»Nicht unbedingt.«, sage ich nachdenklich. »Also das war gestern. Um welche Zeit?«
»Ungefähr um elf Uhr.«
»Klar. Also morgen fährst du in aller Frühe zum Taxistand«, sage ich zu Dawud. »Ihr habt doch hoffentlich nur einen?«
»Wieso einen? Drei!«
»Dann bildest du drei Gruppen. Und morgen früh -hin zu allen dreien. Da wird wieder die gestrige Schicht arbeiten. Jeder Fahrer wird befragt, wir müssen den finden, der gestern Schprinz gefahren hat. Abgemacht?«
»Klar.« Dawud blickt auf die Uhr und steht auf. »Die Genossen sind noch alle hier. Also drei Gruppen. Gegen sechs müssen sie bei den Taxis sein. Richtig? Ich bin gleich wieder da.«
Dawud geht hinaus, und Edik und ich beraten weiter.
»Ist Geli Jermakow heute in seinem Laden?« frage ich.
»Den ganzen Tag. Der Wolga steht im Hof.«
»Hast du diesen Geli mal gesehen?«
»Ja.«
»Wen hast du noch gesehen?«
»Ich habe mich mit Lidia unterhalten.«
»Mit ihren Gedanken ist sie wohl ständig im Krankenhaus. Wie geht es Slawka?«
»Noch nicht besser. Trotzdem hat Lidia mir einiges mitgeteilt.«
»Interessantes?«
»Sie hat sich erinnert, wohin das Garn unter Umgehung ihres Geschäfts gegangen ist. Da ist eine Tuchfabrik. Aber synthetisches Garn braucht die überhaupt nicht. So daß, wenn Lidia sich nicht irrt, irgendeine Manipulation durchgeführt wird. Morgen früh fahre ich in die Fabrik, während Okajomow sich in die Bank begibt. Wir führen die Überprüfung von zwei Seiten durch. Wenn das Geschäft das Garn offiziell an diese Fabrik verkauft hat, wird ihr durch die Bank eine Zahlungsforderung zugestellt. Und die Fabrik muß über die Bank die Rechnung begleichen.«
»Und wenn sie das Garn bezahlt hat, hat sie es dann auch bekommen?«
»Sie kann mit diesem Garn nichts anfangen. Ich habe mich schon danach erkundigt. Das Garn ist weitergegangen.«
»Aber die Fabrik hat es doch bezahlt«, sage ich zweifelnd. »Wie ist es dann mit dem Geld?«
»Wenn die Fabrik mit drinsteckt, dann handelt es sich um irgendeinen Strohmann. Wir müssen nur enträtseln, um was für einen. Deshalb brauchen wir äußerst dringend die Unterlagen aus Schprinzens Geschäft. Dann decken wir den Schwindel nicht nur auf, sondern beweisen ihn auch.«
»Tja«, ich wiege den Kopf, »keine einfache Aufgabe.«
»Wir essen unser Brot nicht umsonst.« Edik lächelt herablassend. »Hilf mir nur, die Unterlagen zu finden. Da muß es eine Vollmacht der Fabrik oder einer Organisation zum Empfang des Garns geben. Und auf der Vollmacht steht ein Name. Und dieser Mann hat dann die Frachtscheine unterschrieben, als er dieses Garn erhielt. Diese Frachtscheine müssen ebenfalls in der Buchhaltung des Geschäfts sein. Man braucht sie zur Rechnungsführung.«
»Und die Fabrik hat kein Exemplar der Frachtscheine?«
»Da ist kein Garn, also auch keine Frachtscheine!«
»Aber wie haben sie in der Fabrik das Geld verbucht, mit dem das Garn bezahlt wurde?«
»Wenn ich das wüßte!« Edik verzieht gequält das Gesicht. »Finde mir diese Unterlagen, mein Lieber. Finde Schprinz. Ein halbes Königreich für Schprinz!«
Dawud kommt zurück, und wir gehen zu ihm nach Hause, um dort Abendbrot zu essen.
Vorher frage ich Dawud noch: »Überwacht ihr Schprinzens Wohnung?«
»Selbstverständlich.«
»Wer wohnt da alles?«
»Die Frau, die Tochter und das Enkelkind. Einen Mann hat die Tochter nicht. Eine Tragödie!«
»Und auf Jermakows Haus gebt ihr auch acht? Ich meine den Markt-Jermakow«, frage ich.
»Und ob. Wie denn sonst? Na, gehen wir. Mutter wartet.«
»Gehen wir, gehen wir. Und auf Geli paßt ihr auch auf?«
»Wie die Schießhunde!« Dawud lacht. »Der ist sehr schnell mit seinem Wolga.«
Auch unterwegs setze ich Dawud mit Fragen zu. »Habt ihr die Stadtausgänge kontrolliert?«
»Natürlich.« Er nickt. »Anderthalb Stunden nach Schprinzens Verschwinden aus dem Geschäft haben wir für ihn den Flugplatz und den Bahnhof gesperrt.«
»Aber nach anderthalb Stunden...«
»Wir haben alle Züge kontrolliert, die in dieser Zeit. Gott sei Dank ist kein Flugzeug gestartet. Das Wetter, verstehst du.«
Wir gehen dunkle, leere Straßen entlang, die vom Zentrum wegführen. Niemand stört unsere Unterhaltung.
»Und du meinst, er ist noch hier?« frage ich.
»Das meine ich.«
»Wie verhalten sich seine Frau und seine Tochter?«
»Ruhig, ganz ruhig.«
»Und was sagen sie, wo er ist?«
»Ich habe sie heute gefragt. Sie wissen es nicht. Es ist möglich, sagen sie, daß er bei einem seiner Freunde übernachtet hat. Er spielt Karten.«
»Er ist doch heute nicht zur Arbeit gekommen?«
»Sie regen sich trotzdem nicht auf. Das kommt vor, sagen sie.«
»Haben sie die Freunde genannt, wo er spielt?«
»Ja. Zwei. Wir haben sie überprüft. Bei ihnen ist er nicht. Es ist klar, daß ihn jemand versteckt hat. Mitsamt seiner Buchhaltung.«
»Aber wo?« murmle ich nachdenklich. »Wo?«
»Da mußt du Geli fragen«, sagt Dawud lachend. »Du kennst ihn ja.«
»Nein«, sage ich, »ich werde wohl einen anderen fragen.«
Schließlich erreichen wir das Haus, in dem Dawud wohnt.
Mein Gott, welch ein Essen erwartet uns! Ich bin außerstande, es zu beschreiben. Ganz zu schweigen davon, daß wir einen wunderbaren hausgemachten Wein trinken.
Am nächsten Morgen begibt sich Edik vor Tau und Tag in seine Tuchfabrik, genauer, in ihre Buchhaltung, während spezielle Gruppen zu den Taxiständen fahren. Dawud bleibt in seinem Arbeitszimmer. Bei ihm werden die Meldungen von allen Gruppen einlaufen, die mit Beobachtung und Suche beschäftigt sind. Jeden Augenblick kann ja ein Alarmsignal eintreffen, und Dawud muß die erforderlichen Maßnahmen ergreifen.
Ich selbst gehe in die Stadt. Ich will den Lahmen aufsuchen und mich mit ihm beraten. Er ist nicht nur ein kluger und aufmerksamer Bursche, er verfügt auch über zahlreiche verschiedenartige, sogar überraschende Beziehungen.
Ich gehe und erkenne die mir bereits bekannten Straßen, Plätze und Grünanlagen wieder, sogar einzelne Häuser und Aushängeschilder. Schließlich bin ich auf der Uferstraße.
Das Meer ist so wie vor einer Woche - geräuschvoll, zottig, bleifarben unter dem niedrigen grauen Himmel. Die Wolken ballen sich, kriechen aufeinander, schwer wie Berge, und es kommt mir vor, als würden sie jeden Moment ins Meer stürzen. Ich trete an die Brüstung und biete mein Gesicht genußvoll den salzigen Spritzern dar, die von unten herauffliegen. Eine Weile schaue ich auf die tosenden Wellen, dann gehe ich auf der Uferstraße weiter. Ich erreiche die Werkstatt des Lahmen und öffne die Tür.
Serjosha sitzt, wie immer, hinter der Barriere auf seinem niedrigen Schemel, das steife Bein unnatürlich ausgestreckt, unter der tief hängenden Lampe mit dem Blechschirm, beklopft mit dem Hammer die Sohle eines Stiefels. Und neben ihm, auf einem normalen Stuhl, sitzt und raucht... Käfer-Wolodja.
Als ich eintrete, blicken sie beide gleichzeitig auf, und Käfer ruft erstaunt: »Vitali?! Wo kommst du her?« Er springt auf mich zu.
Serjosha bleibt sitzen und lächelt schweigend vor sich hin.
Ich gehe hinter die Barriere, drücke beiden die Hände, ziehe mir einen Stuhl heran und zünde mir ebenfalls eine Zigarette ah. Ich fühle mich so wohl bei ihnen, als wären wir schon lange Freunde.
»Willkommen«, sagt Serjosha. »Welcher Wind weht dich hierher?«
»Ach!« Ich winke ärgerlich ab. »Später. Aber wie geht's euch, was macht Slawka?«
Eine Weile unterhalten wir uns über alles mögliche, dann frage ich plötzlich: »Jungs, wo ist der Gussinoje-See, wißt ihr das?«