Auch ich schaue auf die Uhr. Höchste Zeit für mich, aufzubrechen.
Die Tage werden schon merklich länger, und draußen ist es noch hell. Das ist angenehm, und es hebt die Stimmung. Der Frühling ist nah. Obwohl es noch kalt ist und auf den Höfen und in den Anlagen Schnee liegt, fühle ich mich beschwingt. Leider hat schon der Berufsverkehr eingesetzt, und nur mit großer Mühe gelingt es mir, mich in einen Trolleybus zu zwängen, nachdem ich eine Weile gewartet habe. Arg lädiert steige ich schließlich aus.
Und dann überquere ich den mir bereits vertrauten Hof, der sich jedoch verändert hat, seit ich zum letztenmal hier war. Da und dort schimmert Asphalt durch die dünn gewordene Schneedecke, der kleine vereiste Hügel sieht schmutzig aus, und er ist zusammengesackt.
Niemand begegnet mir. Im Haus trägt mich der alte Lift klappernd in den zweiten Stock.
Kuprejtschik empfängt mich wieder in der braunen bequemen Jacke und den pelzbesetzten Hausschuhen. Freudig lächelt er mir zu. Doch sein Aussehen gefällt mir nicht. Er ist abgemagert, die Lider sind wie von Schlaflosigkeit gerötet, und der Blick ist unstet.
Im Korridor lege ich ab. Am Kleiderhaken hängt nur Kuprejtschiks Mantel. Folglich ist Inna Borissowna noch nicht da. Meine Schirmmütze lege ich neben Kuprejtschiks Hut und eine flauschige Pelzmütze. Sie kommt mir bekannt vor.
Im Arbeitszimmer mache ich es mir in einem riesigen Ledersessel bequem. Der Bücher- und Zeitschriftenwust in den Regalen und auf den Tischen wirkt nach wie vor imposant. Wahrscheinlich liquidiert Kuprejtschik ihn deshalb nicht. Immer noch hängen die Bilder über dem Sofa. Allerdings ist mir, als hätte ihre Zahl zugenommen, als wären sie enger zusammengerückt. Vervollständigt Kuprejtschik die Sammlung seines Schwiegervaters?
Auf dem niedrigen Tischchen vor mir stehen eine kleine Schale mit Süßigkeiten und eine größere mit Äpfeln. Neben dem Aschenbecher aus tschechischem Glas, der einige Kippen enthält, liegen Zigaretten und ein Gasfeuerzeug.
»Nun, was führt Sie diesmal zu mir?« fragt Kuprejtschik gespielt treuherzig und langt nach einer Zigarette.
»Mein Vorschlag, den ich Ihnen neulich machte«, antworte ich. »Damals sagte ich ungefähr folgendes: Vertagen wir unser Gespräch und denken wir beide nach. Erinnern Sie sich?«
»Ich erinnere mich.« Kuprejtschik schiebt mir die Schale mit den Äpfeln zu. »Bedienen Sie sich!«
»Danke. Ich rauche lieber...« Ich ziehe eine Zigarette aus dem Päckchen und schnipse mit dem Feuerzeug. »Ja, ich wünschte sehr, daß Sie nachdenken. Denn Sie erklärten mir, Sie hätten Semanski gekannt, sie wären sogar Freunde gewesen, doch von einem Lew Ignatjewitsch hätten Sie nie gehört.«
»Völlig richtig.« Er nickt. »Und das behaupte ich auch heute.«
»Und noch kategorischer?«
»Ebenso kategorisch.«
»Gut. Dann möchte ich Ihnen noch etwas aus unserem vorigen Gespräch ins Gedächtnis zurückrufen.«
»Das ist nicht nötig«, unterbricht er mich. »Ich habe nichts vergessen.«
»Manchmal ist Erinnern nützlich«, entgegne ich. »Also wir folgerten, daß die Freundschaft mit Semanski einen Fleck auf Ihrer Reputation hinterlassen hat. Und ich setzte voraus, daß Sie Ihre Bekanntschaft mit Lew Ignatjewitsch leugnen, weil Sie keinen zweiten, schmutzigeren Fleck haben wollen. Ist es so?«
»Ja.« Kuprejtschik nickt. »Was die Genauigkeit Ihrer Erinnerungen betrifft. Aber einen zweiten Fleck brauche ich nicht zu fürchten, da ich einen Lew Ignatjewitsch nicht kenne. Das habe ich Ihnen damals gesagt, und heute wiederhole ich es.«
Diese unverhohlene Lüge ist mir seltsamerweise doppelt unangenehm. Wahrscheinlich deshalb, weil ich es gewohnt gewesen bin, in Kuprejtschik das Opfer zu sehen und ihn aus diesem Grund für meinen natürlichen Verbündeten zu halten. Unsere Unstimmigkeiten kamen mir wie Mißverständnisse oder Fehler vor. Doch jetzt hat Kuprejtschik mich unverfroren angelogen. Und das überzeugt mich, mehr als Ediks Enthüllungen, daß Kuprejtschik in irgendwelche Verbrechen verstrickt ist.
»Da wäre etwas, Viktor Arsentjewitsch, was ich Ihnen mitteilen muß«, sage ich entschlossen. »Seit unserer letzten Begegnung haben wir einiges getan. Wir haben den Diebstahl aufgeklärt und werden Ihnen die gestohlenen Sachen und Bilder bald zurückgeben.«
»Nicht möglich!« ruft er überrascht aus. »Sie haben den Fall tatsächlich aufgeklärt?«
»Ja. Stellen Sie sich das vor.«
»Nun, und... Wer sind die Täter?«
»Einbrecher. Sie kennen die Kerle nicht.«
»Aber. Sie sagten doch. Kurzum, sind die auch in den Mord verwickelt?«
»Nein. Das sind zwei verschiedene Verbrechen, die von verschiedenen Tätern, wenn auch gleichzeitig, verübt wurden.«
»Ach so ist das.«
»Im wesentlichen haben wir auch den Mord an Semanski aufgeklärt. Darin sind allerhand Leute verwickelt. Was die beiden betrifft, die den Mord unmittelbar begangen haben, so ist der eine verhaftet, der zweite. leider ums Leben gekommen.«
»Ums Leben gekommen?« ruft Kuprejtschik.
»Dieser Tod betrifft Sie nicht. Wie auch die Verhaftung des zweiten Sie nicht betrifft, hoffe ich. Das hoffe ich sehr.«
Er will etwas sagen, doch mit einer schroffen Geste hindere ich ihn und fahre fort: »Aber bei diesem schweren Verbrechen gibt es Mittäter. Und die sind noch auf freiem Fuß.«
»Und Sie kennen sie?« fragt Kuprejtschik nervös.
»Ja.«
Ich streife die Zigarettenasche im Aschenbecher ab, den ich zu mir herangezogen habe, und bemerke plötzlich zwei oder drei krumme, verkohlte Streichhölzer zwischen den Kippen. Offenbar hat sich jemand damit vergnügt, sie bis zum Schluß abbrennen zu lassen. Das ist ja eine Entdeckung! Sollte Lew Ignatjewitsch vor mir hier gewesen sein? Ja, er ist nicht gestern hier gewesen, sondern heute, kurz vor mir. Deshalb ist Kuprejtschik so aufgeregt.
»Ich kenne sie. Und sie sind noch auf freiem Fuß«, wiederhole ich, nachdem ich mich von meiner Überraschung erholt habe.
»Ist Ihnen etwas Unangenehmes eingefallen?« fragt Kuprejtschik teilnahmsvoll und sieht mich forschend an.
»Nein. Ich habe nur überlegt, wie ich mich möglichst klar ausdrücken könnte, damit Sie mich verstehen.«
»Oh, keine Sorge, ich verstehe Sie!« sagt er schnell.
»Das hoffe ich. Mord ist ein schreckliches Verbrechen. Wohl das schrecklichste. Warum hindern Sie uns, es endgültig aufzuklären?«
»Ich? Na hören Sie mal! Wissen Sie, was Sie da reden?« Kuprejtschik springt auf, sein Gesicht überzieht sich mit Röte.
»Ja, ich weiß es«, bestätige ich ruhig. »In diesem Fall gibt es nicht nur die Mörder. Es gibt auch einen Anstifter. Und Sie hindern mich, ihn zu finden und festzunehmen.«
»Ich? Ich hindere Sie? Quatsch!« murmelt Kuprejtschik und wendet den Blick ab.
»Sagen Sie«, frage ich unvermittelt. »Kennen Sie Georgi Iwanowitsch Schprinz?«
»Ich? Nein.«
»Aber er kennt Sie, stellen Sie sich das mal vor. Erst vor drei Tagen habe ich mich mit ihm unterhalten.«
»Mit Schprinz?« ruft Kuprejtschik verzweifelt. »Wozu brauchen Sie den Jämmerling, können Sie mir das verraten?«
Ich zucke die Schultern. »Ich muß den Mord an Semanski endgültig aufklären.«
»Wozu brauchen Sie da Schprinz?«
»Um Sie zu zwingen, die Wahrheit zu sagen.«
»Welche Wahrheit?«
»Augenblick. Rosa Grigorjewna kennen Sie auch nicht?«
»Rosa Grigorjewna? Was hat die mit alldem zu tun?«
»Sie hat mit Ihnen zu tun. Ebenso wie Schprinz.«
»Ich glaube, ich verliere den Verstand!« Er springt erneut auf und geht aufgeregt hin und her. Dann bleibt er abrupt vor mir stehen und fragt gequält: »Was wollen Sie von mir?«