»Die Wahrheit.«
»So... Die Wahrheit...« Plötzlich beugt er sich vor und flüstert: »Und wenn die Wahrheit weh tut?«
»Was können wir da machen, Viktor Arsentjewitsch? Sie hätten mit dieser Wahrheit eben nicht in Berührung kommen dürfen.«
»Ach, was verstehen Sie vom Leben!« Er winkt ärgerlich ab.
Es drängt mich, ihm etwas über das Leben zu erzählen, über das redliche und, das unredliche Leben, auch über das Gewissen und darüber, daß er nicht nur seinen Namen besudelt und daß er nicht nur sein Leben verhunzt hat. Und außerdem - daß man für alles im Leben bezahlen muß. Aber ich habe jetzt kein Recht, ihm all dies zu sagen. Deshalb frage ich nur streng: »Also, werden Sie mit der Wahrheit herausrücken?«
»Was denn? Was wollen Sie?« Kuprejtschik verzieht schmerzlich das Gesicht und sinkt aufs Sofa. »Was soll ich sagen?«
»Kennen Sie Lew Ignatjewitsch?«
»Nein, nein und nein!«
»Aber Schprinz behauptet, Sie kennen ihn. Und Rosa Grigorjewna hat ihn am vergangenen Freitag bei Ihnen gesehen. Und vor einer Stunde.«
Da durchzuckt mich eine Vermutung. Nein, nicht vor einer Stunde ist Lew Ignatjewitsch hier gewesen. Im Korridor liegt seine Mütze. Ich habe sie erkannt. Natürlich! Und Kuprejtschiks Nervosität, sein Flüstern: »Und wenn die Wahrheit weh tut?«, seine huschenden Blicke zur Tür zwischen den Bücherregalen. Wer ist in dem Nebenzimmer?
Entschlossen stehe ich auf und gehe wortlos in den Korridor.
»Was ist los, Vitali Semjonowitsch?« ruft Kuprejtschik erschrocken und stürzt mir nach.
»Nichts Besonderes.«
An der Wohnungstür drehe ich den in dem altertümlichen Schloß steckenden großen, mit Figuren verzierten Schlüssel herum, der mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen ist. Wahrscheinlich wird er seit vielen Jahren nicht mehr benutzt. Zum Verschließen der Tür dienen zwei moderne Schlösser, dieses alte Schloß blieb sicherlich nur deshalb erhalten, weil die massive gediegene Tür nicht beschädigt werden sollte. Das kommt mir jetzt zustatten.
»Was machen Sie da?« fragt Kuprejtschik.
Ich stecke den Schlüssel in die Tasche. »Das erkläre ich Ihnen gleich.«
Als wir wieder im Arbeitszimmer sitzen, wende ich mich der Tür zum Nebenzimmer zu und spreche absichtlich laut, wobei ich den aufgeregten Kuprejtschik beobachte. »Ich sagte, >und vor einer Stunde...<, nicht wahr?«
»Ja, das sagten Sie. Und was bedeutet das?« Er langt wieder nach einer Zigarette.
»Das bedeutet, daß ich den Satz nicht beendet habe«, antworte ich spöttisch. »Der Schluß lautet so: Vor einer Stunde kam Lew Ignatjewitsch zu Ihnen, und jetzt lauscht er im Nebenzimmer. So ist es doch? Und er kann mir nicht entwischen. Bestellen Sie ihm das!«
»Woher. wissen Sie?« stammelt Kuprejtschik.
»Das spielt keine Rolle«, antworte ich und deute auf den Schreibtisch hinter Kuprejtschik. »Reichen Sie mir doch mal das Telefon herüber, wenn's Ihnen keine Mühe macht. Ich will einen Wagen anfordern. Und inzwischen«, ich spreche immer noch sehr laut, »bitten Sie Lew Ignatjewitsch herein. Es ist Zeit, daß ...«
Noch ehe ich ausgesprochen habe, knarrt hinter mir die Tür. Kuprejtschik springt wie von der Tarantel gestochen auf und ist verschwunden.
Ich schnelle herum. Wenige Schritte vor mir steht der mir bekannte mittelgroße, stämmige Mann mit dem grauen Schnurrbart in der Tür. Er hält eine Pistole in der Hand.
Ein Schuß kracht.
Ich lasse mich auf den Fußboden fallen, gehe hinter dem Sessel in Deckung und rufe: »Sind Sie verrückt geworden, Lew Ignatjewitsch? Werfen Sie die Waffe weg!«
»Nein!«
»Lew, ich beschwöre dich!« fleht Kuprejtschik mit zitternder Stimme.
Ich sehe ihn nicht. Da ich hinter dem Sessel auf dem Fußboden liege, sehe ich nur Lew Ignatjewitschs Beine. Er steht immer noch in der Tür. »Ich erschieße Sie jetzt, verehrter Vitali Semjonowitsch«, sagt er. »Sie haben nicht auf meinen guten Rat gehört. Sie sind ein zu gefährlicher Mensch.«
»Kommen Sie zur Besinnung, Lew Ignatjewitsch«, entgegne ich. »Wissen Sie, was Ihnen dann blüht?«
»Das weiß ich. Ich weiß alles. Ich kenne mich in der Ökonomik aus, in der Politik und sogar in der Sphäre der Dienstleistungen. Und ich erweise der Menschheit einen Dienst, indem ich Sie jetzt ins Jenseits befördere. Kommen Sie heraus!« befiehlt er. »Seien Sie endlich ein Mann.«
»Haben Sie sich nicht überlegt, daß ich auch schießen kann?« frage ich hinter dem Sessel. »Und sogar besser als Sie.«
»Das schaffen Sie nicht. Ich komme jetzt zu Ihnen.«
»Machen Sie keine Dummheiten, Lew Ignatjewitsch!« rufe ich.
Am Arm habe ich ständig die Pistolentasche unter der Jacke gespürt, jetzt ziehe ich die Pistole heraus, ohne Lew Ignatjewitschs Beine aus den Augen zu lassen, auf die ich notfalls schießen werde. Was ist, wenn. Kaum merklich bewege ich den Sessel. Ja, er hat kleine Rollen und läßt sich auf dem gebohnerten Fußboden leicht schieben. Ich habe einen Plan.
»Lew Ignatjewitsch, zählen Sie bis fünf, ich muß mich vorbereiten«, sage ich. »Aber achten Sie auf den Schurken Kuprejtschik. Sehen Sie ihn? Er führt etwas im Schilde.«
»Ich erschieße ihn wie einen Hund, zusammen mit Ihnen«, blafft Lew Ignatjewitsch. »Feigling, Verräter.«
Inzwischen schiebe ich mich vorsichtig vorwärts. Noch vier Schritt trennen mich von Lew Ignatjewitsch. Ich lehne mich mit dem Rücken an ein Sofabein und stoße den Sessel mit aller Kraft. Polternd saust er gegen Lew Ignatjewitsch und wirft ihn um. Im selben Augenblick schwinge ich mich über den umgekippten Sessel und lasse mich mit meinem ganzen Gewicht auf den Gegner fallen. Mit einem gezielten Hieb schlage ich ihm die Pistole aus der Hand.
Alles Weitere ist Technik. Lew Ignatjewitschs verzweifelte Gegenwehr ist zwecklos. Wenig später liegt er mit gefesselten Armen und Beinen auf dem Sofa. Ich sitze bei ihm und rufe unsere Abteilung an. Das Telefon hat mir Kuprejtschik gebracht, der vor Angst halbtot ist.
Solange das Auto noch nicht da ist, nutze ich seinen Zustand für ein seelenrettendes Gespräch mit ihm. Das hat zur Folge, daß ich noch einmal telefoniere, mit Edik Albanjan jetzt. Ich teile ihm mit, daß ich den Bürger Kuprejtschik bringe, der ein freiwilliges Geständnis ablegen möchte. Albanjan stößt einen begeisterten Pfiff aus und verspricht auf uns zu warten.
Indessen klingelt es im Korridor. Kuprejtschik, dem ich den Schlüssel gegeben habe, läuft öffnen. Und dann tritt der überaus besorgte Petja Schuchmin ins Zimmer.
Es dauert nicht lange, und wir sind in unserer Abteilung. Obwohl es schon ziemlich spät ist, äußert Lew Ignatjewitsch Barsikow - eben hat er uns seinen Nachnamen genannt - den Wunsch, unverzüglich mit mir zu sprechen. Man erklärt ihm, daß es nicht statthaft ist, zu so später Stunde Vernehmungen durchzuführen. Doch Barsikow läßt unsere Einwände nicht gelten. Wir können seine Forderung nicht mißachten. Heute sagt Barsikow vielleicht mehr aus als morgen, jetzt ist er aufgeregt, wütend sogar, morgen ist er möglicherweise ruhig, berechnend und verschlossen.
Leider kann Albanjan an dem Gespräch nicht teilnehmen, bei ihm hockt der von Panik befallene Kuprejtschik. Wie sehr hat sich dieser Mann in kurzer Zeit verändert! Selbstsicher, ironisch-herablassend und spöttisch ist er eben noch aufgetreten, ekelhaft jämmerlich benimmt er sich nun.
Ganz anders dagegen Barsikow, das muß ich anerkennen. Obwohl er erst vor einer Stunde auf mich geschossen hat. Bei aller Gewissenlosigkeit und Frechheit zeigt er doch Haltung.
Er sitzt ungezwungen vor mir, hat ein Bein übers andere geschlagen und sich zurückgelehnt. Allerdings sieht er ziemlich mitgenommen aus: Am Hemdkragen fehlt der Knopf, der Schlips ist verrutscht, an der zerknitterten Jacke sind sogar zwei Knöpfe ab, einer ist mit dem Stoff herausgerissen. Unter einem Auge prangt ein gelb-violetter Fleck, die Lippen sind geschwollen. Dennoch sitzt er lässig da und raucht genießerisch. Er versucht sogar, wie es seine Gewohnheit ist, das Streichholz über meinem Aschenbecher bis zum Ende abbrennen zu lassen, aber seine Finger zittern, und diese Vorstellung mißlingt. Gereizt läßt er das vorzeitig erloschene Streichholz fallen. »Wenn man kein Glück hat, hat man es auf der ganzen Linie nicht. An diesem Streichholz wollte ich meine Zukunft ablesen. Das ist«, er winkt geringschätzig ab, »so ein psychologischer Atavismus, ein von der Zivilisation nicht abgeschaffter Aberglaube. Ich hoffe, Sie werden mir das nicht auch noch zur Last legen?« Es soll ironisch klingen.