»Nein, ich weiß auch so genug, womit ich Sie belasten kann.«
»Nun, und womit wollen Sie mich belasten, wenn's kein Geheimnis ist?« fragt Barsikow hintergründig.
»Ich habe keine Geheimnisse mehr vor Ihnen«, erwidere ich lächelnd. »Sie können uns nicht mehr stören. Und was Ihre Frage betrifft, so versichere ich Ihnen, daß jeder Staatsanwalt jetzt den Haftbefehl für Sie unterschreibt.«
»Und was berichten Sie dem Staatsanwalt?«
»Ich berichte ihm, daß Sie eine Schußwaffe besessen und versucht haben, einen Mitarbeiter der Miliz zu töten. Ist das wenig?«
»Das ist wenig«, erklärt Barsikow entschieden und streicht sich durchs zerzauste graue Haar. »Alles Kleinigkeiten. Lange nicht die Hauptsache.«
»Nette Kleinigkeiten«, sage ich. »Und wenn Sie mich getroffen hätten?«
»Ach, spielen Sie doch nicht den Feigling!« entgegnet er ärgerlich.
»Was ist denn dann die Hauptsache, Ihrer Meinung nach?«
»Die Hauptsache besteht darin, daß ich eins der Geheimnisse unserer Ökonomik enträtselt und mir zunutze gemacht habe. Eine Art Entdeckung, wissen Sie.« Er grinst sarkastisch und verhält sich so, als säßen wir beide wieder im Cafe. Barsikow benimmt sich erstaunlich unverschämt. Diese Arroganz!
»Sie halten mich sicherlich für einen Einfaltspinsel, dem man, weil er alles glaubt, jede Lüge auftischen kann«, sage ich. »Außerdem habe ich nicht gedacht, daß Sie so ein Aufschneider sind. Also lassen Sie mal hören, was für ein Geheimnis unserer Ökonomik Sie entdeckt haben.«
»Sie freuen sich umsonst, junger Freund«, Barsikow droht mir unangebracht schelmisch mit dem Finger. »Und Sie sind keineswegs dumm. Sie sind klug, aber Idealist. Und weil Sie klug sind, sind Sie gefährlich. Deshalb habe ich auf Sie geschossen.«
»Na, na, nun machen Sie aus diesem Schuß auch noch eine Philosophie, eine prinzipielle sogar«, sage ich spöttisch. »Angst hatten Sie, Angst um Ihre Haut. Das war alles.«
»Nein«, Barsikow schüttelt den Kopf. »Warum sollte ich Angst haben. Familie habe ich nicht. Diese Bürde wollte ich mir nicht aufladen. Und ich habe ein Leben geführt, wie Sie es sich nicht vorstellen können. Alles hatte ich. Geld spielt auch bei uns noch eine gewisse Rolle.«
»Meiner Ansicht nach ist Ihr Leben vor allem Angst gewesen und - Verlassensein. Sie sind doch immer in ein leeres Haus zurückgekommen«, sage ich und füge hinzu: »Aber schweifen Sie nicht ab. Sie wollten mir ein Geheimnis mitteilen.«
»Das Geheimnis besteht in einer gewissen Untugend der Ökonomik, die ich entdeckt habe«, sagt Barsikow.
»Schprinz hat recht - Sie sind nicht nur bereit, dem Nächsten die Gurgel durchzuschneiden, Sie lieben auch das Philosophieren!«
»Schprinz ist eine Null«, schnarrt Barsikow wutentbrannt. »Dem soll man nicht die Gurgel durchschneiden, den muß man zerquetschen wie eine Wanze.« Er beruhigt sich wieder und fährt gelassener fort: »Also zu der Untugend in der Ökonomik. Sie besteht in dem Versuch der allgemeinen, ich würde sagen, totalen Planung und gleichzeitigen Drohung mit dem Strafgesetzbuch. Das steht auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber gibt es alle Möglichkeiten für... wie soll ich das nennen... für außergesetzliche Tätigkeit. Und die erst ist gewinnbringend und interessant.«
Ich schüttle den Kopf. »Sie irren sich. Die außergesetzliche Tätigkeit ist, wie die Erfahrung zeigt, eine unsichere, gefährliche und völlig hoffnungslose Sache. Nur ein Beispieclass="underline" Wie lange haben Sie die letzte Sache durchhalten können? Seien Sie ehrlich.«
»Was heißt >durchhalten<?«
»Wie lange ist es her, daß Sie sich einig geworden sind mit. Geli Stanislawowitsch?«
»Mit was für einem Geli Stanislawowitsch?« fragt Barsikow argwöhnisch.
»Warum tun Sie so, als kennten Sie ihn nicht?« entgegne ich lächelnd. »Sie sind ein kluger Mann. Den Namen habe ich nicht aus der Luft gegriffen. Geben Sie's zu!«
»In der Tat! Es ist dumm, etwas verschleiern zu wollen, wenn Viktor, dieser Feigling, jetzt irgendwo sitzt und alles ausplaudert. Was wollen Sie wissen?«
Ich wiederhole die Frage.
»Wir arbeiten seit zwei oder drei Jahren zusammen«, antwortet Barsikow.
»Na bitte. Lohnt es sich denn, wegen zwei, drei Jahren ein solch nervenaufreibendes, wenn auch materiell gesichertes Leben zu führen und dafür viel mehr Jahre zu riskieren, die Sie hinter Gittern verbringen werden?«
»Zufall«, schnarrt Barsikow. »Nur Zufall, unter Garantie!«
»Ist das Ihre erste Strafe?«
»Die dritte.«
»Na, sehen Sie. Und diesmal ist es keine Kleinigkeit, Lew Ignatjewitsch. Wir verfolgen die Kette bis zum Ende, das versichere ich Ihnen. Und zu Geli Stanislawowitsch mit seinem blauen Wolga kommen wir auch.«
»Elender Lackaffe«, stößt Barsikow ärgerlich hervor. »Übrigens ist das nicht das Ende der Kette.«
»Möglich. Ich bin da nicht Spezialist. Mit denen treffen Sie sich noch. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Lohnt es denn, so viele Jahre seines Lebens wegen zwei, drei >reicher< zu opfern? Diese Psychologie begreife ich nicht.«
Barsikow winkt ab. »Das werden Sie nie begreifen«, sagt er. »Ich kann nicht ruhig zusehen, wie ringsum alle geschäftlichen Möglichkeiten zum Teufel gehen. Schon gar nicht, wenn andere sie sich zunutze machen. Die Lücken der allgemeinen Planung müssen ausgefüllt werden, merken Sie sich das. Und solche Lücken entdecke ich immer oder ein anderer unternehmungslustiger Mensch. So eine freie Stelle, die die staatliche Produktion nicht wahrnehmen will oder kann, fordert uns einfach heraus. Und ich werde buchstäblich krank, wenn ich so etwas verpasse. Aber das passiert mir selten.« Barsikow lächelt selbstzufrieden. »Ich kann sogar ein Beispiel anführen. Da war dieses großartige Garn, von dem gerade der flennende Kuprejtschik erzählt, dieser Blödian und Feigling. Dieses Garn lag bei ihm im Lager, und niemand verlangte es zurück. In den Plänen war es jedenfalls nicht mehr vorhanden.«
»Aber er hat es doch offiziell zum Verkauf an das Geschäft von Schprinz geschickt«, entgegne ich. »Auf Anweisung der Leitung.«
»Richtig!« greift Barsikow meinen Gedanken auf, und seine Augen glänzen schlau. »Aber das alles, stellen Sie sich vor, habe ich gedeichselt. Das Garn fand seine Verwendung, während ich selbst, das verhehle ich nicht, ganz schön dabei verdiente. Und deshalb beiße ich jedem die Gurgel durch, der mich aus dem Geschäft drängen will. Darum mußte Semanski aus dem Weg geräumt werden«, schloß Barsikow unvermittelt. »Was soll man machen?«
»Der Organisator des Mordes sind also Sie?«
»Ja. Aber Sie werden keine Beweise finden.«
»Die finden wir. Also haben Sie den Konkurrenten beseitigt?«
»Das habe ich. Krieg ist eben Krieg.«
»Und hat Ihnen Geli Stanislawowitsch die beiden geschickt?«
»Sie wollen sehr schnell ans Ziel!« Barsikow zündet sich eine neue Zigarette an. Wieder versucht er, das Streichholz bis zum Ende abbrennen zu lassen, diesmal gelingt ihm der Trick, und er ist sichtlich zufrieden.