»Wurden sie dafür gedungen?«
»Nein. Gedungen wurden sie schon vor längerer Zeit. Zur Bewachung. Und nach Moskau wurden sie auch zu dem Zweck geschickt.«
»Rechnungen zu begleichen?«
»Das weiß keiner genau.«
»Und die Wohnung?«
»Ist nicht ihre Arbeit gewesen.«
»Nein, da ist jeder Irrtum ausgeschlossen. In der Wohnung wurde Pests Handschuh gefunden. Er hat ihn dort verloren. Was für Beweise braucht man noch?«
»Das mußt du selbst herausfinden. Darin bist du ja Meister. Aber daß sie in Moskau den Mord begangen haben, das wissen sie hier schon.«
»Nicht alle.« Ich erinnere mich, wie Schprinz erschrak.
»Der, der es wissen muß, weiß es.«
»Und von wem weiß er es?«
»Du hast mir neulich einen Namen genannt.« Ärgerlich schnipst Serjosha mit den Fingern. »Wie war er doch gleich. Hilf mal!«
»Viktor Arsentjewitsch Kuprejtschik?«
»Nein.«
»Lew Igna.«
»Genau. Ignatjewitsch. Lew Ignatjewitsch.«
»Hat man dir zufällig etwas über ihn gesagt?«
»Er soll in Moskau wohnen, aber für die Hiesigen arbeiten.«
»Und wer ist bei dir gewesen?«
Serjosha wiegt den dunkelblonden Kopf. »Den möchte ich dir nicht nennen, Vitali. Ich hab mein Wort gegeben und bin gewohnt, es zu halten.«
»Selbstverständlich. Also lassen wir das. Demzufolge arbeitet Lew Ignatjewitsch für jemand, der Pest und Ljocha gedungen hat, ja?«
»So ungefähr.«
»Wer kann das sein, und womit beschäftigt er sich?«
»Sie machen irgendwelche Geschäfte«, erklärt Serjosha. »Kassieren einen Haufen Kies. Wer das ist, weiß ich nicht. Aber sie sitzen hier, bei uns. Einer soll einen blauen Wolga fahren. Angeblich salutieren ihm die Verkehrsregler.«
»Ein tolles Ding«, sage ich lächelnd.
Serjosha winkt herablassend ab. »Ist ja möglich, daß das mit dem Wolga Quatsch ist.«
»Und weshalb Semanski umgebracht wurde, ist dir auch unbekannt?«
»Dieser Lew scheint es befohlen zu haben. Irgendwie war der Mann ihm im Wege.«
»Tja. Die Bildchen passen nicht so recht zusammen«, sage ich, »etwas stört.«
»Streng mal schön dein Köpfchen an. Wofür kriegst du sonst dein Geld?« sagt Serjosha lachend. »Wenn's auch nicht üppig ist, wie ich gehört habe. Ich zum Beispiel strenge meins mitunter kostenlos an. Besonders dort mußte ich das tun, weit von hier.«
»Hast du entschieden, wie du weiterleben willst?«
»Hab ich. Auch, wo ich leben will.«
»Serjosha«, frage ich unvermittelt. »Wer waren deine Eltern?«
»Wieso?«
»Nur so. Du sprichst nicht wie die andern.«
»Mein Vater war Garagenverwalter, meine Mutter Lehrerin für russische Sprache und Literatur. Wir hatten viele Bücher zu Hause.«
»Und dann?«
»Dann starb mein Vater. Ein Unfall in der Garage. Mutter blieb allein zurück. Ich verbüßte gerade meine zweite Strafe. Nun, sie wurde krank und folgte dem Vater. Und alles in meiner Abwesenheit. Tja!« Er verstummt und starrt ins Leere, als sehe er etwas, wovon er den Blick nicht abwenden könne.
»Aber wie kam das, Serjosha?« frage ich wieder. »Für die Ganovenszene hast du doch nichts übrig, wie du sagst. Wie bist du straffällig geworden, einmal und noch einmal?«
Er runzelt die Brauen. »Brauchst du das für den Fall oder bloß so?« fragt er unwillig.
»Zum Nachdenken, glaub mir.«
»Ich glaube dir. Die erste Strafe - wegen einer Schlägerei. Nach Paragraph zweihundertsechs. Die zweite - wieder wegen Schlägerei. Diesmal handelte ich mir drei Jahre verschärften Arrest ein. Das erste Mal war ich für einen Freund eingetreten. Das zweite Mal für eine Frau. Da habe ich jemanden mit dem Messer verletzt. Bei der Gelegenheit bin ich zum erstenmal mit Pest zusammengerasselt.«
»Hast du ihn verletzt?«
»Ja.«
»Darf ich ihn gelegentlich daran erinnern?«
»Tu das. Und erinnere ihn an Vera. Das war mein Mädchen.« Serjosha schlägt mit der Faust auf den Tisch. »Er hat sie zum Krüppel geschlagen. Es konnte nur nicht bewiesen werden. Da hab ich selbst mit ihm abgerechnet. Ich hätte ihn umbringen sollen, aber die Hand zitterte mir.«
»Wo ist Vera jetzt?«
»Keine Ahnung«, antwortet er und läßt den Kopf sinken. »Nach dem Gefängnis hatte ich nicht den Mut, zu ihr zu gehen. Und dann wurde ich lahm.«
»Pest?«
»Nein. Er schickte seine Kumpane. Ich wurde meines Lebens nicht mehr froh in Sibirien. Und da bin ich hierher gezogen. Plötzlich kam auch er hierher, und wieder ging's los. Doch er hatte Angst, sich mit mir zu treffen, obwohl ich nur noch ein Krüppel bin. Er wußte, solange ich Hände habe, setze ich alles daran, ihm den Hals umzudrehen. Deshalb schickte er andere.«
»Jetzt ist Schluß damit, Serjosha«, sage ich.
Eine Weile sitzen wir schweigend. Ich rauche die Zigarette zu Ende und stehe auf. »Ich muß fort«, sage ich seufzend. »Erwarte uns morgen.«
Er nickt. »Einverstanden.«
Wieder durchqueren wir die Werkstatt. An der Tür drücke ich ihm fest die Hand. Er lächelt mühsam.
Auf der halbdunklen öden Uferstraße pfeift der Wind, die Wellen donnern. Das Wetter hat aufgeklart.
Ich halte Umschau und sehe die Burschen vor einem Hauseingang in der Nähe, sie rauchen und streiten sich hitzig. Als ich zu ihnen trete, verstummen sie.
Und dann gehen wir wieder die Uferstraße entlang, ruhig, alle zusammen. Die Burschen begleiten mich zum Hotel. Dort verabschieden wir uns.
Am Morgen begebe ich mich mit Dawud zum Gebäude der Kriminalmiliz. Er ist zu mir ins Hotel gekommen, und wir haben zusammen gefrühstückt. Ausführlich habe ich ihm von meinen gestrigen Begegnungen erzählt. Dabei sind mir die Unklarheiten und Lücken deutlich bewußt geworden. Der verfluchte Diebstahl bei Kuprejtschik! Weder Semanski noch Lew Ignatjewitsch können ihn begangen oder organisiert haben. Schprinz behauptet das kategorisch, und das hat seine Logik. Weiter. Es gibt Hinweise, daß Ljocha und Pest an dem Diebstahl nicht teilgenommen haben. Das behauptet der Informant des Lahmen, das belegen auch die in Moskau gesammelten Angaben -an dem Morgen waren beide angeblich ganz woanders. Pest bei Musa, Ljocha bei Polina Tichonowna. Andererseits hat Pest in Kuprejtschiks Wohnung seinen Handschuh verloren. Außerdem steht fest, daß die ganze Vierergruppe um die Wohnung kreiste. Genauer, die Sechsergruppe - da sind ja noch die beiden Moskauer Komplizen Gawrilow und Scherschen. Kurz und gut, in diesem Punkt stecken wir in einer Sackgasse, und wie wir da herauskommen sollen, ist mir schleierhaft.
Aber zunächst einmal muß ich hier ein Ergebnis erzielen. Und das ist nicht einfach. Ich spüre, daß ich in ein mir unbekanntes Gebiet »ökonomischer« Beziehungen hineingezogen werde, genauer, Verbrechen, die mit dem Geschäft von Schprinz zu tun haben, mit irgendwelchen Moskauer Garnlieferungen, an denen der uns immer noch fremde Lew Ignatjewitsch beteiligt ist. Außerdem hat Schprinz mir gegenüber Jermakow erwähnt, Geli Stanislawowitsch Jermakow. Somit ist von den drei Jermakows er interessant für uns. Ja, auf diesem Gebiet kenne ich mich nicht besonders aus, doch ich habe kein Verlangen, Okajomow zu konsultieren, ich traue ihm nicht. Es ist besser, seine Aktivität eine Zeitlang einzudämmen. All dies überlege ich, während ich mit Dawud durch die mir bereits vertrauten Straßen gehe.
Noch etwas: Nachdem ich gestern abend in mein Hotelzimmer zurückgekehrt war, rief ich den Diensthabenden der Stadt an und bat ihn, das Krankenhaus festzustellen, in das Slawka Soloduchin eingeliefert wurde, und die beiden Burschen, die ihn begleitet hatten, sofort freizulassen, falls man sie festgenommen haben sollte. Ich erfuhr dann, daß sich Slawka mit den Stichen, die er sich beibrachte, die Leber verletzt hat. Er wird lange im Krankenhaus liegen müssen, und man kann nur hoffen, daß alles gut endet. Früh am Morgen, noch bevor Dawud kam, rief ich Lidia zu Hause an. Die Arme, wie aufgeregt sie war. Natürlich lief sie sofort ins Krankenhaus, ich brauchte sie nicht darum zu bitten. Ich erzählte nur, daß Slawka sich die Trennung von ihr schwer zu Herzen nimmt.