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Nach dem Mittagessen erschien Valja Denissow. Mit ihm kam eine große, nicht mehr junge Frau in rotem Mantel.

Als Kusmitsch wieder in seinem Zimmer war, ging Valja mit der Frau zu ihm.

»Rosa Grigorjewna«, stellte er sie Kusmitsch vor.

»Nehmen Sie Platz, Rosa Grigorjewna«, sagte Kusmitsch. »Ihnen ist sicherlich bekannt, warum wir Sie hergebeten haben?«

Die. Frau war älter, als man auf den ersten Blick annahm, wenn man sie nach ihrer schlanken Figur und ihrem elastischen Gang beurteilte. Ihr schmales Gesicht mit den großen strengen Augen war von einem Netz kleiner Fältchen überzogen, und sie hatte die derben knotigen Hände einer Arbeiterin. Die ein wenig schütteren hellen Haare, die an den Schläfen schon grau wurden, waren nachlässig zu einem Knoten geschlungen.

»Ja«, antwortete sie. »Er hat mir alles auseinandergesetzt.« Rosa Grigorjewna deutete auf Valja.

»Sie erinnern sich also an jenen Abend?«

»Natürlich erinnere ich mich.«

»Dann beschreiben Sie mir, was Sie beobachtet haben.«

»Das habe ich ihm doch schon beschrieben«, die Frau deutete erneut auf Valja, »und ihm war alles klar.«

»Nun beschreiben Sie es mir, damit auch mir alles klar wird«, sagte Kusmitsch lächelnd.

»Bitte. Also das war so um zehn. Genauer, schon nach zehn. Im Fernsehen war gerade der Film zu Ende. Und ich ging hinaus. Unser Hof ist schrecklich dunkel. Wieviel Eingaben wir schon gemacht haben! Da kann man ermorden und berauben, wen man will! Schon der selige Boris Kirillowitsch hat sich bemüht.

Versprochen wurde viel, aber diese verfluchte Finsternis blieb. Ist das denn richtig, frage ich Sie?« Rosa Grigorjewna geriet in Zorn. »Ich verrate Ihnen keine Silbe, wenn Sie nicht für eine Hofbeleuchtung sorgen!«

»Wir werden alles tun, was von uns abhängt, Rosa Grigorjewna«, sagte Kusmitsch ernst. »Das verspreche ich Ihnen.«

»Gut. Alle werden Ihnen dankbar sein«, entgegnete Rosa Grigorjewna und begann mit der Erzählung. »Ich ging also hinaus, und es war stockdunkel...«

»Weshalb gingen Sie auf den Hof?«

»Weshalb wohl? Um den Meinigen zu suchen.«

»Ihren Mann?«

»Wen denn sonst? Bei jeder Gelegenheit rückt er ins Kesselhaus aus. Da hat er seine dreimal verfluchten Kumpane. Mit mir vor dem Fernseher zu sitzen paßt ihm ja nicht. Ich komme also raus. Da sehe ich zwei zum Tor laufen, wo eine Lampe am Haus ist. Dort rief einer dem anderen etwas zu, und sie kehrten um. Mir war's, als hätte mir jemand einen Stoß versetzt. Bestimmt sind das Gauner, dachte ich, und die haben was angestellt, die Teufel. Ich schlich ihnen nach. Da sah ich sie aus einem Schuppen kommen. Wieder rannten sie zum Tor. Und der eine, es war so ein Großer, Schlanker, Lippen hatte er wie ein junges Mädchen.«

»Sie haben also sein Gesicht erkennen können?« fragte Kusmitsch.

»Gewiß. Er war ja unter der Lampe. Während sie liefen, fragte er den anderen, so einen Bären, sie kamen gerade an mir vorbei: >Hast du die Bretter richtig drübergelegt?< Und der sagte: >Hab ich, der kann da bis zum Frühjahr liegen, ohne zu verfaulen.< Die beiden Halunken lachten, und weg waren sie. Ich dachte noch, was kann da nicht verfaulen?«

»Und wohin gingen Sie?«

»Ins Kesselhaus natürlich, um den Meinigen zu holen.«

»Erzählen Sie Fjodor Kusmitsch, daß Sie das Akademiemitglied Brjuchanow gekannt haben«, forderte Valja sie auf, »daß Sie bei ihm saubergemacht haben.«

»Ja«, Rosa Grigorjewna nickte, »ich hab bei ihnen saubergemacht. Jahrelang! Und ich hab mich auch um ihre Kinder gekümmert. Und jetzt gehe ich zweimal die Woche zu Inna. Ebenfalls zum Saubermachen. Und manchmal koche ich ihnen was.«

»Sieh mal einer an«, rief Valja erstaunt, »das haben Sie mir ja gar nicht erzählt, daß Sie immer noch hingehen.«

»Du liebe Güte! Kann man denn alles auf einmal sagen?«

»Und an welchen Tagen machen Sie dort sauber?« fragte Kusmitsch.

»Wenn Inna anruft, lauf ich hin. Mir ist jeder Tag recht. Ich bin ja schon seit drei Jahren Rentnerin.«

»Wann waren Sie zum letzten Mal dort?«

Rosa Grigorjewna überlegte. »Heut haben wir Sonnabend. Ja, dann bin ich gestern dort gewesen, am Freitag. Da hatte sich wieder Staub angesammelt, du lieber Himmel.«

»Und um welche Zeit haben Sie gestern saubergemacht?« fragte Kusmitsch.

»Als ich vom Einkaufen kam, taten mir die Füße weh, ich konnte einfach nicht mehr. Hier muß man anstehen, dort. Man schafft es kaum noch nach Hause. Ich hab mich ein bißchen ausgeruht, mir etwas zu essen gemacht, dann bin ich hingegangen. Inna hatte mir morgens die Schlüssel gebracht, ehe sie in die Poliklinik ging. Ja, so um zwei oder drei hab ich mich aufgemacht.«

»Und wann sind Sie von dort weggegangen?« fragte Kusmitsch.

»Weggegangen? Wissen Sie, ich sehe nie auf die Uhr. Wenn alles sauber ist, dann gehe ich.«

»Ist in der Zwischenzeit Inna Borissowna oder Viktor Arsentjewitsch heimgekommen?« wollte Kusmitsch wissen.

»Viktor Arsentjewitsch kam, mit Lebensmitteln. Die kauft er immer selbst ein. Und nicht zu knapp. Das ist seine Aufgabe. Manchmal bewirtet Inna auch mich. Aber gestern brachte er einen Gast mit. Ich habe ihnen natürlich Tee gemacht. Doch mit dem Abendbrot wollten sie auf Inna warten.«

»Was war das für ein Gast?«

»Nun, wie soll ich sagen.« Rosa Grigorjewna überlegte kurz. »Mächtig ernst, nicht groß, sieht aus wie 'n Pilz. Graues Schnurrbärtchen. Und er machte ganz böse Augen und zischte wie ein Ganter.«

Kusmitsch blickte Valja an. »Der Gast hat große Ähnlichkeit mit Lew Ignatjewitsch, findest du nicht?«

»Doch«, antwortete Valja und fragte Rosa Grigorjewna: »Haben Sie zufällig gehört, wie Viktor Arsentjewitsch seinen Gast anredete? Lew Ignatjewitsch?«

»Weshalb hätte ich lauschen sollen?« entgegnete Rosa Grigorjewna unbekümmert. »Ich hab ihnen Tee gemacht und bin gegangen.«

Auf dem Tischchen neben Kusmitschs Sessel klingelte eins der Telefone. Kusmitsch nahm den Hörer ab und erkannte meine Stimme.

»Fjodor Kusmitsch«, sagte ich. »Genosse Albanjan und sein Chef, Genosse Gennadi Antonowitsch Uglow, möchten nach meiner ausführlichen Information einiges mit Ihnen besprechen. Sind Sie frei?«

»Wir beenden hier gerade eine Unterhaltung«, antwortete Kusmitsch. »In fünf Minuten rufe ich zurück. Übrigens müßte auch Viktor Anatoljewitsch dabeisein. Weißt du, ob er in seinem Zimmer ist?«

»Ja, er ist dort«, sagte ich, »eben habe ich mit ihm gesprochen.«

»Nun, das wär's einstweilen!« Kusmitsch hängte den Hörer auf und schaute Valja an. »Du mußt Viktor Anatoljewitsch abholen. Um Zeit zu sparen, berichtest du ihm unterwegs schon einiges. Nimm einen Wagen.«

»In welche Richtung fahren Sie?« erkundigte sich Rosa Grigorjewna. »Vielleicht könnten Sie mich bei der Gelegenheit nach Hause bringen? Der selige Boris Kirillowitsch hat mich immer mitgenommen. Aber Viktor Arsentjewitsch.«

»Verzeihen Sie, Rosa Grigorjewna«, unterbrach sie Kusmitsch, »Sie können ihm unterwegs alles schildern. Er nimmt Sie mit.« Und Kusmitsch zwinkerte Valja fröhlich zu.

Valja unterdrückte mit Mühe ein Lächeln und sagte zu Rosa Grigorjewna: »Kommen Sie. Im Auto erzählen Sie mir von Viktor Arsentjewitsch. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas Neues ein.«

Als sie hinausgegangen waren und Valja die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm Kusmitsch den Hörer ab, wählte bedächtig eine kurze Nummer und sagte: »Bitte. Ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

Im Ergebnis unserer sonnabendlichen Konferenz ist mir die schwierige Aufgabe zugefallen, durch Kuprejtschik diesen Lew Ignatjewitsch aufzuspüren.