: »Und du bist ein wahrer Meister!«
»Ich will erst einer werden... Na gut, Serjosha. Und nun erzähle, wenn du was zu erzählen hast.«
»Das hab ich. Jemand war heut morgen bei mir. Er sagte, Pest und Ljocha sind gedungen worden. Und vor kurzem wurden sie nach Moskau geschickt.«