»Dein Untersuchungsführer hat mich beauftragt, dich zu vernehmen«, sage ich versöhnlich. »Ist dir nicht egal, wer das tut? Ich bin da sogar besser dran, wenn du es wissen willst. Ich kenne deinen Fall in- und auswendig.« Und ohne ihm Zeit zu einer Antwort zu lassen, füge ich nach einem Seufzer hinzu: »Also erstens: Ljocha ist tot.«
»Du lügst!« Sowko hebt ruckartig den Kopf.
»Ich lüge nicht. Leider ist es so.«
»Du und dein Mitleid!« Sowko verzieht die vollen Lippen. »Wenn's nach dir ginge, würden wir alle verrecken.«
»Nein«, sage ich, »Ljocha tut mir wirklich leid. Ich habe ihm damals auch leid getan. Er hätte mich töten können, aber er hat mich nicht getötet. Die Hand hat ihm gezittert.«
»Er war ein Trottel.«
»Über Tote nichts Schlechtes, Nikolai. Außerdem ist er wohl dein Freund gewesen.«
»Wie ist er denn ums Leben gekommen?« fragt Sowko finster und wendet den Blick ab.
Ich erzähle ihm, wie Ljocha gestorben ist.
Sowko hört schweigend zu. Ljochas Tod wirkt offensichtlich niederschmetternd auf ihn.
»Nun weiter«, sage ich. »Den Diebstahl haben wir aufgedeckt. Du hast damit nichts zu tun. Obwohl wir einen eindeutigen Beweis gegen dich hatten.«
»Was für einen Beweis?« fragt Sowko gespannt.
»Erinnerst du dich, daß du einen Handschuh verloren hast?«
»Hmhm.«
»Den haben wir in der Wohnung gefunden. Nach dem Diebstahl. Stell dir das vor.«
»Na und? Es geschehen eben noch Wunder!«
»Alle Wunder werden von Menschen gemacht. So war es auch in diesem Fall. Einer der Kerle, die den Diebstahl verübten, hat deinen Handschuh gefunden und ihn absichtlich in der Wohnung zurückgelassen. Um uns von der Spur abzubringen. Jetzt hat er es gestanden. Und weißt du, wo er ihn aufgehoben hat?
Im Hof. Du hast ihn fallen gelassen, als du mit Ljocha Semanski getötet hast. Dieser Kerl hat alles beobachtet. Mit eigenen Augen. Und er kann dich gleich identifizieren.«
Sowko schweigt. Er widerspricht mir nicht. Die Nachricht von Ljochas Tod scheint ihm mächtig an die Nieren gegangen zu sein. Das hätte ich nicht erwartet. Sollte sich doch noch etwas Menschliches in ihm regen? Sekundenlang empfinde ich sogar ein gewisses Mitgefühl für ihn.
»Und außerdem hat euch an jenem Abend eine Frau im Hof gesehen. Sie trug einen roten Mantel. Hast du sie nicht bemerkt?«
»In einem roten Mantel?« wiederholt Sowko mechanisch.
»Ja. Auch sie kann dich identifizieren.«
Sowko schweigt wieder, den Blick gesenkt.
»Und dann haben wir noch Lew Ignatjewitsch Barsikow verhaftet«, fahre ich fort. »Ich hoffe, den hast du nicht vergessen?«
»Den und vergessen!« antwortet Sowko dumpf.
»Er hat dich auch nicht vergessen. Und stell dir vor, er hat sogar gestanden. >Ja, den Mord an Semanski habe ich organisiert, ich habe es befohlene, hat er gesagt. >Die beiden waren nur die Vollstreckern Damit meint er dich und Ljocha. >Und warum gaben Sie den Befehl?< habe ich gefragt. >Um einen Konkurrenten zu beseitigen^ hat er geantwortet. >Krieg ist eben Krieg. Nur werden Sie mir meine Schuld nie beweisen.< Verstehst du, worauf er zielt?«
»Klar. Ich bin ja nicht von gestern«, brummt Sowko. »Aber das wird ihm kaum gelingen.«
»Da mußt du aufpassen. Aber das ist noch nicht alles«, fahre ich fort. »Es gibt noch einen Mann, der möglicherweise für diesen Mord verantwortlich ist. Dadurch vermindert sich deine Schuld noch etwas. Dieser Mann heißt Geli Stanislawowitsch Jermakow. Du kennst ihn.«
Sowko blickt jäh auf und starrt mir in die Augen, als wolle er prüfen, ob er sich nicht verhört habe. »Habt ihr ihn erwischt?« fragt er heiser.
»Er ist noch auf freiem Fuß«, antworte ich. »Aber wir haben ihn so gut wie sicher. Vorläufig fährt er noch in seinem blauen Wolga spazieren.«
»Der entwischt euch.« Sowko lächelt schief. »Der entwischt euch bestimmt mit seinem Wolga.«
»Mit so einem Prachtstück kommt man nicht weit«, entgegne ich.
»Er braucht ja gar nicht weit zu fahren«, sagt Sowko. »Nur bis zum Gussinoje-See. Und dann -gehabt euch wohl!«
»Hat er dort einen geheimen Flugplatz?«
»Er hat dort Onkel Ossip. Der ist besser als jeder Flugplatz. Der läßt ihn so verschwinden, daß man ihn nie wieder findet. Das steht fest.«
Ich wiege den Kopf. »Geli Jermakow ist nicht der Mann, der sich für ewig versteckt. Wieso soll er sich auch verstecken? Rings um ihn ist alles ruhig. Von dem Mord weiß er natürlich. Aber was kümmert's ihn? Selbst du ahnst ja nicht mal, daß er an der Sache beteiligt war.«
»Was heißt hier ahnen?« fragt Sowko schroff. »Ich weiß es genau. Er hat es mir selbst gesagt.«
»Als er euch nach Moskau schickte?«
»Ja.«
»Wie hat er es euch gesagt?«
»Er hat es mir gesagt. Ljocha wußte nichts.«
»Also wie hat er es dir gesagt?« wiederhole ich meine Frage.
»Einfach so. Da muß einer umgelegt werden, sagte er. Lew zeigt ihn euch. Wenn du das machst, wirst du in Geld schwimmen.«
Sowko hat sich verplappert, er gibt den Mord an Semanski zu. Folglich habe ich die Vernehmung richtig aufgebaut. Ich habe ihn erschüttert, seine Gedanken abgelenkt, und zwar in die für mich erforderliche Richtung. Jetzt muß ich ihn weiterführen, er darf nicht zur Besinnung kommen. Tempo und Spannung - das ist jetzt das wichtigste. Irgendeinen Gussinoje-See hat er genannt, einen Onkel Ossip...
»Wieso hat er euch geschickt?« frage ich. »Er brauchte euch doch dort!«
»Ein Mann ist bei ihm geblieben«, sagt Sowko schroff und wendet den Blick wieder ab. »Da brauchst du keine Angst zu haben.«
»Slawka?«
»Nein.«
»Käfer, Fuchs?«
»Woher kennst du die?«
»Wir haben uns kennengelernt.«
»Habt ihr die auch eingelocht? Das ist ein Spaß!«
»Wieso sollten wir die einlochen? Die laufen frei herum. Also wer ist bei Geli geblieben? Käfer, Fuchs?«
»Das sind kleine Fische.«
»Wer dann?«
»Wen du nicht kennst, den kenne ich auch nicht, klar?« Spöttisch sieht er mich an.
Natürlich gibt er nur das zu, was für ihn vorteilhaft ist oder was er nicht mehr abstreiten kann. Zum Beispiel ist es für ihn vorteilhaft, seinen ehemaligen Chef zu verraten.
»Und du fürchtest dich nicht, das alles Geli ins Gesicht zu sagen?«
»Wieso sollte ich mich jetzt vor dem fürchten?« Sowko lächelt spöttisch, und unter der vollen Oberlippe werden kleine dreieckige Wolfszähne sichtbar. »Wenn Sie den richtig packen, rasselt der so rein, daß ich ihm bis zu meiner Rente nicht mehr begegne.«
»Schön. Dann nehme ich zu Protokoll, was du über deinen Auftrag in Moskau gesagt hast. Unterschreibst du das?«
»Klarer Fall.«.
»Ich fürchte bloß, Barsikow unterschreibt nicht«, sage ich seufzend, gleichsam aus Mitgefühl für Sowko.
»Der unterschreibt!« sagt er drohend und wird wieder wütend. »Der unterschreibt, der Hund! Sonst. Denkt der, ich nehme den Mord allein auf meine Kappe? Nein, daraus wird nichts. Ich ziehe alle mit rein!«
Da klingelt das Haustelefon auf meinem Tisch. Ich nehme den Hörer ab. Kusmitsch meldet sich.
»Beende die Vernehmung und komm zu mir!« befiehlt er und legt den Hörer auf.
»Also, Nikolai«, sage ich. »Das wär's einstweilen. Du hast recht. Jeder soll nur für sich die Verantwortung tragen.« Und ich wiederhole: »Das wär's einstweilen.«
Sowko wird abgeführt, und ich laufe zu Kusmitsch. Bei ihm treffe ich Uglow. Beide blicken ernst und beunruhigt.
»Schlechte Nachrichten«, sagt Kusmitsch zu mir. »Eben hat Albanjan angerufen. Schprinz ist verschwunden.«
»Mit allen Geschäftsunterlagen über das Garn«, fügt Uglow hinzu.