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»Dreißig Kilometer von der Stadt entfernt, in den Bergen«, antwortet Käfer.

»Bist du schon mal dort gewesen?«

»Ich fahre immer Getränke hin. Wir haben da unseren Stützpunkt.« Wolodja ist Lastwagenfahrer und arbeitet im Kombinat für Kantinen und Restaurants.

»Was ist da noch, außer deinem Stützpunkt?«

»Der See«, sagt Käfer lächelnd. »Ein schöner See. Und außerdem    alle möglichen Sanatorien, Erholungsheime,    Touristenherbergen, Jagdwirtschaften. Warst du schon dort?« fragt er Serjosha.

Der nickt. Zwischen den Lippen hält er Nägel. Energisch pocht er mit dem Hammer.

»Sind dort auch Datschen?« frage ich.

»Nein«, antwortet Käfer. »Höchstens ein paar besondere. Für die Obrigkeit. Wieso?«

»Gibt's da einen Onkel Ossip? Hast du schon von dem gehört?«

»Nein.« Käfer schüttelt den Kopf. »Kenne ich nicht. Du vielleicht?« Er wendet sich wieder an Serjosha.

Der nickt, dann nimmt er die Nägel aus dem Mund und sagt: »Ein Jäger. Ein Lump.«

»Warum ein Lump?« fragt Käfer sofort.

»Für viel Zaster erlaubt er dir zu schießen, was du willst, ohne jede Lizenz. Da ist ihm nichts zu schade.«

»Und wenn du keinen Zaster hast?« fragt Käfer lächelnd.

»Da kann er dich selbst erschießen. Ich sage dir, keiner und nichts tut ihm leid. Und später erklärt er: >Ein Wilderer, er hat auf mich geschossen.< So was gab's schon. Ein andermal brachte ihm ein Bursche aus der Stadt seine letzten Groschen, um sich loszukaufen. Er hatte ein falsches Protokoll über ihn aufgesetzt.«

»Hast recht, ein Lump«, sagt Käfer.

»Wohnt er dort auch, am See?« frage ich.

»Hmhm.« Serjosha nickt. »Heute ist er in die Stadt gekommen.«

»Weshalb?«

»Um einzukaufen. Sicherlich Lebensmittel. Die Stiefel da hat er hiergelassen. Er wird bald kommen, um sie abzuholen.«

»Wann kommt er?«

Serjosha schaut auf die Uhr. »Er müßte gleich hier sein.«

»Und dann fährt er nach Hause?«

»Ja.«

»Wie denn?«

»Na, wie sich's grade ergibt. Vielleicht mit dem Bus. Bloß muß er dann noch vier Kilometer laufen. Meist fährt er per Anhalter. Heute muß er schnell zurück. Angeblich hat er Gäste.«

Ich überlege, ziehe an der Zigarette, dann frage ich Käfer: »Wolodja, wo ist dein Wagen?«

»Im Betrieb«, antwortet er. »Wieso?«

»Hol ihn und sag diesem Halunken, daß du ihn bis zum See fährst. Du mußt sowieso hin, um Leergut zu holen, erklärst du ihm. Wir beide. Du bist der Fahrer, und ich bin der Beifahrer. In Ordnung?«

»Na hör mal!« ruft Käfer verwundert aus. »Und wer gibt mir den Wagen, denkst du auch daran?«

»Den kriegst du. Laß mich nur machen«, antworte ich. »Sobald du mit ihm einig bist, holst du den Wagen. Ich warte im Betrieb. Klar?«

»Immer mutig voran«, sagt Serjosha. »Was sein muß, muß sein.«

Käfer kratzt sich den Hinterkopf. »Das kommt ein bißchen überraschend. Aber wieso soll ich nicht fahren? Geh, laß dir den Wagen geben.«

»Und mit wem muß ich sprechen?«

Käfer diktiert mir die Anschrift seines Betriebes, die Telefonnummer des Dispatchers und die Namen der Vorgesetzten.

Serjosha sagt ernst zu mir: »Sieh dich vor bei diesem Halunken. Weißt du, wie der schießt? Den kannst du auf den Kopf stellen, er trifft trotzdem eine Fliege.«

»Schön«, antworte ich. »Hoffentlich kommt er.«

»Der kommt«, versichert Serjosha.

»Was willst du von ihm?« fragt Käfer neugierig.

»Ich will mir mal unauffällig ansehen, wo er wohnt und mit wem. Verstehst du?«

»Er wohnt allein«, bemerkt Serjosha. Er legt den Hammer beiseite und beginnt die Sohle mit Schusterzwirn zu nähen, wobei er zunächst mit der Ahle kleine Löcher sticht.

»Also abgemacht, Wolodja«, sage ich und stehe auf. »Ich regele alles bei dir im Betrieb. Und wenn er kommt, machst du ihm den Vorschlag. Serjosha wird dich unterstützen. Informiere ihn aber der Ordnung halber, daß ein Beifahrer mitkommt. Und der ist okay, sagst du. Ja?«

»Geh schon, geh!« Serjosha nickt mir zu. »Wird schon klappen. Mich mag er. Hält mich quasi für seinen besten Freund.«

»Und warum ist das so?« frage ich interessiert.

»Er hat meine Biographie erfahren. Und wittert eine verwandte Seele«, sagt Serjosha grimmig.

»Na schön«, erwidere ich lächelnd. »Bis dann.«

Ich gehe die Uferstraße entlang und halte nach einer Telefonzelle Ausschau, doch dann beschließe ich, in eine andere Straße abzubiegen, um nicht zufällig diesem Onkel unter die Augen zu kommen. Ich gelange in eine mir unbekannte Straße. Doch eine Telefonzelle ist nirgends zu sehen. Da gehe ich in das erstbeste Geschäft, sehe mir aufmerksam die Käufer an, die sich vor dem Ladentisch drängen, und da ich nichts Verdächtiges bemerke, begebe ich mich in das Zimmer des Direktors. Er wirft einen Blick auf meinen Ausweis, schiebt mir sofort das Telefon zu und verläßt taktvoll den Raum.

Dawud versteht mich auf Anhieb, und das, was ich ihm in dem zwar leeren, aber dennoch fremden Arbeitszimmer nicht sagen kann, sagt er selbst, als lese er meine Gedanken. In wenigen Minuten haben wir den Aktionsplan fertig, und nachdem ich Dawud die Namen und Telefonnummern diktiert habe, lege ich beruhigt den Hörer auf. Beruhigt verlasse ich auch das Geschäft. Kann man in solch einem Moment alle Überraschungen voraussehen, die auf einen warten?

Ich muß den Plan ändern. Wolodjas Betrieb ist weit von hier entfernt, wie sich herausstellt, und ich habe keine Zeit, ihn zu suchen. Seit ich Serjoshas Werkstatt verlassen habe, sind zwanzig Minuten vergangen, und Käfer ist sicherlich noch dort. Ich werde warten, bis er herauskommt, und dann werden wir gemeinsam das Auto holen. Ich schaue auf die Uhr. Es ist halb eins, ich habe beinahe noch den ganzen Tag vor mir.

Ich schwenke in die Uferstraße ein und... erstarre vor Überraschung. Vor Serjoshas Werkstatt steht der blaue Wolga. Wie kann sich Geli Jermakow solch eine Dummheit erlauben, Onkel Ossip in seinem Wolga zu fahren? Das hätte ich nicht geglaubt. In die Werkstatt darf ich jetzt nicht gehen. Hol's der Teufel, fährt Jermakow Onkel Ossip etwa selbst zum See? Das fehlte gerade noch. Übrigens hat Jermakows Erscheinen einiges zu bedeuten. Ich darf hier nicht gesehen werden, muß dabei aber die Werkstatt im Auge behalten. Ich schaue mich um. In der Nähe, dicht am Gehsteig, steht ein ramponierter Kiosk, hier wird im Sommer wahrscheinlich Eis oder Obst verkauft. Ich gehe um ihn herum, entdecke eine Brettertür. Sie ist nicht verschlossen. Ich trete ein und stelle mich an das kleine Seitenfenster. Der Eingang zur Werkstatt ist von hier aus gut zu beobachten. Doch mich quält der Gedanke, daß ich Käfer vielleicht verpaßt haben könnte und er schon in seinen Betrieb gegangen ist.

Nach wenigen Minuten gespannten Wartens sehe ich, wie Käfer die Werkstatt verläßt. Er blickt sich um und kommt zum Glück in meine Richtung.

Als er am Kiosk ist, rufe ich ihn halblaut. Er zuckt zusammen, bleibt stehen und mustert den Kiosk. Da bemerkt er mich.

»Geh um die Ecke«, sage ich. »Ich komme gleich nach.«

»Vielleicht lädst du mich erst mal zu einem Eis ein?« provoziert er mich fröhlich.

Wenig später gehen wir gemeinsam die Straße entlang, und Käfer berichtet: »Also zuerst erschien dieser Onkel Ossip. Du warst gerade weg. Ein häßlicher Kerl, die Visage ganz und gar behaart, bloß die riesige Nase ragt hervor. Ein richtiger Rauschebart. Tückische Augen. Einen Rucksack hat er bei sich, mindestens drei Pud schwer. Er ist fast darunter verschwunden. Nun, ein Wort gab das andere, und ich bot ihm an, ihn zu fahren. Da fragt er den Lahmen: >Ist er aus unserer Branche? Kann man ihm trauen?< Der Lahme sagte: >Mehr als dir.< Zum Lachen. Kurz und gut, wir einigten uns auf einen Zehner. In dem Moment kam dieser Lackaffe mit seinem Wolga. Soweit ich verstanden habe, wollten sie sich beim Lahmen treffen. Er gab diesem Onkel Ossip ein kleines Päckchen, was gerade in die Jackentasche paßte.« Mit den Händen zeigt Käfer das Format. »Onkel Ossip erzählt ihm von mir. Der Lackaffe begafft mich, fragt mich aus, wer ich bin, woher ich komme, und warum ich zum See fahre. Dann sagt er: >Also gut, hol deinen Wagen. Kriegst von mir noch einen Zehner, wenn du meinen Freund gut hinbringst.< Dann bin ich losgesockt. Nicht jeden Tag fallen zwei Zehner vom Himmel.« Käfer zwinkert mir zu und fragt: »Muß ich mit dir teilen oder nicht?«