Mit Kuprejtschiks möglichen oder durchaus wahrscheinlichen Machenschaften, für die er seine Dienststellung ausnutzt, wird sich Edik Albanjan intensiv befassen. Mich hingegen interessiert Lew Ignatjewitsch einstweilen lediglich als Anstifter und Organisator des Mordes an Semanski. Daß er das war, ergibt sich aus der Aussage von Schprinz und dem von Gawrilow belauschten Gespräch zwischen Semanski und Lew Ignatjewitsch, das sich zu einem ernsthaften Streit ausweitete, den wiederum Sofja Semjonowna beobachtete, als sie mit ihren Enkeln auf dem Spielplatz war. Kurzum, Lew Ignatjewitschs Beteiligung an dem Mord ist klar, doch leider fehlen uns noch die direkten oder indirekten Beweise. Den Weg zu Lew Ignatjewitsch soll uns nun Kuprejtschik zeigen, ob er das will oder nicht.
Es liegt auch auf der Hand, daß sich Lew Ignatjewitsch nur deshalb mit mir traf und ein erhebliches Bestechungsgeld versprach, weil ich auf Kuprejtschik gestoßen war und er fürchtete, daß dieser sich aus einem Opfer in einen Angeklagten verwandelte. Dann hätte das »goldene Huhn« nicht nur keinen »Gewinn« mehr gebracht, wie sich Schprinz ausdrückte, sondern die ganze »goldene Kette« mitgerissen, darunter auch ihn selbst, Lew Ignatjewitsch. Und offensichtlich beunruhigt Lew Ignatjewitsch nicht nur die Untersuchung des Diebstahls in Kuprejtschiks Wohnung, sondern auch die Untersuchung des Mordes an Semanski.
Vorläufig wissen wir nur eins über ihn - daß er Moskauer ist. Wäre uns sein Nachname bekannt, ließe sich leicht die Adresse ermitteln, wo er wohnt oder zumindest gemeldet ist. Eine schwache Hoffnung, diese Adresse zu finden, glomm in mir auf, als Kusmitsch mir den Zettel mit der Telefonnummer gab, den Lew Ignatjewitsch Musa dagelassen hatte. Aber es war Kuprejtschiks Nummer. Da faßten wir natürlich den Plan, Lew Ignatjewitsch heute, am Dienstag, zu verhaften oder unter Beobachtung zu nehmen, wenn er, wie auch am vorigen Freitag, zu Kuprejtschik kommen sollte, um auf Nikolais Anruf zu warten.
Das Haus wird seit Mittag überwacht. Drei Stunden später kommt Kuprejtschik von der Arbeit nach Hause, dann seine Frau. Lew Ignatjewitsch erscheint nicht. An diesem Abend erhält Kuprejtschik überhaupt keinen Besuch.
Nun dürfte es schwierig werden, Lew Ignatjewitsch zu verhaften oder, genauer, aufzuspüren. Einerseits kann es Zufall sein, daß er an dem von ihm selbst festgesetzten Tag nicht an dem genannten Telefonapparat erschien - Krankheit oder ein unvorhergesehener Zwischenfall -, andererseits kann er die Gefahr gewittert und sich der Falle geschickt entzogen haben. Nun weiß wahrscheinlich nicht einmal Kuprejtschik, wo sich dieser Typ versteckt. Trotzdem wollen wir mit Kuprejtschik reden.
Deshalb rufe ich Kuprejtschik am nächsten Tag, also am Mittwoch, an und vereinbare mit ihm, daß ich ihn nach seiner Rückkehr von der Arbeit zu Hause aufsuchen werde.
Vorher treffe ich mich mit Edik Albanjan, der, wie abgesprochen, genau um fünfzehn Uhr dreißig bei mir erscheint.
Edik setzt sich mit einer dicken Mappe neben mich an den Tisch, schlägt sie auf, und während er Seite für Seite überfliegt und umblättert, berichtet er: »Also erstens. Was dieses Garn betrifft. Erinnerst du dich, daß Schprinz sagte, er erhalte es aus Moskau?«
»Auch Lidia, die Buchhalterin von Schprinz, sprach davon«, füge ich hinzu. »Sie sagte, das Garn sei nicht ins Geschäft gekommen, sondern als Transitware irgendwohin gegangen. Vergiß das nicht.«
»Keine Angst«, entgegnet Edik, »wir merken uns alles. Also, dieses Garn wird Schprinz tatsächlich aus Moskau geliefert. Aus Kuprejtschiks Fabrik. Klar?«
»Völlig offiziell?«
»So ist es.« Edik lächelt schlau. »Aber da gibt es Probleme. Erstens: Wie ist dieses Garn in Kuprejtschiks Fabrik gelangt? Genauer, wie ist es über allen Bedarf und alle Limits hinaus in solcher Menge dorthin gelangt, verstehst du die Frage? Die Materialwirtschaftler schaffen gern Reserven, besonders an Rohprodukten, die Mangelware sind. Es könnte ja sein, daß plötzlich etwas dringend gebraucht wird. Oder es muß, weil etwas Notwendiges fehlt, getauscht werden. Kurzum, es ist nicht weiter verdächtig, solche Überschüsse, oder, wie man sagt, illiquiden Waren zu haben. Aber...« Edik hebt einen Finger. »Paß auf, was weiter geschieht. Zunächst erzielt Kuprejtschik diese Überschüsse. Ich habe die Papiere gesehen. Gestern hab ich den ganzen und heute den halben Tag bei ihnen in der Buchhaltung gesessen.«
»Wird Kuprejtschiks Abteilung nichts davon erfahren?«
»Na hör mal!« Edik lächelt herablassend. »Wofür hältst du mich? Keiner ahnt, von welcher Firma ich komme. Also, zunächst erzielt Kuprejtschik diese Überschüsse an Garn, dann stößt er sie fast umgehend wieder ab, indem er sie Schprinz schickt. Dieses Garn ist, nebenbei bemerkt, große. Mangelware und sehr teuer. Und er hat es in riesigen Mengen an Schprinz geliefert, ganz offiziell, ich habe mich selbst überzeugt. Es liegt eine Verfügung der übergeordneten Verwaltung für Versorgung und Absatz vor.«
»Und wer hat die hohe Unterschrift geleistet?« frage ich.
»Der stellvertretende Leiter der Verwaltung, wie es sich gehört. Er heißt Jermakow.«
»Jermakow?« frage ich ungläubig. »Ist das ein Namensvetter?«
»Keineswegs«, antwortet Edik. »Mit Vor- und Vatersnamen heißt er Dmitri Stanislawowitsch. Er ist also der Bruder des hervorragenden Direktors des Konfektionsgeschäfts. Und das ist der Anfang der Kette, verstehst du? Das sind die Moskauer Glieder. Das übrige ist dort!« Er schwenkt unbestimmt die Hand.
»Aber in Moskau ist noch Lew Ignatjewitsch«, erinnere ich. »Welche Rolle spielt er, was meinst du?«
»Das ist vorläufig unklar.«
»Und welche Rolle hat deiner Meinung nach Semanski gespielt?«
»Auch das ist vorläufig unklar.«
»Darf ich deine Angaben, vorsichtig natürlich, in dem Gespräch mit Kuprejtschik benutzen?« frage ich.
»Einem anderen würde ich es nicht erlauben. Dir vertraue ich. Aber vergiß nicht: Die Kette darf auf keinen Fall aufgestört werden. Wenn ein Alarmsignal nach Jushnomorsk geht, dann... Na, du weiß selbst, was dann ist. Das Signal kann abgehen, wenn du Kuprejtschik erschreckst. Er würde es geben.«
»Oder Lew Ignatjewitsch.«
»Ja, falls Kuprejtschik ihn informiert«, stimmt Edik zu und fragt: »Hat Schprinz dir erzählt, daß Kuprejtschik diesen Lew Ignatjewitsch nicht leiden kann?«
»Ja.«
»Und daß er mit Semanski befreundet war?«
»Das hat mir Kuprejtschik gesagt.«
»Oh! Hier kannst du doch einhaken, findest du nicht?« Edik sieht mich fragend an.
»Ja, du hast recht. Da ist was dran. Aber die Hauptsache ist, Kuprejtschik darf Lew Ignatjewitsch nicht informieren und kein Alarmsignal nach Jushnomorsk senden. Wir müssen erreichen, daß es unvorteilhaft für ihn ist.«
»Prachtkerl!« ruft Edik begeistert.
»Und was beabsichtigst du weiter zu tun?« frage ich.
»Ich unternehme eine Reise«, sagt Edik lachend. »Auf deinen Spuren. Gibst du mir Empfehlungsschreiben mit?«
»Wenn du sie dir verdienst.«
»Was? Habe ich sie mir etwa noch nicht verdient?« Edik rollt die Augen. »Du armer Kerl, du hast ja keine Ahnung. Was ist allein Dmitri Stanislawowitsch Jermakow wert?«
»Du legst dich doch nur für dich selbst ins Zeug!« foppe ich ihn.
»Für mich?« fragt er mit traurigem Vorwurf. »Und wer hat mich eben um Erlaubnis gebeten, meine Ausbeute zu benutzen?«
»Ich gebe mich geschlagen!« sage ich. »Du kriegst die Briefe.«
»Das will ich meinen!« Edik nickt zufrieden und schaut auf die Uhr. »Und jetzt gehe ich. In drei Minuten kommt jemand zu mir. Mach's gut!« Er steht auf, nimmt seine Mappe und läuft zur Tür.