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»Aber sein Handschuh.«

»Der Handschuh hat's dir wohl angetan!«

»Warum auch nicht? Der ist wie eine Visitenkarte.«

»Na gut«, sagt Gawrilow entschlossen, nachdem er tief Luft geholt hat. »Die Nummer hat also nicht geklappt. Genauer gesagt, den Handschuh hab ich im Hof aufgehoben und in die Wohnung mitgenommen. Dort hab ich ihn hingeworfen.«

»Weshalb?«

»Um euch was vorzumachen. Ich dachte, die befassen sich mit dem Mord, und da hängen sie den Diebstahl den Mördern auch gleich mit an. Aber offensichtlich ist es umgekehrt gekommen. Ihr wollt uns den Mord anhängen. Doch damit haben wir nichts zu schaffen. So ist das.«

Eine Weile schweige ich und versuche nach diesem verblüffenden Geständnis meine Gedanken zu sammeln. Wenn es so ist, dann hat alles Hand und Fuß. Pest und Ljocha sind an dem Diebstahl nicht beteiligt gewesen. An dem Morgen war der eine bei seiner Musa, der zweite bei Polina Tichonowna. Und den Handschuh nahm Gawrilow in die Wohnung mit. Das ist ein Ding! Und Lew Ignatjewitsch. Und Semanski. Aber das später, später. Nein, zum Staunen und zur Freude ist es noch zu früh. Hier muß ruhig untersucht werden.

»Also sind Sie zu zweit in der Wohnung gewesen?« frage ich.

»Ja.«

»Und den Handschuh haben Sie also im Hof gefunden. Wann?«

»Ich hab ihn aufgehoben, als sie wegrannten«, erklärt Gawrilow herablassend.

»Demnach haben Sie gesehen, was dort geschah?«

»Alles. Ich hatte diese Kerle schon lange bemerkt. Dachte sogar«, Gawrilow lächelt verhalten, »ob da nicht Konkurrenten aufgekreuzt sind.«

»Die kreisten auch um die Wohnung?«

»Ja.«

»Warum? Wie denken Sie jetzt darüber?«

»Wer weiß. Allerdings hab ich ein Gespräch von ihnen aufgeschnappt«, teilt Gawrilow nachdenklich mit. »Aber damals verstand ich nicht die Bohne.«

»Wer unterhielt sich da?«

»Na diese älteren Männer. Den einen machten sie dann kalt. Vor meinen Augen. Ich bin fast verrückt geworden.«

»Und worum ging es in dem Gespräch?«

»Der eine, der am Leben geblieben ist, sagte: >Mein Rat: Wir verschwinden und kommen ihm nie mehr unter die Augen.< - Und der andere entgegnete: >Er ist mein Freund, er wird dir nichts tun.< Und der erste: >Doch, da kannst du sicher sein.< Das war das ganze Gespräch.« Gawrilow gibt den Wortlaut geradezu erleichtert wieder. Als wäre er eine Last, die ihn bedrückte, losgeworden. Ja, der Mord scheint Gawrilow an die Nieren gegangen zu sein.

»Und dann wurde er ermordet.«, sage ich nachdenklich.

»Genau. Vor meinen Augen.«

»Hat er geschrien?«

»Dazu ist er nicht gekommen.«

»Hat das noch jemand gesehen?«

»Nein. Bloß ich.«

»Und Sie sind nicht weggerannt, um Hilfe zu holen, haben keinen gerufen?«

»Meine Zunge war wie gelähmt«, sagt Gawrilow kleinlaut. »Immerhin geschah es vor meinen Augen. Ich zitterte am ganzen Leib.«

»Konnten Sie die Kerle erkennen?«

»Weiß ich nicht«, Gawrilow wendet den Blick ab, als habe ihn meine Frage erschreckt. »Es war dunkel. Eine Frau hat sie gesehen, als sie vom Hof liefen, aber dann kamen sie zurück.«

»Hat sie auch den Toten gesehen?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Woher kam die Frau?«

»Aus dem Haus. Nicht aus dem im Hof, wo die Wohnung ist, sondern aus dem anderen, das an der Straße steht. Sie trug einen roten Mantel und eine weiße Mütze.«

»War Scherschen an dem Abend mit Ihnen zusammen?«

»Nein. Ich war allein.«

»Könnten Sie die Kerle identifizieren?«

»Sie wollen mich als Zeugen haben?« fragt Gawrilow grinsend.

»Ja.«

»Das geht nicht, Chef. Ich muß selber vor Gericht.«

»Nach dem Gesetz können Sie in einem anderen Fall als Zeuge auftreten. Sie bleiben ja Bürger.«

»Was bin ich denn jetzt für ein Bürger!« Gawrilow winkt geringschätzig ab und fügt plötzlich hinzu: »Aber einem Menschen das Leben nehmen - das kann ich nicht.«

»Das können Sie nicht?« frage ich. »Aber Sie wollten doch einen Menschen totfahren, dort, in der Nähe der Datsche. Oder haben Sie das vergessen? Mit dem Auto wollten Sie ihn überfahren.«

»Das war Stepan!« ruft Gawrilow. »Der war halb blödsinnig vor Angst. Ich hab ihm eine gescheuert in dem Moment. Und das Lenkrad herumgerissen. Es ist ja sein Moskwitsch, er saß am Lenkrad.«

»Stimmt«, sage ich, »es ist sein Moskwitsch.«

»Ja«, greift Gawrilow auf, »ich hab nie jemanden umbringen wollen. Mal lange Finger machen - das ist eins, aber töten - das ist ganz was anderes, das ist schrecklich, das ist das Letzte.«

»Stimmt«, sage ich und nicke. »Das Allerletzte. Und Sie wollen solche Unmenschen decken, Iwan Stepanowitsch? Heute haben die einen Ihnen fremden Menschen umgebracht, morgen...«

»Hör auf, mir auf der Seele zu knien, Chef, die ist sowieso schon völlig zerfetzt«, unterbricht mich Gawrilow finster. »Morgen. Was bedeutet mir >morgen<? Wieviel Jahre werde ich nun meine Familie nicht sehen. Meine Tochter wird sicherlich ohne mich Braut, sofern sie gesund und am Leben bleibt.«

»Möge Gott verhüten, wie man so sagt, daß sie solche Unmenschen trifft.« Ich zwinge Gawrilow, beim Thema zu bleiben. »Denn der, dem der Handschuh gehört, hat ein Mädchen aus Nowosibirsk zum Krüppel geschlagen, der Halunke. Kurzum, eine wahre Bestie. Aber äußerlich. Vor kurzem hat er hier noch einer den Kopf verdreht.«

»Wenn mir so einer in die Quere kommt«, stößt Gawrilow hervor, »erwürg ich ihn mit meinen eigenen Händen, den Hund!«

»Warum mit den eigenen Händen?« sage ich. »Mit den Händen des Gesetzes ist es sicherer. Alles muß seine Richtigkeit haben, Iwan Stepanowitsch. Sie, zum Beispiel, haben den Menschen viel Leid zugefügt. Und deswegen müssen Sie nach Recht und Gesetz bestraft werden. Doch diesen Kerl, sein Spitzname lautet übrigens Pest, und das paßt zu ihm, erwartet eine besondere Strafe. Er hat einen Menschen getötet.«

»Alles richtig«, sagt Gawrilow bekümmert.

»Aber damit das Gesetz auch ihn, diesen Mörder, gerecht bestraft«, fahre ich fort, »braucht es Beweise. Und Sie haben diese Beweise, Iwan Stepanowitsch. Die wichtigsten Beweise. Wenn Sie aussagen - wird die Strafe gerecht ausfallen. Wenn nicht, kann der Mord vielleicht gar nicht bewiesen werden. Das ist gefährlich, Iwan Stepanowitsch, für alle Menschen ist das gefährlich, wenn er ungeschoren freikommt.«

»Das verstehe ich schon, ich bin ja nicht von gestern.«

»Zumal Sie eine Tochter haben. Also, Sie helfen uns?«

»Mal sehen.«

»Sehen Sie zu, Iwan Stepanowitsch, überlegen Sie. Lassen wir es damit einstweilen bewenden. Der Untersuchungsführer wird Sie dann noch verhören.«

»Dem sage ich nichts«, warnt mich Gawrilow. »Ich warte auf Sie.«

Anscheinend habe ich doch etwas erreicht, habe ich eine geheime Saite in ihm berührt.

»Na, na«, sage ich begütigend. »Der hat auch Verständnis. Da können Sie ganz ruhig sein.«

»Das bin ich. Unruhig kann er sein - solange ich schweige.«

»Na schön«, sage ich. »Verbleiben wir so: Sie überlegen, und wir überlegen. In Ordnung?«

»Ihre Sache«, Gawrilow zuckt gespielt gleichgültig die Schultern. »Notfalls könnte ich ihn ja identifizieren.«

Vor Überraschung fehlen mir die Worte, und ich nicke nur.

Gawrilow wird abgeführt. Ich zünde mir eine Zigarette an und gehe eine Weile hin und her. Allmählich beruhige ich mich.

Dann schließe ich mein Zimmer ab und begebe mich zu Kusmitsch.

Als ich bei ihm eintrete, wird Scherschen immer noch vernommen. Scherschen ist ein rotblonder, rundgesichtiger Mann mit listigen Augen, die sonst wahrscheinlich immer lächeln. In dem hellen, karierten Anzug und mit dem übermäßig breiten Schlips wirkt er wie ein Geck; an der linken Hand trägt er einen goldenen Siegelring.