So verging die Nacht ohne besondere Vorkommnisse, wenn auch voller Spannung. Allerdings war das Wetter unangenehm. Es herrschte heftiges Schneetreiben, der Sturm jagte Wehen auf, schleuderte Schneebatzen an die Fenster und pfiff in allen Tonarten durch die Ritzen der alten Datsche. Außerdem war es bitter kalt. Es war nicht so einfach, zwei Stunden am Tor auszuhalten. Die eisige Luft drang sogar durch den dicken Pelz, in den sich Valja gewickelt hatte. Der aufgestellte Kragen schützte das Gesicht, durch einen Spalt beobachtete Valja.
Es war noch dunkel, als Valja seinen Dienst gegen sechs Uhr antrat. Dann stieg zaghaft die Dämmerung auf, und in dem Grau zeichneten sich nach und nach die Bäume, die Zaunlatten und dann auch die Konturen der beiden Datschen auf der anderen Straßenseite ab.
Die Zeit kroch. Endlich hatte Valja den Pelz so zurechtgezogen, daß keine Kälte mehr eindringen konnte. Er dachte an Nina. Gestern war er zum erstenmal bei ihr zu Hause gewesen und hatte ihre Mutter kennengelernt, eine sehr nette, noch junge Frau. Nina und sie sahen wie Freundinnen aus und betrugen sich auch so. Valja wurde mit einem schmackhaften Mittagessen bewirtet, und dann schlug Nina vor, irgendwo hinzugehen. »Vielleicht sind Sie tatsächlich ein Zauberer und können Karten für jede Veranstaltung beschaffen?« fragte sie lachend. Sie dachte dabei an die Schau, die er vor ihr und Musa abgezogen hatte, in deren Ergebnis es gelungen war, Pest dingfest zu machen. Aber Valja mußte gestehen, daß er nur noch eine Stunde Zeit hatte. Offenbar schwang etwas in seinem Ton, irgendeine Spannung, daß Nina erschrak und Valja stumm anschaute... Wohl noch nie hatte ihn jemand so besorgt und zärtlich angeschaut. Wenn ich sie jetzt in die Arme nehme, dachte er. Doch Nina wurde verlegen und begann von Musa zu sprechen. Nach dieser ganzen Geschichte war Musa tagelang verschüchtert und schweigsam umhergegangen und hatte die Freundin gemieden. Gestern war sie plötzlich zu Nina gekommen und hatte bekannt, daß sie Angst habe. Irgendein Mann hatte sie aufgesucht, dessen Namen sie nicht wußte, den sie aber ein paarmal mit Nikolai im Restaurant gesehen hatte. Warum er jetzt erschienen war, hatte Musa nicht gesagt, sie hatte geweint und sich über ihr unglückliches, verkorkstes Leben beklagt. Kaum habe sie jemanden kennengelernt, kaum liebe sie richtig, da stelle sich heraus. Vor Mitleid hatte Nina auch beinahe geweint. Wer mag der Mann gewesen sein? hatte sich Valja gefragt. Das fragte er sich auch jetzt, als er in den Frühdunst jenseits des Zauns starrte. Sobald sie abgelöst und in der Dienststelle waren, würde er Kusmitsch von dem Besuch des Unbekannten berichten.
In der Ferne begann ein Hund zu kläffen. Sofort fiel ein anderer mit Baßstimme ein, noch zwei oder drei Köter gesellten sich dazu, und vielstimmiges Gebell schallte durch die Siedlung. Um die Müdigkeit zu verscheuchen, beschloß Valja, die bellenden Hunde zu zählen. Da vernahm er schwaches Motorengeräusch. Irgendwo fuhr ein Auto.
Valja, der die Hunde sofort vergessen hatte, lauschte gespannt. Das Motorengeräusch wurde leiser und verstummte. Bald darauf erklang es erneut, doch auf der anderen Seite, und es wurde immer lauter.
Wenig später zuckte gelbes Scheinwerferlicht auf und verschwand sofort. Danach kam es Valja so vor, als sei die Dunkelheit wieder dichter geworden. Da zeigte sich am Ende der Straße der Lichtstreifen erneut und verschwand nicht mehr. Im Gegenteil, er wurde heller und breiter und erfaßte die ganze Straße. Der Schnee glänzte milchig. Es bestand kein Zweifel - das Auto näherte sich der Datsche der Brjuchanows.
Vor dem Nachbargrundstück stoppte der Wagen -der Silhouette nach war es ein Moskwitsch, die Scheinwerfer erloschen, und der Motor verstummte.
Valja regte sich nicht.
Nach einer Weile wurde die rechte Wagentür geöffnet, und ein Mann stieg aus. Er schaute sich um, trampelte im Schnee, sagte etwas zu dem am Lenkrad Sitzenden und ging zur Nachbardatsche. Geschickt sprang er über den zugewehten Graben und verschwand hinter den Bäumen.
Valja nahm an, die Besitzer der Nachbardatsche wären aus irgendeinem Grund so früh gekommen, und erwartete, daß die Pforte klappte oder das Tor aufgesperrt werde. Aber alles blieb still.
Plötzlich tauchte der Mann vor dem Zaun auf, wo Valja hinter einem Strauch hockte. Der Mann spähte zur Datsche hinüber, lauschte und ging, offenbar beruhigt, auf die Straße und winkte. Sofort heulte der Motor auf, und das Auto rollte mit abgeschalteten Scheinwerfern leise brummend heran. Der Mann bückte sich zu dem heruntergedrehten Seitenfenster, sprach mit dem Fahrer, und der stieg aus. Zu zweit machten sie sich daran, das Tor zu öffnen.
Valja gab das Alarmsignal, das den Genossen in der Datsche mitteilte, daß erwartungsgemäß zwei Mann gekommen waren. Der Plan zur Festnahme der Verbrecher - bei den Ankömmlingen handelte es sich zweifellos um Gawrilow und Scherschen - war genau ausgearbeitet. Der Posten am Tor hatte dafür zu sorgen, daß den Verbrechern der Rückweg abgeschnitten war. Die Festnahme selbst war Aufgabe der Männer im Haus. Sie sollten den Ankömmlingen vorher noch Gelegenheit geben, die gestohlenen Sachen aus dem Versteck zu holen. Vor allem mußte festgestellt werden, daß sich in der Datsche keine anderen, der Durchsuchung entgangenen Geheimverstecke befanden, wo die übrigen gestohlenen Sachen und Bilder lagern konnten.
Endlich war das Tor geöffnet, das Auto fuhr, immer noch mit ausgeschalteten Scheinwerfern, vorsichtig auf das Grundstück und hielt hinter der Datsche, so daß es von der Straße nicht zu bemerken war. Dann lief einer der Männer zum Tor zurück, schloß es und ging zu seinem Kumpan, der am Auto wartete.
Aus seinem Versteck sah Valja das Auto, die Treppe und die beiden Männer. Sie lauschten, versuchten durch ein Fenster zu blicken und umkreisten das Haus. Offenbar zögerten sie hineinzugehen, als hätten sie Angst. Besonders ängstlich wirkte der eine. Er zog seinen Kameraden sogar zurück, als der die Datschentür öffnen wollte, und zwang ihn, noch einmal das Haus zu umkreisen und zu lauschen. Dieser erste war hager, er trug einen dunklen Mantel und eine Schirmmütze, der zweite, kleinere, war mit Joppe und Pelzmütze bekleidet. Valja sah ihre Silhouetten, nicht aber die Gesichter, und er sagte sich, daß der in Mantel und Schirmmütze Gawrilow sei, der vorsichtiger und gefährlicher als der zweite war. Auf ihn galt es verstärkt aufzupassen.
Valja wurde nervös. Es konnte durchaus passieren, daß er überhaupt nicht einzugreifen brauchte, wie schwer es die Jungs im Haus auch haben mochten. Das Verhältnis drei zu zwei garantierte eigentlich den Erfolg, zumal die drei speziell ausgebildete Leute waren, gewohnt an Handgemenge und Risiko, während die zwei... Ja, wozu die fähig waren, wußte niemand. Ebensowenig, wie sie bewaffnet waren.
Von Zweifeln und Befürchtungen übermannt, schlich Valja, kaum waren die Ankömmlinge im Haus verschwunden, zum Auto. Wenn es einem der Ganoven trotz allem gelänge, aus dem Haus zu entwischen, würde er zum Auto laufen. Würde er das? Er müßte dann den Motor anlassen, den Wagen wenden, zum Tor fahren und es öffnen. Nein, das würde zu viel Zeit kosten. Wohin würde er rennen? Je nachdem, wo er das Haus verließ. Die Fenster waren, außer dem einen neben der Treppe, mit Läden fest verschlossen. Dieses eine besaß seltsamerweise keine. Also käme er durch keins der übrigen Fenster und auch nicht durch die Terrassentür, die zum Winter vernagelt worden war. Folglich.
Noch ehe Valja zu Ende gedacht hatte, hörte er Geschrei im Haus, Gepolter und. einen Schuß! Für einen Augenblick war er wie versteinert, dann warf er, ohne sich zu besinnen, den Pelz und die Filzstiefel ab und riß die Pistole heraus.
In diesem Moment krachte die Datschentür auf, ein Mann sprang die Treppe herunter und flitzte, ohne das Auto eines Blickes zu würdigen, um die Ecke. Valja setzte ihm nach.