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Er stellte sich ihr ganz offiziell vor, und dann fragte er übertrieben streng: »Wie gefällt Ihnen die Arbeit hier?«

Das Mädchen lächelte kaum merklich. Dieses Lächeln stand ihr. Valja runzelte die Stirn, senkte den Blick und tat, als sehe er seine Notizen durch.

»Die Arbeit gefällt mir gut«, antwortete Nina sanft, als wolle sie ihn beschwichtigen. »Ich kann mich nicht beklagen.«

»Mich interessieren nicht nur die Klagen. Arbeiten Sie schon lange hier?«

»Zwei Jahre.«

»Haben Sie etwas zu kritisieren? Haben Sie Wünsche? Vielleicht sollte etwas verändert werden im Buchhaltungssystem, in der Rechnungsführung?«

»Oh, wo denken Sie hin?« Nina zuckte lächelnd die Schultern. »Ich habe keinerlei Wünsche. Dazu arbeite ich noch nicht lange genug. Ich bin ja sozusagen direkt von der Schulbank hergekommen. Mein Chef könnte Ihnen besser Auskunft geben.« Sie sah sich im Zimmer um. »Leider ist er krank, Grippe. Wieviel Kranke wir haben, wenn Sie wüßten...«

»Eine Epidemie«, sagte Valja seufzend. »Sogar in den Zeitungen wird darüber geschrieben. Und Sie hat es nicht erwischt?«

»Nein, aber mein Vater ist krank«, sagte Nina bekümmert. »Und auch eine Freundin. Sogar schwer. Die >Schnelle Medizinische Hilfe< mußte geholt werden.«

»Arbeitet Ihre Freundin hier?«

»Nein, wir haben zusammen studiert.«

»Bestimmt haben Sie auch hier viele Freundinnen. Mir scheint, Sie haben nette Kolleginnen.«

»Nicht nur nette. Aber natürlich habe ich hier auch Freundinnen.«

»Und wer sind Ihre Freundinnen?« fragte er.

»Wer? Nun, zwei, drei Mädchen.« Nina lächelte und fragte ein wenig verwundert: »Warum wollen Sie das wissen?«

»Weil der Mensch den am besten kennt, mit dem er befreundet ist. Eine Kellnerin hier hat mir manches von Ihnen erzählt. Nur Gutes. Und von Ihren Freundinnen ebenfalls.«

»Welche hat sie genannt?«

Valja zögerte. »Wie heißt sie doch. Musja, Mura. Jedenfalls so ähnlich.«

»Sicherlich Musa, nicht wahr?« sagte Nina lebhaft. »Sie ist tatsächlich meine Freundin. Nicht die beste, nicht die vertrauteste, aber doch eine gute Freundin. Leider hat sie eine Menge Verehrer. Das stört unsere Beziehung etwas.«

»Haben Sie weniger Verehrer?«

»Na hören Sie! Erstens ist Musa sehr hübsch. Und zweitens ist sie sehr fröhlich und gesellig. Sie muß immer Leute um sich haben.«

»Sie sind doch auch hübsch.«

»Mir fehlt Musas Charakter«, sagte Nina lachend. »Und das ist für Verehrer sehr wichtig. Was meinen Sie?«

»Ein geselliger Charakter bringt nicht immer nur Freude«, antwortete Valja belehrend. »So was artet manchmal in Anspruchslosigkeit aus. Da kann alles mögliche passieren.«

»Bei Musa ist das nicht so. Obwohl ich manchmal ziemlich perplex war, wenn ich ihre Verehrer sah.«

»Macht sie Sie mit allen bekannt?«

»Stellen Sie sich das vor.«

»Wissen Sie«, Valja senkte verschwörerhaft die Stimme, »ich möchte Ihnen etwas im Vertrauen sagen. Doch sollte ich mich geirrt haben, dürfen Sie das um so weniger ausplaudern. Versprechen Sie mir das? Sonst hat das recht unangenehme Folgen.«

Nina nickte. »Selbstverständlich.«

»Folgendes: Mir scheint, Ihr Direktor hat selbst versucht, Musa den Hof zu machen. Stimmt's?«

»Ja.« Nina lachte leise und senkte den Blick. »Es ist nur nichts daraus geworden. Sergej Iossifowitsch, unser Direktor, ist nicht mehr der Jüngste mit seinen sechsundfünfzig Jahren.«

»Und wie alt ist Musas Verehrer?«

»Fünfundzwanzig, schätze ich.«

»Schätzen Sie?« rief Valja unwillkürlich.

»Gewiß.« Nina lächelte. »Ich konnte ihn doch nicht fragen.«

»Wo haben Sie ihn gesehen?« fragte Valja so gleichgültig wie möglich, als sei ihm einerlei, was er frage, wenn er sich nur weiter so vertraulich mit Nina unterhalten könne.

»Bei Musa«, antwortete sie ruhig. »Er ist dienstlich hier, nicht für lange.«

»Also ist er kein Moskauer?«

»Nein, ich glaube, er ist aus Charkow.«

»Und wie hat er Ihnen gefallen, dieser Dienstreisende?« fragte Valja und ließ durchblicken, daß ihn nicht Musas Verehrer interessierte, sondern Ninas Ansicht über einen Menschen.

»Nicht besonders«, antwortete Nina zögernd. »Ich weiß selbst nicht, warum. Er ist höflich, sanft, irgendwie benebelnd. Aber Musa hat ihn sehr gern. Und er hat eine sportliche Figur.«

Valja stutzte. Der von Nina beschriebene Mann hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Ljocha. Zugleich sagte ihm der Instinkt des Fahnders, daß man diesen neuen Mann nicht außer acht lassen durfte, daß er nicht nur mit Musa, sondern möglicherweise auch mit Ljocha in Verbindung stand. Weshalb sonst hätte Musa so leicht eingewilligt, sich mit Ljocha zu treffen? Eine parallele Romanze? Ausgeschlossen. Wer war also Musas Verehrer?

»Sicherlich heiraten sie bald?« fragte Valja.

»Oh, das ist eine lange Geschichte.« Nina winkte ab. »Nikolai... Er heißt Nikolai. Zuerst muß er sich scheiden lassen. Aber seine Frau willigt nicht ein. Allerdings glaube ich das nicht so recht. Ich glaube ihm überhaupt nicht. Doch Musa tut es. Mit ihm ist sie lustig, bei mir weint sie sich aus.«

»Kennen sie sich schon lange?«

»Fast ein Jahr. In der Zeit ist er viermal hier gewesen.«

»Und hat bei Musa gewohnt?«

»Ich glaube, ja.« Nina wurde leicht verlegen.

»Ja, sie kann einem leid tun.« Valja seufzte. »Na, sollen sie sich selbst darüber klarwerden. Und wenn ich nun noch einmal mit Ihnen sprechen muß, sind Sie mir dann böse?«

Nina lächelte. »Sicherlich nicht.«

»Und. darf ich Sie anrufen?«

»Bitte.« Sie blickte Valja ernst und forschend an.

Sie verabschiedeten sich.

Auf dem Weg zu seiner Dienststelle dachte Valja über die wichtigen Angaben nach, die er erhalten hatte. Er kam zu dem Schluß, daß Ljocha und dieser verdächtige Dienstreisende, jeder auf seine Weise, dem leichtsinnigen Dummchen Musa blauen Dunst vormachten, und außerdem ließ sich der Dienstreisende Nikolai jedesmal, wenn er nach Moskau kam, häuslich bei ihr nieder. Als Valja schließlich in seinem Arbeitszimmer war, rief er zunächst Ilja Sacharowitsch an. Und der holte mich aus dem Vorraum zurück, wo Ljocha und ich uns anzogen, um zu dem Treffen mit Musa zu fahren.

So erhielt ich im letzten Augenblick wichtige Mitteilungen über Pest-Nikolai und seine Valjas Meinung nach leichtsinnige, vertrauensselige, aber durchaus ehrliche kleine Freundin.

Auf der Straße beschließt Ljocha ein Taxi zu nehmen. Wo mag er das viele Geld herhaben?

Wir steigen in den nach Benzin riechenden betagten Wagen und fahren eine Weile schweigend.

Mir scheint, Musa und Ljocha kennen sich nicht. Das stimmt völlig mit dem überein, was Valja mir in aller Eile am Telefon gesagt hat. Nikolai hat sich offenbar gescheut, das Mädchen mit so einer Banditenvisage bekannt zu machen. Und er selbst. Wie hat sich Valja ausgedrückt. Benebelnd. Ein vielsagendes Wort. Aber wenn Ljocha Musa nicht kennt, wie soll dann das Treffen vor sich gehen? Danach frage ich Ljocha leise, damit der Fahrer nichts hört.

Ljocha grinst. »Sie kennt mich nicht, aber ich kenne sie. Klar?«