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»Verschwunden?« frage ich erstaunt. Kusmitsch nickt. »Die Kette ist zerrissen. Die Enden hängen im Wasser.«

»Was nun?«

»Du fliegst unverzüglich hin«, sagt Kusmitsch. »Du leitest die Suche. Das Flugzeug startet in zwei Stunden, siebzehn Minuten. Das schaffst du.«

Es ist erst eine Woche her, seit ich aus Jushnomorsk zurück bin. Nun fliege ich wieder hin. Ich habe die Aufgabe, den verschwundenen Georgi Iwanowitsch Schprinz zu finden. Während des Flugs sehe ich Schprinz ständig vor mir: klein, schmächtig, zappelig, mit großer glänzender Glatze, schlauem Fuchsgesicht, spitzer Nase, unter der ein rotblondes Schnurrbärtchen prangt. Wohin mag dieser arme Teufel verschwunden sein? Vielleicht ist er sogar gezwungen worden. Und nun. Offenbar haben sie Wind bekommen. Wurde aus Moskau Alarm gegeben? Aber worüber? Über den Mord an Semanski? Geli Jermakow wußte das doch längst und zog Schprinz nicht aus dem Verkehr. Die Verhaftung von Sowko und Ljocha? Sie wissen ja nicht, daß Ljocha tot ist. Von wem konnte dieses Signal kommen? Nehmen wir an, von Barsikow. Doch nein, er wartete ja auf einen Anruf von Sowko. Dessen Verhaftung war ihm unbekannt. Über Ljocha wußte er auch nichts. Von Schprinz? Ja, Schprinz kann das Signal gegeben haben. Schprinz gegenüber habe ich Ljocha und Sowko erwähnt. Ich habe sie erwähnt, nicht aber gesagt, daß Sowko verhaftet und Ljocha tot ist. Und das hat, wie mir scheint, Geli Jermakow kein bißchen erschreckt. Ebensowenig wie ihn meine Anwesenheit erschreckte, die ihm Schprinz zweifellos gemeldet hatte. Und den Grund meines Besuchs in Jushnomorsk hatte er ebenfalls gemeldet. Na und? Das hat sie überhaupt nicht beunruhigt. Geli Jermakow ist davon überzeugt, daß sich von dem Mord an Semanski kein einziger Faden zu ihm hinzieht. Und da verschwindet Schprinz plötzlich!

Was ist nach meiner Abreise aus Jushnomorsk geschehen? Barsikow wurde verhaftet. Vor zwei Tagen. Folglich blieb ihnen nur ein Tag, der gestrige, um im Zusammenhang mit dieser Verhaftung eine Entscheidung zu treffen. Weil ich Barsikow am Mittwochabend festgenommen habe. In Jushnomorsk konnte man nur davon erfahren, wenn Barsikow sich zum Beispiel noch am selben Abend mit jemandem treffen wollte, aber nicht kam. Doch wenn er ausblieb, so bedeutete das ja nicht gleich, daß er verhaftet worden war. Um von seiner Festnahme zu erfahren, mußte jemand in Kuprejtschiks Haus gewesen sein. Dort hätte einer der Mieter von dem Schuß erzählen können, den man sicherlich in allen Etagen gehört hatte. Es hätte aber auch jemand beobachten können, wie Kuprejtschik und mit ihm noch ein Mann in Handschellen abgeführt wurden, ein mittelgroßer, korpulenter, älterer Mann. An der Beschreibung wäre leicht zu erraten gewesen, daß es sich bei dem Verhafteten um Barsikow handelte. Ja, leider konnten viele dies beobachten. Leider? Wie man's nimmt. Denn wenn wir jetzt in dem Haus nachforschen, dann erfahren wir vielleicht von denselben Mietern, wer sich bei ihnen nach diesem Vorfall erkundigt hat, wie dieser Mensch aussah, und wir vergleichen die Angaben mit... Ja, mit wem? Da heißt es natürlich überlegen, nachprüfen, kombinieren. Mit alldem mögen sie sich in Moskau befassen, ich muß darüber mit Kusmitsch telefonieren.

Also hat jemand Barsikows Verhaftung signalisiert. Das war schon gefährlich. Obendrein war auch Kuprejtschik festgenommen worden. Aber was sollte Edik mit ihm machen, nachdem der alles gestanden hatte? Nach Hause gehen lassen? Ein Geständnis bedeutet nicht Erlaß der Schuld. Und vor allem, Kuprejtschik hätte, nachdem er heimgekehrt war, auch selbst Alarm schlagen können. Oder jemand hätte sich mit ihm getroffen und alles von ihm erfahren. Vielleicht wäre Kuprejtschik auch gezwungen worden, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen, um die Spuren zu verwischen. Oder er hätte versuchen können, sich aus dem Staube zu machen.

Kurzum, Kuprejtschiks und Barsikows Verhaftung ist nach Jushnomorsk signalisiert worden, davon bin ich überzeugt. Geschehen war das entweder am späten Mittwochabend oder am Donnerstagmorgen, das heißt gestern. Und dieses Signal hatte jemanden, wahrscheinlich Geli Jermakow, veranlaßt, schnell etwas zu unternehmen. Und das Wichtigste war, Schprinz mit allen Geschäftsunterlagen verschwinden zu lassen. Dabei sind tatsächlich alle Enden unserer Kette ins Wasser gefallen, und wir haben nichts mehr in der Hand. Es dürfte interessant sein, die Einzelheiten dieses Verschwindens zu erfahren.

Ich bin tief in Gedanken versunken, das dramatische Geschehen und die Kompliziertheit der bevorstehenden Ermittlung nehmen mich so gefangen, daß ich nicht bemerke, wie die zwei Flugstunden vergehen, und ich komme erst zu mir, als die Stewardeß die bevorstehende Landung ankündigt und mitteilt, wie das Wetter in Jushnomorsk ist.

Und wieder werde ich von Dawud umarmt. Mit ihm ist Edik auf den Flugplatz gekommen. Auch wir umarmen uns, obwohl wir uns erst gestern abend verabschiedet haben.

Während der Fahrt in die Stadt erzählen sie mir, einander unterbrechend, alles, was hier passiert ist. Erstens: Schprinz ist verschwunden. Das weiß ich schon. Aber außer ihm ist von den mir bekannten Personen nicht etwa Geli Stanislawowitsch Jermakow untergetaucht, sondern sein Vetter Wassili Prokofjewitsch, der in der Filiale auf dem Markt arbeitete.

»In der Filiale heißt es, er wäre krank, doch zu Hause sagen sie, er wäre zu seinem Vetter nach Moskau gefahren«, berichtet Edik.

»Na so was!« Scherzhaft wiege ich den Kopf. »Wie könnten wir uns verfehlen?«

»Ihr habt euch nicht verfehlt«, sagt Edik und blinzelt, schlau. »Wir haben Angaben, daß er nicht nach Moskau gefahren ist.«

»Wohin dann?«

»Jemand ist heute bei ihm in der Wohnung gewesen«, teilt Dawud mit. »Ein Nachbar. Ein ehrlicher Mensch. Er hat gesehen, daß der neue Koffer, ohne den Wassili Prokofjewitsch niemals nach Moskau gefahren wäre, an seinem Platz steht. Auch der gute Anzug ist da. Aber die Jagdstiefel fehlen.«

»Einen sehr aufmerksamen Nachbarn habt ihr da«, sage ich lachend, dann füge ich nachdenklich hinzu: »Interessant. Weshalb mußte er überhaupt verschwinden? Was hat er mit dieser Sache zu tun? Was meinst du?« frage ich Edik.

»Ich meine, er setzt die illegal produzierten Erzeugnisse ab«, antwortet er. »Die aus diesem Garn. Sehr bequem. Auf dem Markt. Die meisten Käufer sind Fremde. Er bekommt Bargeld...«

Dann setzen wir unser Gespräch in Dawuds Zimmer fort. Mit Behagen trinke ich aromatischen Tee.

»Und wie ist Schprinz verschwunden?« frage ich.

»Gestern morgen ist er wie immer ins Geschäft gekommen«, teilt Edik mit. »Jemand rief ihn an. Er lief sofort in die Buchhaltung. Sagte zu Lidia: >Geben Sie mir mal alle Unterlagen über das Garn.< Lidia gab sie ihm natürlich.«

»Verließ er das Geschäft?«

»Nein, Lidia sagt, er ging erst noch in sein Zimmer und telefonierte.«

»Wie war seine Stimmung?«

»Normal. Keinerlei Erschrecken, keine Panik«, antwortet Edik. »Er machte sogar Witze, sagt Lidia. Komisch. Ein ängstlicher Mensch. Beabsichtigt zu fliehen. Sich zu verstecken. Und macht Witze.«

»Demnach hatte er nicht die Absicht zu fliehen«, sage ich. »Möglicherweise wollte man ihn nicht erschrecken, damit niemand Verdacht schöpfen konnte. Also er ging in sein Zimmer, rief irgendwen an. Und weiter?«

»Er zog sich den Mantel an und ging.«

»Ging er zu Fuß oder fuhr er? Hat die Verkäuferin das nicht bemerkt?«

»Sie sagt, auf der Straße wartete ein Auto auf ihn. Aber sie hat nicht darauf geachtet, was für ein Wagen das war.«

»Gleich neben dem Geschäft ist eine Werkstatt«, sage ich. »Bist du mal reingegangen? Vielleicht haben sie das Auto gesehen?«

»Da bin ich nicht gewesen«, sagt Edik. »Ich war da«, teilt Dawud mit. »Ein Taxi war es. Die Nummer hat sich natürlich keiner gemerkt. Aber es fiel auf, daß schon ein Fahrgast in dem Auto saß. Schprinz wurde offenbar erwartet. Ein sehr großer Mann mit Schirmmütze. Möglicherweise dieser Jermakow, der vom Markt.«