»Das hat mir Barsikow schon in der ersten Sitzung mitgeteilt.«
»Jetzt muß festgestellt werden«, fährt Edik fort, »wo diese Ware hergestellt und abgesetzt wird.«
»Das kann nur an Ort und Stelle erkundet werden«, bemerkt Uglow. »Wir müssen nach Jushnomorsk.«
»Ja, wir müssen dorthin«, bestätigt Edik.
»Und welche Beziehung kann der Direktor des Konfektionsgeschäfts zu diesen Leuten haben?« fragt Petja.
»Ja, bisher ist uns seine Rolle noch nicht bekannt«, hakt Viktor Anatoljewitsch ein. »Und wenn wir sie kennen, so heißt das nicht, daß wir ihn überführt haben. Die Rolle Dmitri Jermakows, des stellvertretenden Leiters, ist uns klar. Aber es wird nicht einfach sein, ihn zu überführen. Äußerlich ist jede seiner Handlungen völlig rechtmäßig. Er hat einen offiziellen Bericht über das Vorhandensein von Garn bekommen, das keine Verwendung findet, und völlig korrekt Anweisung gegeben, dieses Garn zwecks Weiterverarbeitung in sein Handelsnetz zu schicken, zudem im bargeldlosen Zahlungsverkehr.«
»Er ist bestochen worden«, sage ich. »Weshalb sonst sollte er das Garn aus drei Betrieben, wie wir bis jetzt wissen, ausgerechnet an Schprinz schicken? Und dann noch ans Ende der Welt, nach Jushnomorsk?«
»Er wird Ihnen einen herzzerreißenden Brief von Schprinz vorlegen, daß das Geschäft den Umsatzplan nicht erfüllen könne. Und dann steht es ihm, dem stellvertretenden Leiter, frei, dieses Garn Schprinz zu schicken oder auch nicht. Diese Entscheidung kann richtig oder falsch sein, ein Verbrechen liegt in keinem Fall vor. Er hat das Garn ja nicht in die eigene Tasche gewirtschaftet. Und es dürfte nicht einfach sein, nachzuweisen, daß er bestochen worden ist.«
»In diesem verteufelten Fall ist bisher gar nichts einfach«, sagt Uglow ärgerlich. »Weil wir erst eingeschaltet wurden, als die Kriminalmiliz bereits das Wasser trübe gemacht und die gesamte Bande in Unruhe versetzt hatte. Ich verstehe«, er wendet sich an Kusmitsch, »Sie hatten eine völlig andere Aufgabe. Bei Ihnen war der Mord mit dem Wohnungsdiebstahl zusammengefallen und ein schöner Wirrwarr entstanden. Aber wir haben's auch nicht leichter.«
»Bei einer schweren Arbeit hat es niemand leicht«, sagt Kusmitsch schmunzelnd. »Natürlich haben wir euch keine einfache Arbeit zugeschoben. Aber bedenke, wären wir nicht gewesen, wer weiß, wann ihr überhaupt auf diese Banditen aufmerksam geworden wärt.«
»Ich sage ja gar nichts.« Uglow breitet die Arme aus. »Für euren Hinweis sind wir euch zu Dank verpflichtet. Ich beklage mich ja nur über das Schicksal, daß wir uns nicht mehr unauffällig an die Burschen heranpirschen können.«
»Und berücksichtige noch eins«, fährt Kusmitsch fort. »Bisher ist keineswegs die ganze Kette aufgestört, sondern nur die Moskauer Gruppe, und dies ausschließlich in Verbindung mit dem Mord an Semanski.«
»Aber euer Lossew ist doch schon in Jushnomorsk gewesen. Er hat mit Schprinz gesprochen. Sogar bei Geli Jermakow hat er sich blicken lassen und ihn in Unruhe versetzt«, entgegnet Uglow. »Das sind, entschuldigen Sie, keine Moskauer.«
»Ich bin ausschließlich in der Mordsache Semanski dort gewesen«, schalte ich mich ein. »Nur so hat es Schprinz weitergemeldet, da bin ich sicher. So hat er...«
Und da erinnere ich mich an alles. Natürlich!
Schprinz hat mich beschrieben, und als ich bei Geli Jermakow im Geschäft auftauchte, erkannte der mich sofort. Und natürlich war er auf der Hut. Doch dann hielt er mich für einen Idioten. Außerdem hat er keine Angst vor der Kriminalmiliz. Mit Mord hat er nichts zu tun, dafür hat er gesorgt. All dies berichte ich jetzt.
Edik, mein treuer Freund, ergänzt autoritär; »Lossew hat noch nie eine Sache vermasselt.«
»Hat man solche Freunde schon gesehen?« sagt Uglow lachend. »Wenn was ist, muß man sie zusammenarbeiten lassen.«
Unsere Sitzung ist zu Ende. Es wurde beschlossen, Albanjan unverzüglich nach Jushnomorsk zu schicken. Inzwischen werden wir die Untersuchung des Mordes an Semanski abschließen. Erneut werden wir uns deshalb mit Pest-Kolja und Barsikow befassen. Sollten wir neue Angaben in bezug auf Jushnomorsk erhalten, werden wir sie sofort Edik übermitteln. Ebenso wird Edik verfahren, falls er etwas für uns herausfindet.
»Besprecht noch einmal die Einzelheiten«, sagt Kusmitsch zum Schluß, wobei er mich und Edik ansieht.
Diese Besprechung dauert den ganzen Nachmittag. Nach dem Essen schließen wir uns in meinem Zimmer ein, nehmen die Unterlagen vor und rufen uns ausführlich, Schritt für Schritt, ins Gedächtnis zurück, wie diese verworrene Sache begann und sich entwickelte. Gewissenhaft schildere ich meine Dienstreise nach Jushnomorsk, beschreibe jeden Menschen, den ich dort getroffen habe, erwähne sogar die Verkäuferin in Geli Jermakows Geschäft, seinen dicken grauhaarigen Stellvertreter sowie auch die traurige Verkäuferin in Schprinzens Geschäft, ganz zu schweigen von den Leuten, die ich gründlicher kennenlernen konnte. Ich charakterisiere jeden, beschreibe sein Äußeres, seine Manieren, seine Kleidung. Edik hört aufmerksam zu, notiert sich manches, fragt, manchmal streiten wir, manchmal überlegen wir und stellen Mutmaßungen an. Wir verstehen uns schon bei Andeutungen. Ich arbeite gut mit ihm zusammen. Er ist ein fröhlicher und kluger Mensch, erfahren und tapfer. Es ist nicht nur angenehm, sondern auch nützlich für mich.
Kurz gesagt, wir besprechen alles, was besprochen werden muß. Wir entwerfen sogar einen Plan seines Vorgehens in Jushnomorsk, genauer: für den Beginn seines Vorgehens, denn wie sich die Ereignisse entwickeln werden, kann man nicht voraussehen. Ich teile ihm auch meinen schlechten Eindruck mit, den ich von Okajomow habe. Doch Edik ist mit mir nicht einverstanden, er hält Okajomow für einen tüchtigen Mitarbeiter. Nun, er weiß es möglicherweise besser. Dafür empfehle ich ihm wärmstens Dawud, und hier streitet Edik nicht, sondern zeigt sich dankbar.
Was den Plan betrifft, so sind wir uns einig, daß Edik bei Schprinz beginnen muß, dies ist der erste reale und klar sichtbare Anknüpfungspunkt in Jushnomorsk. Was Geli Jermakows Rolle betrifft und die seines Vetters aus der Marktfiliale, so ist bisher alles verschwommen und unklar. Doch Schprinz hat Verbindungen, er kennt den weiteren Weg des Garns; wohin, zu wem? Das wird leicht festzustellen sein, denn Schprinz hat Unterlagen, die entweder irgendwohin führen oder jemanden entlarven.
»Nun, und wir helfen dir hier«, sage ich.
Edik wird morgen früh fliegen, vor dem Dienstgebäude umarmen wir uns noch einmal, dann trennen wir uns. Hoffentlich geht bei Edik alles in Ordnung.
Bei mir steht morgen eine neue Vernehmung Sowkos auf dem Plan. Viktor Anatoljewitsch hat mir den Auftrag erteilt.
Unsere Begegnung am nächsten Tag beginnt nicht sehr ermutigend. Seitdem ich Sowko das letzte Mal gesehen habe, ist er merklich abgemagert, blaß geworden, die blonde Haarmähne wirkt dunkel, verfilzt, die hellen, leeren Augen blicken schwermütig. Offenbar plagen ihn trübe Gedanken. Immerhin hat er sich für einen Mord sowie einen Mordversuch an einem Mitarbeiter der Miliz zu verantworten. Natürlich weiß er, was ihm dafür »blüht«. Und sicherlich hat er auch Sehnsucht nach seinem Schokoladchen. Macht nichts, Schurke, quäl dich ruhig. Andere haben sich deinetwegen mehr gequält.
»Guten Tag, Nikolai«, sage ich, und es fällt mir schwer, ruhig zu bleiben. »Ich habe dir etwas zu erzählen. Und hast du dir überlegt, was du mir erzählen kannst?«
»Dir erzähl ich gar nichts, merk dir das«, braust Sowko auf. »Mit dir wünsche ich nicht zu sprechen.«
Offenbar hat er Kusmitsch erwartet.