Mit Dawud bespreche ich in dessen Dienstzimmer eine schwierige, heikle Operation. Es dreht sich darum, daß ich Geli Stanislawowitsch Jermakow kennenlernen möchte, den Direktor des Konfektionsgeschäfts. Schließlich denken wir uns etwas aus.
Oho! Bald zwölf! Zeit für mich, zu Slawka ins Krankenhaus zu gehen. Dort werden die Burschen auf mich warten, sofern sie mir nichts vorgemacht haben. Das haben sie sicherlich nicht getan. Slawkas Geschichte scheint sie mächtig beeindruckt zu haben, wie übrigens auch Pests und Ljochas Schicksal. Selbst der Abgebrühteste dieser Gesellschaft hat Grund zum Nachdenken.
Das Krankenhaus ist weit vom Milizgebäude entfernt, trotzdem gehe ich zu Fuß. Es ist warm, die Sonne scheint vom blauen Himmel, ein schmeichelnder Wind zaust die Haare. Der feuchte Asphalt dampft sogar ein bißchen. An den Schnee von neulich erinnert nur schwarzer Schlamm in den Höfen.
Es läuft sich leicht, sauber gewaschene Trolley- und Autobusse fahren fröhlich dahin. Die Passanten wirken verjüngt und froh belebt. Zwischen den Autos, die mich überholen, fällt mir ein hellblauer blitzender Wolga mit zusätzlichen Scheinwerfern und Spiegeln auf, und sofort erinnere ich mich, daß der Lahme einen Geschäftemacher erwähnte, der angeblich einen blauen Wolga fährt. Für alle Fälle merke ich mir die Nummer.
Schließlich gerate ich in einen Stadtteil, in dem ich noch nie gewesen bin. Ich muß Passanten nach dem Weg fragen.
Endlich kommt das Krankenhaus in Sicht. Genauer, der Krankenhauskomplex. In einem großen Park stehen teils alte, mit vorsintflutlichen Säulen geschmückte Gebäude, teils neue, helle, die sehr stolz und selbstsicher wirken. Auf den Kreuzungen der Parkalleen stehen Pfähle mit pfeilförmigen Hinweisschildern, auf denen die Nummern der Gebäude vermerkt sind. Ich muß ins Haus vierzehn. Das ist ein einstöckiger neuer, sehr langer Bau, der hinter einer Wand von Bäumen und ungewöhnlich dichten hohen Sträuchern versteckt liegt.
Neben dem Eingang sitzen Käfer und Fuchs auf einer weißen Bank. Ja, nur die beiden von sechs.
Ich trete zu ihnen. Sie stehen auf und drücken mir freundschaftlich die Hand.
»Wo sind die anderen?« frage ich.
»Ist ihre Sache«, antwortet Käfer finster.
Fuchs grinst. »Es gibt Meinungsverschiedenheiten. Was denen vorschwebt, schwebt uns nicht mehr vor. Weg mit dem ganzen Mist. Sie halten's mit Pest.«
»Hör mal, wie heißt du?« fragt mich der dunkelhäutige schwarzhaarige Käfer.
»Vitali. Mein Spitzname ist Bulle oder Polyp, wie ihr wollt.«
Beide lachen gutmütig. »Hab ich doch gesagt, daß er ein Bulle ist!« ruft Fuchs. »Aber so ein Bulle ist mir recht.«
»Ob er Arsik auch recht ist?« sagt Käfer grinsend.
»Wer ist denn das?« frage ich.
»Der, dem du gestern den neuen Griff gezeigt hast«, erklärt Käfer achtungsvoll. »Als er heut morgen aufwachte, konnte er sich nicht rühren.«
»Mit Kindern mußt du vorsichtiger umgehen, Vitali«, sagt Fuchs. »Wir haben gerade das Jahr des Kindes, hab ich gehört.«
»Da hatte ich es wohl mit einem unartigen Kind zu tun«, entgegne ich lächelnd, »das gern mit spitzen Gegenständen spielt.«
»Wie geht's Slawka?« fragt Käfer.
»Schlecht«, antworte ich. »Er hat sich die Leber verletzt. Weißt du, was das bedeutet?«
»Kann's mir vorstellen. Hoffentlich stirbt er nicht.«
»Jungs«, sage ich halblaut, als wir in dem geräumigen kühlen Vestibül sind. »Auf besondere Erlaubnis bekommen wir jetzt Kittel. Bitte seid leise. Und wir dürfen nur fünfzehn Minuten bei ihm bleiben. Sein Zustand ist ernst. Seine Frau ist bei ihm.«
»In Ordnung!« Käfer nickt beifällig. »Eigentlich müßten wir ein paar Blümchen haben!«
»Ich kann ja welche pflücken!« Fuchs zwinkert listig.
Wir lassen den Scherz unbeachtet.
Der Reihe nach erhalten wir Kittel an der Garderobe. Die Wärterin beäugt uns furchtsam und neugierig. Wer weiß, was man ihr über uns erzählt hat. Sie erkundigt sich nicht mal, zu wem wir wollen. Ihr ist offenbar alles bekannt.
Durch eine Glastür gelangen wir in einen endlosen Korridor. Bis zu Slawkas Zimmer ist es nicht weit. Anzuklopfen erübrigt sich wohl. Ich drücke die Klinke nieder, und die Tür geht auf.
Das Zimmer ist groß und hell. Zwei Reihen Betten stehen darin, dicht beieinander. Es ist stickig.
An einem Bett dicht an der Tür sitzt die verweinte Lidia. Sie hebt den Kopf und sieht uns ängstlich an. Wir treten zu ihr, und ich frage: »Erkennen Sie mich nicht?«
»Ach, Sie sind es!« ruft sie leise aus. »Ich hatte Sie tatsächlich nicht erkannt. Und wer ist das?«
»Das sind Slawkas Kameraden«, erkläre ich kurz.
Käfer reicht ihr unvermittelt die Hand. »Wolodja«, sagt er.
Slawka liegt mit geschlossenen Augen da und stöhnt. Hin und wieder zuckt sein blasses Gesicht. Eine Weile blicken wir ihn an, dann verabschieden wir uns stumm von Lidia und verlassen das Zimmer. In der Garderobe geben wir der Wärterin die Kittel zurück.
Erst im Park finden meine Begleiter die Sprache wieder. Und Käfer sagt gereizt: »Ja... Zum Teufel mit ihm... Mit diesem Pest und seinen Märchen.«
»Genau«, entgegnet Fuchs lächelnd. »An seiner Stelle hast du jetzt Vitali. Und an Stelle der Märchen -das Strafgesetzbuch.« Und mich fragt er: »Du hast uns doch alle aufgeschrieben, nicht wahr?« Doch er schaut durchaus freundlich drein.
»Wieso aufgeschrieben?« Ich zucke die Schultern. »Es reicht doch, daß wir uns verstehen und die augenblickliche Situation begreifen.«
»Wirklich, eine ernste Situation«, knurrt Fuchs.
»Und deshalb habe ich einen Vorschlag«, sage ich. »Heut abend treffen wir uns beim Lahmen. Er erwartet uns. Ich hab ihn informiert. Dieser Schuster hat Charakter, Gewissen und Köpfchen. Auf ihn kann man sich verlassen.«
»Wer kann sich auf ihn verlassen, die Miliz?« fragt Fuchs giftig.
»Halt 's Maul!« unterbricht ihn Käfer. »Willst dich wohl zu Slawka legen? Dann hau ab.« Und er fügt hinzu: »Vitali hat gesprochen, ich hab angenommen. Aus. Heut abend beim Lahmen.«
»Ich hab auch angenommen«, sagt Fuchs.
»Also abgemacht«, erklärt Käfer. »Ich gehe.« Er gibt mir die Hand.
Wir sind schon auf der Straße. Die Burschen schlagen verschiedene Richtungen ein - schweigsam und düster.
Ich begebe mich ins Zentrum, in die Straße, die ich mir gut gemerkt habe, wo sich zwischen zahllosen Handelseinrichtungen das mir wichtige Konfektionsgeschäft befindet, der Musterbetrieb mit den sympathischen Verkäuferinnen und dem hervorragenden jungen Direktor.
Ich finde den Laden ohne besondere Mühe, obwohl ich erst einmal da gewesen bin.
Wieder werde ich, kaum bin ich eingetreten, von Aufmerksamkeit umgeben. Ich sehe mir einen Anzug nach dem anderen an, mäklig, mit Sachkenntnis, erörtere mit der jungen Verkäuferin Fasson und Schnitt. Ich lasse mir Zeit. Sollte ich auch diesmal kein Glück haben? Doch. Es klappt. Im Laden erscheint ein ungefähr vierzigjähriger Mann, mittelgroß, schlank, mit langem, gepflegtem Gesicht, auf der dünnen Nase eine elegante Brille mit heller Fassung, die dunklen, wie bei einem Unterhaltungskünstler geschnittenen Haare sollen die Ohren verdecken. Diese großen schlaffen Ohren sind wohl das einzige Zeichen seiner entfernten Verwandtschaft mit dem Marktlulatsch Jermakow, der genau solche hat. Zu einem flotten dunkelblauen Sportsakko trägt Jermakow eine hellgraue Hose. Mir fallen seine Augen auf - sie blicken klug und scharfsichtig, ein wenig ironisch sogar. Ein sehr, sehr gescheiter Herr! Merkwürdigerweise steuert er, freundlich lächelnd, geradewegs auf mich zu.