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Wir erheben uns von unseren Plätzen. Viktor Anatoljewitsch verabschiedet sich von jedem und vereinbart eine neue Zusammenkunft.

Ja, der Fall nimmt eine neue, unverhoffte Wendung. Und seine Konturen treten immer deutlicher hervor.

Ich gehe zu unseren Nachbarn in den vierten Stock.

Als erster von uns dreien erfüllte Petja seinen Auftrag. Schon nach einer Stunde kehrte er mit Musa in die Dienststelle zurück. Schokoladen-Musa sah blaß und abgemagert aus, und die wie sonst grell geschminkten Lippen und die grünlichen Lidschatten ließen sie nicht attraktiv, sondern eher geschmacklos und häßlich erscheinen. Musa fühlte sich offensichtlich schlecht, und ihre Stimmung war scheußlich. Manche Frauen werden in solchen Situationen bissig und giftig, andere weinerlich. Musa gehörte wohl zu den weinerlichen. Als sie Kusmitschs Zimmer betrat, standen ihr bereits Tränen in den Augen, und ihre Finger zupften nervös an dem feuchten Taschentuch.

»Guten Tag, Musa Wladimirowna«, sagte Kusmitsch, erhob sich und schob ihr einen Stuhl hin. »Nehmen Sie bitte Platz. Tut mir leid, daß wir Sie noch einmal behelligen mußten.«

»Macht nichts«, entgegnete Musa traurig und setzte sich. »Andere behelligen mich weit mehr.«

»Sie denken da an Sowko?«

»Der wird nun wahrscheinlich lange keinen mehr behelligen, nicht wahr?«

»Ja. Ich hoffe es.« Kusmitsch nickte und blickte Musa über den Tisch hinweg forschend an. »Aber Sie scheinen es zu bedauern, daß er Sie nicht mehr behelligt?«

»Stellen Sie sich vor, ja!« antwortete Musa unerwartet herausfordernd. »Was soll ich jetzt anfangen? Ich hab doch bloß ihn, und ich will nur ihn. Seinetwegen habe ich meinen Mann verlassen, der mir widerlich wurde.«

Kusmitsch zuckte die Schultern. »Ich fühle mit Ihnen.«

Musa betupfte die Augen, seufzte und sagte: »Ach, was habe ich von Ihrem Mitgefühl, wenn mein Leben verpfuscht ist.«

»Na, na«, sagte Kusmitsch lächelnd. »Geht alles vorbei. Vergessen Sie diesen Banditen. Er hätte Ihnen das Leben tatsächlich verpfuscht, das stimmt.«

»Ja, natürlich. Ich verstehe«, antwortete Musa leise und senkte den Kopf.

»Gut.« Kusmitsch seufzte seinerseits. »Lassen wir das. Aber wer behelligt Sie denn mehr als wir? Das sagten Sie doch?«

»Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe«, antwortete Musa und bemühte sich, nicht erneut in Tränen auszubrechen. »Ich bin so vergeßlich. Auch bei der Arbeit. Es ist furchtbar.«

»Dann will ich genauer fragen. Ist einer von Sowkos Bekannten bei Ihnen gewesen und hat sich nach ihm erkundigt?«

»O ja!« rief Musa und legte die Hände an die Wangen. »Ich hab so einen Schreck gekriegt, hab sogar geweint.«

»Und wer war das?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Beschreiben Sie ihn mir!« ,

»Ziemlich klein, korpulent, schon älter. Grauer Schnurrbart. Tränensäcke. Ich hatte ihn früher schon gesehen. Er war mit Nikolai ein paarmal bei uns im Restaurant.«

»Wie heißt er?«

»Nikolai machte uns damals nicht bekannt. Doch als er jetzt kam, sagte er, er heiße Pawel Alexejewitsch. Nur...« Musa stockte.

»Was heißt >nur<?« fragte Kusmitsch.

»Er hat mich angelogen!« Sie lächelte schwach. »Ich kenne die Männer, weiß, wie sie sich vorstellen, und ich merke sofort, wenn sie lügen.«

Kusmitsch schmunzelte. »Von Sowko haben Sie den Namen nie gehört?«

»Nie.«

»Und den Namen Lew Ignatjewitsch haben Sie auch nie gehört?«

»Lew Ignatjewitsch? Den habe ich gehört, glaube ich.« Musa überlegte. »Nikolai hat mit Ljocha über diesen Mann gesprochen.«

»Erinnern Sie sich, was sie gesprochen haben?«

»Nein, ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich an gar nichts mehr.« Musa kamen erneut die Tränen, und sie winkte ärgerlich ab. »Mein Kopf ist völlig leer. Ich glaube, Nikolai wollte diesem Lew. Lew. irgend etwas nicht geben.«

»Lew Ignatjewitsch.«

»Ja, Lew Ignatjewitsch. Aber Ljocha sagte, der könne jemanden anrufen und sich beschweren. Ja, so war's wohl.«

»Und Nikolai?«

»Meiner Meinung nach hatte der vor niemandem auf der Welt Angst. Doch diesmal gab er klein bei. Ich wunderte mich darüber.«

Kusmitsch nickte nachdenklich. »Und haben Sie mitbekommen, wo dieser Lew Ignatjewitsch hätte anrufen können? Vielleicht in einer anderen Stadt?«

»Ja, ja, in einer anderen Stadt. Weit weg von hier.«

»Wen? Hat Ljocha keinen Namen genannt?«

»Doch. Einen komischen Namen. Ich dachte noch, daß wir ihn in der Schule durchgenommen haben, in Chemie, glaube ich.«

»In Chemie?« fragte Kusmitsch verdutzt.

»Ja, natürlich!« rief Musa freudig aus. »Geli*. Ein komischer Name, nicht? Geli Stanislawowitsch. Ja.«

»Und was sagte der Mann, der zu Ihnen kam? Erinnern Sie sich?«

»Selbstverständlich. Er fragte mich, ob ich wüßte, wo Nikolai ist. Und ich antwortete: >Ich weiß es nicht.< Das hatten Sie mir doch befohlen?«

»Richtig. Und was sagte er?«

»>Stimmt nicht<, sagte er. >Sie wissen es. Aber ich finde ihn auch unter der Erde. Der bleibt in meiner

* Helium Nähe. Er will ja essen.< Ich hatte große Lust, ihm zu verraten, wo Nikolai jetzt ißt.«

»Und weiter sagte er nichts?«

»Er fluchte auf die gemeinste Art. Und dabei sieht er so solide aus. Und dann sagte er noch: >Ich hätte nicht gedacht, daß er so ein Waschlappen ist.< Bei Ljocha wäre das was anderes, meinte er. Der türmt, wenn er Angst hat. Von Nikolai hätte er das nicht gedacht. Und zu mir sagte er: >Sie werden es noch hundertmal bedauern, daß Sie ihn verstecken.< Er drohte mir. Ich wär vor Schreck beinahe gestorben.«

»Hat er Ihnen eine Adresse oder Telefonnummer dagelassen?«

»Eine Telefonnummer. Nikolai soll ihn anrufen. Ich zeige sie Ihnen gleich. Er hat sie mir aufgeschrieben. Wo hab ich denn den Zettel?« Musa begann hastig in ihrer Handtasche zu kramen, nahm bald den einen, bald den anderen Zettel heraus, sah ihn sich an und steckte ihn ärgerlich zurück. Endlich fand sie den, den sie suchte. »Da!« Sie reichte Kusmitsch einen Fetzen Zeitungspapier. »Das hat er selbst geschrieben.«

Da standen die Telefonnummer und zwei Abkürzungen. Kusmitsch überlegte, dann nickte er. »Damit befassen wir uns. Darf ich das behalten?«

»Selbstverständlich.«

»Danke. Will der Mann wiederkommen?«

»Nein. Er sagte, er warte auf Nikolais Anruf. Er war überzeugt, daß ich ihm nur nicht verraten wollte, wo Nikolai ist.«

»Sehr schön. Und wann will er angerufen werden?«

»Abends. Dienstags und freitags. Er hat es aufgeschrieben.«

»Und wann ist er bei Ihnen gewesen?«

»Mein Gott, wann war das?... Ach ja! Vorgestern, am Donnerstag. Ich hatte Dienst. Und er setzte sich an einen meiner Tische.«

»Kennt er Ihre Privatadresse?«

»Wo denken Sie hin! Nikolai hätte sie ihm nie gegeben. Er hat sie keinem gegeben, nicht mal Ljocha.«

»Danke, Musa Wladimirowna«, sagte Kusmitsch. »Sie haben uns sehr geholfen. Und grämen Sie sich nicht. Alles, was geschehen ist, ist zu Ihrem Besten, glauben Sie mir. Sie werden sich jetzt mehr um Ihre Tochter kümmern und Ihrer Mutter helfen. Das lenkt Sie ein bißchen ab.«

»Wenn es seine Tochter wäre.«, antwortete Musa leise und biß sich auf die Lippe.

»Seine Tochter läuft in einer anderen Stadt herum«, erwiderte Kusmitsch gereizt.

Musa schaute ihn an. »Das hätten Sie sich sparen können!«

»Verzeihen Sie«, sagte Kusmitsch verlegen. »Es ist mir so herausgerutscht. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

»Unterschreiben Sie meinen Passierschein«, verlangte Musa kühl.

Als sie gegangen war, saß Kusmitsch eine Weile an seinem Tisch und rieb sich ärgerlich die grauen Stoppelhaare am Hinterkopf. Dann blickte er auf die Uhr, stand auf, verwahrte die Papiere vom Tisch im Safe, schloß sein Zimmer ab und ging essen. Auch diesen Sonnabend verbrachte er im Dienst.