Выбрать главу

»Danke, Genossin Lawotschkina«, sagte Valja feierlich zum Schluß und ließ ihr das Wechselgeld. Dann ging er in das Zimmer des Direktors.

Dort traf er einen Mann in mittleren Jahren an, groß, braungebrannt, mit magerem Gesicht, dünner Adlernase und tiefen Geheimratsecken. Er trug einen modernen Anzug, ein schneeweißes Oberhemd und einen gestreiften Schlips. An seinem dicht behaarten Handgelenk prangte eine ungewöhnliche Uhr mit breitem goldenem Armband. Selbstherrlich rekelte er sich im Sessel.

»Bitte«, sagte er liebenswürdig und lud Valja mit einer großartigen Geste ein, in dem Sessel vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. »Was kann ich für Sie tun?«

Valja lächelte. »Machen Sie sich zunächst einmal damit vertraut.« Er reichte den provisorischen Ausweis, den er in der Verwaltung erhalten hatte, über den Tisch, der Direktor warf einen Blick darauf und gab ihn sofort zurück.

»Alles klar. Bitte.« Offensichtlich hatte man ihm bereits mitgeteilt, daß ein Inspektor erschienen war.

Valja erklärte kurz seinen Besuch und fügte hinzu: »Eine rein prophylaktische Maßnahme. Niemand wird konkret verdächtigt. Ich möchte mich nur allgemein über die Kader informieren.«

»Ich verstehe.« Der Direktor zog eine Schublade auf, wühlte in Papieren, holte irgendwelche Listen hervor und gab sie Valja. »Um operativ leiten zu können, habe ich stets eine Kopie zur Hand. Hier finden Sie Namen, Tätigkeit, Wohnanschrift und Telefonnummer.«

»Nun, dann sehen wir das mal durch.«

»Augenblick.« Der Direktor schnellte empor, ging zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und sagte zu jemand in dem engen Korridor: »Valetschka, ich bin weggefahren.« Er schloß die Tür, kehrte zum Tisch zurück und fragte bereitwillig: »Na, wie ist es? Fangen wir mit den Kellnerinnen an?«

»Gut«, stimmte Valja zu. »Ich bitte aber um völlige Offenheit. Mich interessieren Charakter, Schulbildung, Führung. Auch der Familienstand.« Lächelnd breitete er die Arme aus. »Ich muß alles wissen. So ist nun mal meine Arbeit.«

»Ich verstehe, ich verstehe.« Der Direktor nickte ernst.

Er nannte die Namen der Kellnerinnen und charakterisierte jede mit wenigen Worten. Valja hörte aufmerksam zu, stellte hier und da ergänzende Fragen und machte sich Notizen.

Der Direktor zählte indessen gewissenhaft sämtliche Nöte und Verfehlungen seiner Untergebenen auf, ohne übrigens ihre positiven Eigenschaften zu vergessen. Eine war schon dreimal ausgezeichnet worden, eine andere war erst kürzlich irgendwohin delegiert worden, vertrug sich aber nicht mit ihrem Mann, der Mann einer dritten saß im Gefängnis, er war ein Trunkenbold und Radaubruder, und sie war schon mit blauen Flecken zur Arbeit gekommen, die vierte hatte lange Finger, besserte sich nun allerdings. Und die fünfte war gewissenhaft, höflich und anständig, doch jeder Kerl verdrehte ihr den Kopf, und nachher gab es Tragödien, da wollte sie sich ertränken, erhängen und vergiften. Nun, und diese hier war faul, außerdem log sie, und er hätte sie längst entlassen, wenn ihm nicht ihre Kinder leid täten, sie hatte drei, von drei Vätern übrigens, und die Dumme verlangte keine Alimente. Diese Dumme war Katja Lawotschkina. Schließlich erklärte der Direktor mürrisch: »Und nun zu Musa Wladimirowna Lesnowa: Da ist nicht viel zu sagen. Sie ist so einigermaßen. Überheblich, frech, ich würde meinen - eine Egoistin durch und durch. Übrigens kann ich ihr nichts Schlechtes nachsagen«, fügte er unlustig hinzu.

»Ist Ihnen ihr Familienstand bekannt?« fragte Valja, als habe ihn die eintönige Aufzählung ermüdet.

»Im Grunde alleinstehend«, bemerkte der Direktor geringschätzig. »Sie soll hier in Moskau ihre Mutter haben. Und Musa Wladimirowna selbst... Ich glaube, sie hat ein Kind.«

»Wie ist sie in der Arbeit?«

»Ganz gut, Klagen gibt's nicht. Sie wurde ins Gewerkschaftskomitee gewählt. Freilich kokettiert sie gern mit den Gästen. Das stört, wissen Sie. Allerlei Zudringlichkeiten, Flirts. Da muß man reagieren. Und daher natürlich verschiedene Redereien. Und überhaupt.«

»Was heißt >Redereien<? Was wird geredet?«

»Nun, wie soll ich es Ihnen sagen?« stammelte der Direktor. »Na ja, sie soll da jemand haben«, sagte er ärgerlich. »Kurzum, sie hat sich verliebt.«

»Gefällt Ihnen das nicht?«

»Das möcht ich nicht sagen. Aber trotzdem. Eine Zufallsbekanntschaft.«

Plötzlich kam Valja die Erleuchtung. Offenbar hatte es der Direktor selbst auf Musa abgesehen, kam aber nicht zum Zuge. Und deshalb schäumte er, versuchte einen Schatten auf sie zu werfen.

»Wissen Sie, was das für ein Mann ist?« fragte Valja unumwunden. »Das ist nicht bloße Neugierde. Wenn er ein guter Mann ist, dann - viel Glück. Aber wenn er schlecht ist, Sie verstehen.«

»Woher soll ich das wissen?« knurrte der Direktor ärgerlich. Er zog die schwarzen buschigen Brauen über der Adlernase zusammen. »Das weiß nicht mal ihre beste Freundin.«

Hat er tatsächlich die Freundin ausgefragt? dachte Valja.

»Wer ist ihre Freundin?«

»Unsere Buchhalterin. Ninotschka.«

»Schön, zur Buchhaltung kommen wir noch«, sagte Valja gleichmütig. »Gehen wir erst einmal die Kellnerinnen durch. Wer kommt nach der Lesnowa?«

Eilig, als freue er sich, daß das unangenehme Thema endlich erschöpft sei, nannte der Direktor neue Namen. Valja hörte aufmerksam zu, machte sich Notizen und stellte Fragen.

Als der Direktor dann zur Buchhaltung kam und Nina Skworzowa erwähnte, fragte Valja:    »Ist das die Freundin?«

»Ja.«

»Wie ist sie?«

»Ein sehr gutes Mädchen. Die Ehrlichkeit in Person. Sie wohnt bei ihren Eltern. Keinerlei Verehrer. Hübsch ist sie, bescheiden. Ich kenne ihren Vater, wir haben zusammen gearbeitet. Ein sehr gutes Mädchen. Komsomolzin.«

»Was ist daran gut, daß sie keine Kavaliere hat?« fragte Valja lächelnd. »Bestimmt hat sie welche, aber Sie sind ja nicht verpflichtet, das zu wissen.«

»Wirklich, sie hat keine!« rief der Direktor erregt und wurde verlegen. »Natürlich. Es ist durchaus möglich.«

»Dann gehen wir weiter«, schlug Valja vor.

Er verlor sich in Vermutungen. Solch eine Freundin hatte sie also. Die Charakteristik rief bei ihm keinerlei Zweifel hervor. Aber was für ein Mensch war Musa? Es konnte nicht schaden, mit dieser Nina Skworzowa zu sprechen, vorsichtig, damit sie keinen Verdacht schöpfte.

Als der Direktor jeden Mitarbeiter ausführlich charakterisiert hatte, sagte Valja nach kurzem Schweigen: »Schön, jetzt bin ich im Bilde. Nicht jeder Leiter könnte so informieren wie Sie. Ich hätte nur eine Bitte. Könnten Sie mir für ein Stündchen irgendein Zimmer für zwei, drei kurze Gespräche überlassen?«

»Selbstverständlich!« rief der Direktor bereitwillig. »Nehmen Sie das Zimmer des Hauptbuchhalters. Der Arme ist krank, liegt schon die zweite Woche im Bett.«

»Danke. Schicken Sie mir eine Kellnerin, jemand aus der Küche und aus der Buchhaltung. Es sollen aber gute Kräfte sein, mit Bewußtsein, Sie verstehen.«

Nach einer Weile unterhielt sich Valja in dem kleinen Zimmer des Hauptbuchhalters schon mit der Kellnerin Vera Woronina, einem derben rothaarigen Mädchen mit sommersprossigem blassem Gesicht und müden Augen. Obwohl sie Aktivistin war und Delegierte irgendeiner Moskauer Konferenz, war sie gehemmt und wortkarg. Nach einer Viertelstunde verabschiedete sich Valja erleichtert von ihr, ohne eine einzige vernünftige Auskunft von ihr erhalten zu haben. Nicht minder erleichtert war wohl auch Vera, der unklar blieb, was der blutjunge Inspektor aus der Verwaltung eigentlich von ihr hatte hören wollen.

Nach ihr trat Nina Skworzowa ein. Valja erriet sofort, daß sie es war, noch ehe sie ihren Namen nannte. Nach der Beschreibung des Direktors hatte er sie sich genau so vorgestellt. Außerdem war Valja überzeugt gewesen, daß der Direktor, nach der Charakteristik, die er ihr gegeben hatte, keine andere aus der Buchhaltung schicken würde. Nina war mittelgroß und zierlich, sie hatte lange goldblonde Locken. Die großen grauen Augen blickten ernst, ein wenig unruhig. Der adrette weiße Kittel betonte ihre schlanke Figur. Kurz und gut, Valja fand sie sehr sympathisch, er ertappte sich sogar bei dem Gedanken, daß es schön wäre, solch ein Mädchen in einer anderen Umgebung kennenzulernen und irgendwohin einzuladen.