Indessen erschien einer von Valjas Mitarbeitern auf der Treppe und lief, das war ein Fehler, zum Auto, schaute hinein, hastete ums Haus und folgte erst dann den Spuren im Schnee, die zu den Datschen hinter dem Grundstück führten.
Valja war ein guter Läufer, und der nicht sehr große Abstand zwischen ihm und dem Flüchtigen verringerte sich unablässig. Der Ganove schwang sich über Staketenzäune, schlüpfte durch Pforten, bog um schlafende oder fest vernagelte Datschen, lief eine vereiste Straße entlang und stürmte erneut auf ein Grundstück. Valja hatte ihn fast erreicht, da stolperte er und fiel hin, wobei er sich den Arm auskugelte. Er richtete sich halb auf, nahm die Pistole in die andere Hand und schrie: »Halt, oder ich schieße!«
Valja begriff, daß er keine Aussicht mehr hatte, den Mann einzuholen, der Arm hing ihm schlaff herab, heftiger werdender Schmerz durchzuckte den ganzen Körper. Er mußte befürchten, mit der Linken nicht schießen zu können. Vom schnellen Lauf und vor Schmerz keuchte er, das Herz hämmerte wie rasend, und die Hand, mit der er die Pistole umklammerte, zitterte widerlich.
Der Flüchtige, der einen Schuß erwartete, suchte hinter einem Baum Schutz.
»Ich schieße, noch einen Schritt, und ich schieße!« schrie Valja und kroch, den Schmerz überwindend, auf den Baum, zu.
Der Verbrecher gab auf. Er wußte, daß es keinen Fehlschuß geben würde, denn sein Verfolger war schon zu nah.
Valja, der bis auf wenige Schritte an den Baum herangerobbt war, schoß in die Luft. Der Knall zerriß die schläfrige Stille der verschneiten Siedlung, und zahllose wütende Hundestimmen antworteten.
Nach dem Schuß erhob sich Valja mühsam, wobei er sich mit der linken Hand, die nach wie vor die Pistole hielt, abstützte, und stellte sich auf die Beine, die wie aus Watte waren und ihm nicht zu gehören schienen. Der aus der Schultergegend kommende Schmerz schien alles in ihm zu zerreißen. Außerdem fror er in seinem leichten Mantel und den dünnen Schuhen, und die Zähne schlugen krampfhaft aufeinander. Sekundenlang stand er reglos da, dann schrie er dem Mann hinter dem Baum zu: »Komm her! Hände ins Genick! Beim nächsten Mal schieß ich nicht in die Luft! Komm lieber her!«
Der Mann tat es, die Hände im Nacken verschränkt.
»Umdrehen!«
Er kam dem Befehl rasch nach.
»Jetzt vorwärts!« befahl Valja. »Ich sag dir, wo du abbiegen mußt. Und wehe, du versuchst zu fliehen. Ich schieße ohne Warnung, klar?«
»Gehen wir, gehen wir«, sagte der Ganove kläglich, der auf der Stelle trampelte. »Ich bin schon ganz durchfroren.«
Sie gingen langsam und vorsichtig, denn der eine fürchtete einen Schuß in den Rücken, der andere - vor Schwäche umzufallen.
So überquerten sie einen Hof, erreichten eine Straße und bogen auf Valjas Befehl in eine andere ab. Doch bald sah Valja ein, daß er den Weg zurück nicht fände. Aber stehenbleiben durfte er nicht, und erst recht nicht seine Unsicherheit zeigen.
Eine Frau in Filzstiefeln und mit grauem, flauschigem Tuch kam um die Ecke. Sie schleppte zwei schwere Taschen. Als sie die mitten auf der Straße gehenden Männer und in der Hand des einen die Pistole sah, schrie sie auf, blieb vor Schreck stehen und ließ die Taschen in den Schnee fallen.
»Du lieber Himmel!« jammerte sie. »Was macht ihr da?«
»Wo ist die Datsche der Brjuchanows?« fragte Valja abgehackt, ohne stehenzubleiben und ohne die Pistole zu senken.
»Gleich rechts, bieg gleich nach rechts ab«, antwortete die Frau und erkundigte sich, schon mutig geworden: »Wen führst du da ab?«
»Einen Banditen«, versetzte Valja. »Der ist bloß jetzt so friedlich, weil ich auf ihn schießen kann.«
»Hättest längst schießen sollen«, sagte die Frau erbittert. »Neulich haben sie dort drüben eine Datsche niedergebrannt, und eine andere haben sie ausgeraubt und ganz verschandelt. Wir haben Angst, abends auf die Straße zu gehen.«
Valja erwiderte nichts. Sie bogen um die Ecke. Und gleich darauf sah er die bekannte Datsche. Sie schritten durchs Tor. Vom Haus kam jemand gelaufen.
Valja hatte, wie vermutet, Gawrilow festgenommen. Im Haus saß Scherschen in einer Ecke des großen Zimmers auf einem Stuhl und winselte: »Laßt mich frei, Jungs... Was hab ich euch denn getan?... Ehrenwort, so was mach ich nie mehr. Ihr könnt alles nehmen. Laßt mich frei.«
Beim Anblick der Eintretenden rief er halb erschreckt, halb freudig: »Sie haben ihn erwischt! Wahrhaftig, sie haben ihn erwischt!«
»Sei still, du Trottel«, murmelte Gawrilow böse.
Mehr vermochte er seinem Freund nicht zu sagen. Er wurde sofort ins andere Zimmer geführt, und nachdem man ihm Handschellen angelegt hatte, mußte er sich auf einen Stuhl setzen. Ein Mitarbeiter blieb als Wache bei ihm. Im dritten Zimmer, wo sie in der Nacht Schach gespielt hatten, ließ sich Valja erschöpft auf die Liege fallen. Ein Kollege brachte ihm ein Glas starken heißen Tee. Valja trank gierig, in kleinen Schlucken, und er spürte, wie sich eine heiße Welle im Körper ausbreitete. Vor Schwäche wurde ihm schwindlig. Als er das Glas ausgetrunken hatte, sagte er zu dem Kollegen, wobei er auf den hilflos herabhängenden Arm deutete: »Los, zieh! Ich hab mir die Schulter ausgerenkt, verstehst du!« Und als er die Unschlüssigkeit des anderen sah, schrie er: »Zieh schon, los!«
Und der Mann gehorchte.
Wilder Schmerz durchzuckte die Schulter. Valja schrie auf, biß sich auf die Lippe und verlor für eine Sekunde das Bewußtsein. Aber der Schmerz ließ sogleich nach. Bald darauf wagte Valja den rechten Arm zu bewegen. Und plötzlich merkte er, daß er die Hand wieder voll einsetzen konnte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, seufzte erleichtert und sagte zu dem Genossen: »In Ordnung. Folgendes, Gena: Geh anrufen. Sie sollen sofort Autos herschicken. Aber zuerst sprich mit Kusmitsch, und wenn er nicht da ist, mit dem Diensthabenden. Verstanden?«
»Klar«, antwortete Gena und ging hinaus. Valja lehnte sich an die Wand und schloß die Augen.
Die Autos kamen nach einer Stunde.
Valja glaubte in dieser Zeit nur ein wenig geduselt zu haben, doch er war in bleiernen traumlosen Schlaf gesunken.
Erst als Petja Schuchmin ihn an der kranken Schulter berührte, schrie er auf und erwachte.
Petja war erst tags zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden, und Valja hatte ihn noch nicht gesehen. Deshalb glaubte er im ersten Moment, er träume noch. Verwirrt starrte er den Freund an und fragte: »Bist du's, Petja?«
»In eigener Person«, antwortete der. »Oder bin ich mir nicht mehr ähnlich?«
»Doch, doch«, sagte Valja lachend und erwachte vollends. Er erhob sich von der Liege, schwenkte vorsichtig den rechten Arm und überzeugte sich von neuem, daß der Schmerz nachließ. Dann zog er sich den Mantel an, mit dem er sich zugedeckt hatte, und eilte hinaus.
Draußen brummten zwei Wolgas. Ihre Fahrer mühten sich mit dem roten Moskwitsch ab, der nicht anspringen wollte, obwohl er noch keine drei Stunden im Frost gestanden hatte. Schließlich wurde er doch bezwungen. Die Fahrer gingen zu ihren Autos, während sich einer der Mitarbeiter ans Lenkrad des Moskwitsch setzte. Die Verhafteten wurden herausgeführt. Wenig später fuhr die ganze Kolonne Richtung Moskau.
Ich erscheine im Dienst, kurz bevor Kusmitsch und Valja mit der Vernehmung Scherschens beginnen. Sie haben beschlossen, Gawrilow warten zu lassen und ihn mit den von Scherschen erhaltenen Angaben zu überführen, denn sie sind der Meinung, daß dieser verängstigte Bursche weit mehr auspacken wird als der schweigsame erbitterte Gawrilow. ,
Als ich bei Kusmitsch eintrete, kommt er mir erfreut entgegen, schüttelt mir die Hand und klopft mir sogar auf die Schulter. Diese Gefühlsbekundung nach meiner Dienstreise wundert mich, und ich ahne, daß inzwischen jemand aus Jushnomorsk angerufen und Kusmitsch etwas gesagt hat, was gar nicht notwendig gewesen wäre.