»Wie in der Beichte habe ich Ihnen alles gestanden, Bürger Leiter«, sagt er weinerlich. »Iwan hat mir befohlen: >Fahr ihn tot!< Ich wollte das nicht. Aber aus Schwäche hab ich nachgegeben. Ich bin ein schwacher Mensch, verstehn Sie? Ich wollte Iwan auch von diesem verfluchten Diebstahl abhalten. Aber kann man den von etwas abhalten? Ich habe eine alte Mutter zu versorgen, Bürger Leiter. Und dazu eine Schwester mit Kind, ihr Kerl hat sie sitzengelassen! Für alle muß ich aufkommen. Ich selbst leiste mir nichts. Versetzen Sie sich mal in meine Lage! Ich unterschreibe Ihnen, was Sie wollen, ich bestätige alles!«
»Schon gut, Stepan Iwanowitsch!« Kusmitsch schmunzelt. »Es langt. Sie haben uns schon mehr als notwendig erzählt. Es dauert drei Tage, ehe wir die Wahrheit von der Unwahrheit geschieden haben. Von beidem haben Sie uns eine Menge aufgetischt.«
»Es ist die Wahrheit! Alles! Die reine Wahrheit!« ruft Scherschen erschrocken und fuchtelt mit den kurzen dicken Armen. »Ich habe nichts verschwiegen und nichts hinzugefügt.«
»O doch«, unterbricht ihn Valja Denissow schroff, »zum Beispiel haben Sie uns nicht gesagt, wo die übrigen Sachen aus dem Diebstahl versteckt sind.«
»Ich weiß es nicht!« ruft Scherschen verzweifelt und preßt die mit rötlichem Flaum und Sommersprossen bedeckten Hände an die Brust. »Iwan hat sie versteckt. Wirklich, Iwan!«
Plötzlich läßt er sich auf die Knie fallen. Der sabbernde Mund ist verzerrt, über die dicken pickligen Wangen rollt je ein Tränchen.
»Stehn Sie auf, Scherschen«, sagt Kusmitsch verächtlich. »Sie sind nicht in der Kirche, hier wird nicht um Vergebung der Sünden gefleht.«
Scherschen erhebt sich. »Man darf mich nicht ins Gefängnis stecken, Genossen Leiter«, bettelt er. »Der Humanismus erlaubt es nicht. Ich muß meine alte Mutter ernähren! Und meine schwerkranke Schwester mit dem kleinen verlassenen Kind. Sie kämen sonst um! Bei Gott, sie kämen um! Ich bin ungefährlich! Wenn Iwan im Gefängnis ist, rühre ich nichts Fremdes mehr an! Fragen Sie, wen Sie wollen! Ich bringe Ihnen tausend Zeugen und alle möglichen Bürgen!«
»Schon gut, es langt!« erklärt Kusmitsch ärgerlich.
Er ruft den Begleitposten, und Scherschen wird abgeführt.
Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hat, setze ich mich. Wir tauschen die erhaltenen Informationen aus.
In den Hauptpunkten stimmen unsere Angaben überein. Den Diebstahl haben Gawrilow und Scherschen verübt, den »Tip« lieferte ihnen unabsichtlich der ewig betrunkene Oleg Brjuchanow, als er ihnen lang und breit von seinem Prozeß gegen die Schwester und von den in der Wohnung befindlichen Wertsachen und Bildern erzählte. Von dem Mord im Hof und von dem Handschuh weiß Scherschen nichts. Das dürfte die Wahrheit sein, Gawrilow plaudert nicht gern aus der Schule.
»Oh, dieser Gawrilow ist ein ganz Pfiffiger!« Kusmitsch wiegt den Kopf. »Der Einfall mit dem Handschuh... Das ist eine tolle Idee gewesen! Aber du bist auch tüchtig, Lossew«, sagt er zu mir. »Hast dich zu seinem Bewußtsein vorgetastet.«
Kusmitschs Lob freut mich.
Indessen kommt Petja Schuchmin herein, ihm folgt Viktor Anatoljewitsch, unser Untersuchungsführer. Valja Denissow erzählt, wie Gawrilow und Scherschen festgenommen wurden, ich - von meiner Dienstreise. Mein Bericht dauert ziemlich lange.
»Schprinz ist ein Erfolg in dieser Sache«, bemerkt Viktor Anatoljewitsch im Laufe meiner Erzählung.
Als ich geendet habe, seufzt Kusmitsch und sagt: »Nun, meine Lieben, den Diebstahl haben wir aufgeklärt. Was meinen Sie, Viktor Anatoljewitsch?«
»Ich meine, ja«, antwortet der lächelnd. »Wir müssen den Fall abschließen und dem Gericht übergeben. Zuvor aber müssen wir die übrigen Sachen und Bilder aufstöbern.« Nach einer kleinen Pause wendet er sich an mich: »Sie, Vitali, werden morgen Gawrilow offiziell vernehmen. In meinem Auftrag. Bringen Sie ihn so weit, daß er verrät, wo die fehlenden Sachen sind. Und wenn er in der Mordsache als Zeuge auftritt, so ist das ein großer Gewinn. Und natürlich müssen wir die Frau mit dem roten Mantel finden«, sagt er zu Kusmitsch.
»Machen wir«, antwortet er, »noch heute beginnen wir mit der Suche.«
»Und die Hauptsache«, sage ich, »jetzt steht fest, daß ich mich im Cafe mit Lew Ignatjewitsch alias Pawel Alexejewitsch getroffen habe. Er war unruhig geworden, als ich Kuprejtschik auf die Pelle rückte. Da habe ich gar keinen Zweifel. Und dieser Lew Ignatjewitsch ist in den Mord an Semanski verwickelt, er ist der Organisator.« All das sage ich hitzig, heftig sogar, als streite jemand mit mir.
Kusmitsch fügt nachdenklich hinzu: »Dieser Mord deutet auf ein Wirtschaftsverbrechen hin, meine Lieben.« Er sieht zunächst mich, dann Viktor Anatoljewitsch an.
»Ja«, bestätigt der. »Es ist wohl an der Zeit, die OBChSS einzuschalten. Einige interessante Figuren zeichnen sich bereits ab.« Viktor Anatoljewitsch nimmt ein Blatt Papier, nennt die Namen und notiert sie. »Also Semanski. Er ist ermordet. Dann Lew Ignatjewitsch. Weiter - Schprinz, Jermakow, die sind alle in Jushnomorsk. Ja! Hier in Moskau ist noch Kuprejtschik.« Viktor Anatoljewitsch schließt jeden Namen in ein Quadrat, verbindet sie mit punktierten Linien, malt ein Fragezeichen an jede Linie und erklärt: »Die funktionellen Verbindungen sind noch nicht genau festgestellt, einige Glieder kennen wir gar nicht.«
»Schreiben Sie auch den zweiten Jermakow auf«, sage ich. »Wassili Prokofjewitsch, ein Vetter von Geli
Stanislawowitsch, er leitet die Filiale auf dem Markt. Ein großer Gauner, schlimmer vielleicht als Geli.«
»Machen wir«, antwortet Viktor Anatoljewitsch, und nachdem er sich den Namen notiert hat, bemerkt er: »All dies muß ein Spezialist sorgfältig studieren. Ich denke da an Ihren Bekannten aus der OBChSS. Sie haben kürzlich mit ihm zusammengearbeitet. Wie heißt er doch?«
»Meinen Sie Albanjan?« frage ich.
»Richtig. Weihen Sie ihn in die Sache ein. Und dann berufen wir, wie immer, eine kleine Konferenz mit den anderen Abteilungen ein. Sind Sie einverstanden, Fjodor Kusmitsch?«
»Völlig«, sagt Kusmitsch. »Und dieser Kuprejtschik spielt nicht die letzte Rolle in der Geschichte, wenn seinetwegen solch ein Kampf entbrannt ist. Sie haben es ja sogar auf einen Mord ankommen lassen.«
»Das goldene Huhn«, versetze ich spöttisch.
»Ich möchte wissen, was es legt«, ergänzt Petja.
Valja hüllt sich wie immer in Schweigen, erst zum Schluß sagt er: »Vermutlich ist es Lew Ignatjewitsch gewesen, der Musa aufgesucht hat. Er wollte bestimmt erfahren, wo Pest steckt.«
»Sehr wahrscheinlich«, sagt Kusmitsch. »Demzufolge führen drei Wege zu ihm: über Kuprejtschik, über Sowko und über Musa. Einer von ihnen muß wissen, wie man an diesen Lew Ignatjewitsch herankommt.«
»Weder Kuprejtschik noch Sowko werden seine Adresse so mir nichts, dir nichts preisgeben«, sagt Petja. »Man muß sie zwingen.«
»Selbstverständlich«, stimmt Kusmitsch zu. »Da müssen wir uns was einfallen lassen, meine Lieben.«
»Berücksichtigt aber«, bemerkt Viktor Anatoljewitsch, »daß wir gegen diesen Lew Ignatjewitsch keinen einzigen Beweis haben. Verhaften können wir ihn also vorläufig nicht. Und deshalb empfiehlt es sich auch nicht, ihn zu beunruhigen.«
»Richtig«, sagt Kusmitsch nachdenklich. »Beunruhigen werden wir ihn nicht, aber wir werden uns in seinem Umfeld umtun. Dann bekommen wir auch die Beweise. Also, wir machen es so: Schuchmin, du holst Musa her. Du, Denissow, machst die Frau im roten Mantel ausfindig. Ohne sie kommst du nicht zurück. Nun, und Lossew geht zu den Kollegen der OBChSS. An die Arbeit, meine Lieben. Verliert keine Zeit. Ohnehin ist der halbe Tag schon um.«