»Mal sehen«, antworte ich, »wie du dich benimmst. Möglicherweise, nehme ich dir alles weg. Nun, und der mit dem Wolga, will er auch auf dich warten?«
»Ich weiß nicht, er hat nichts gesagt.«
»Hm... Ich werde mich besser nicht dort blicken lassen. Ich werde im Betrieb auf dich warten. Lad diesen Onkel ein und hol mich dann ab. Vielleicht hängt sich dieser Typ in seinem Wolga an dich. Und noch eins. Nimm Onkel Ossip unbedingt zu dir ins Fahrerhaus. Seinen Rucksack kriegt er ja da nicht rein. Also wirf ihn auf die Ladefläche. Klar?«
Wir nähern uns Wolodjas Betrieb. Das große Eisentor ist spaltbreit geöffnet, dahinter befindet sich ein großer schmutziger Hof, ein langes niedriges Garagengebäude, alle Türen stehen offen. Neben der Garage parken drei alte Autobusse und irgendwelche Autos. Ich bemerke auch unseren Milizwolga. Er steht abseits, am Zaun. In ihm sitzen Leute, wer, kann ich nicht erkennen.
»Nimm deinen Wagen und fahr los«, sage ich zu Käfer. »Wir haben ja alles besprochen.«
Er läuft zur Garage. Ich gehe zum Wolga. Schon wird die hintere Tür für mich geöffnet. Im Auto sitzen Dawud, noch ein Mitarbeiter und Edik.
»Wieso fährst du mit?« frage ich ihn. »Es ist doch nicht deine Aufgabe, Banditen zu schnappen.«
»Wen willst du denn schnappen?«
»Keine Ahnung. Ich lasse mich von meiner Nase leiten.«
»Und ich mich von meiner.«
Indessen fährt brummend ein LKW aus der Garage, überquert den Hof und verschwindet hinter dem Tor. Das war Käfer.
»Merk dir den Laster«, sage ich zu Dawud. »Du folgst ihm.« Und an Edik gewandt: »Na, warst du in der Fabrik?«
»Ja«, antwortet er. »Aber noch wichtiger ist, daß Okajomow in der Bank war. Wir haben unsere Ermittlungen verglichen. Demnach löst sich das Garn auf dem Weg zur Fabrik auf, verschwindet. Um dieselbe Summe erhöhen sich auf anderen Frachtscheinen die Preise für Farbstoffe und Zwirne. Und offenbar steigt ihr Verbrauch in der Produktion ebenfalls. Auf den Frachtscheinen, wo die erhöhten Preise aufgeführt sind, steht der Name ihres Empfängers. Auf diese Weise taucht ein neuer Name in dem Fall auf, verstehst du? Ein gewisser Prochladny.«
»Aha. Und wo bleibt das Garn?«
»Das Garn schwimmt vorbei. In irgendeinen illegalen Betrieb«, antwortet Edik.
»Schwarzmarktproduktion. Dieser Betrieb muß noch gesucht werden.«
»Notfalls sagt es uns Schprinz«, witzle ich.
»Unsere Jungs haben den Taxifahrer gefunden«, mischt sich Dawud ins Gespräch. »Selbstverständlich erinnert er sich an die Fahrt. Schprinz fuhr direkt auf den Hof des Konfektionsgeschäfts. Dort stand der blaue Wolga.«
»Na bitte«, sage ich. »Ihr seht selbst, alles endet bei unserem verehrten Geli Jermakow. Und jetzt begleitet er Onkel Ossip. Er hat ihm ein Päckchen ausgehändigt. Onkel Ossip hat Gäste zu Hause...« Hastig erzähle ich, was ich in der Werkstatt des Lahmen gehört habe, und zum Schluß sage ich: »Ich muß aussteigen. Käfer wird gleich kommen.« Ich wende mich an Dawud: »Also alles, wie besprochen, ja?«
»Wie besprochen, mein Lieber«, antwortet er.
»Vergiß nicht, dort kann auch der zweite Jermakow sein«, warne ich. »Dieser Büffel kann ein Haus umschmeißen!«
»Den kenne ich besser als du«, sagt Dawud lachend. »Wessen Nachbar ist er, deiner oder meiner?«
Ich steige aus und schlendere zum Dispatcherhäuschen neben dem Tor.
In diesem Augenblick wird auf der Straße ungeduldig gehupt. Wahrscheinlich Käfer. Ich winke meinen Leuten zu und laufe vors Tor. Da steht Wolodjas Auto.
Ich trete ans Fahrerhaus, werfe dem neben ihm sitzenden bärtigen Mann mit den bösen Augen einen vernichtenden Blick zu und sage gereizt zu Käfer: »Du verdienst dir was nebenbei, und ich kann warten, was?«
»Na ja, der Mann hat mich gebeten«, stammelt Käfer verwirrt, und zwinkernd fügt er hinzu: »Für dich 'n Zehner, für mich 'n Zehner. Ist das schlecht?«
»Na gut, fahren wir«, entgegne ich versöhnlich. Ich will auf die Ladefläche klettern.
»Nein, nein, ich gehe nach hinten«, ruft der Bärtige unruhig.
»Bleib sitzen«, befiehlt Käfer. »Wir achten unsere Gäste, klar? Und unserem Beifahrer macht's nichts aus, lang wie er ist.«
Kaum bin ich oben, fährt Käfer los. Er spielt seine Rolle gut. Sicherlich hat er verstanden, warum ich hinten fahren will.
Die Ladefläche ist mit leeren Flaschenkisten vollgestellt. An der Wand des Fahrerhäuschens bemerke ich einen großen abgeschabten Rucksack. Von der Seite pirsche ich mich heran, löse die Schnur und schaue hinein. Oho! Der Sack ist mit Brot, Konserven und irgendwelchen eingepackten Lebensmitteln gefüllt. Es sieht nicht aus, als wäre das nur für einen Menschen gekauft. Und für einen Tag. Nebenbei bemerkt, diese Konserven sind Mangelware und nicht so ohne weiteres zu bekommen. Ich reiße ein Päckchen auf. Na bitte. Die Wurst hat sich dieser Schurke auch irgendwo unter dem Ladentisch besorgt. Für seine Gäste. Ich mustere die Büchsen und Päckchen und entdecke auf einem Päckchen Ziffern, die mit Bleistift gekritzelt sind. Aha, wahrscheinlich der Preis. Ziemlich teuer. Für sich und seine Gäste würde der Alte bestimmt nicht soviel ausgeben.
Höchstwahrscheinlich hat Geli Jermakow alles beschafft. Warum? Weil das seine Leute sind? Weil er sie zu Onkel Ossip geschickt hat? Das kleine Päckchen
ist sicherlich auch für sie bestimmt. Ich mache es mir zwischen den Kisten bequem, wickele mich in den Mantel, ziehe die Mütze bis zu den Ohren herunter und beobachte die Straße, die wir entlangfahren. Niemand folgt uns. In der Stadt hat es keinen Sinn, uns zu beschatten. Es ist ja bekannt, wohin wir fahren. Der LKW rumpelt, die Kisten klappern. Die Fahrbahn ist hier, weit vom Zentrum, nicht besonders gut.
Meine Gedanken kreisen immer um ein und dasselbe. Wenn sich im Haus von Onkel Ossip Schprinz oder Jermakow verbergen oder beide zusammen, was kann das bedeuten? Sie können sich doch nicht zeitlebens dort verstecken? Denn wenn die Untersuchung begonnen hat, wenn man Schprinz auf die Spur gekommen ist, so wird er früher oder später doch verhaftet. Was beabsichtigt Geli Jermakow, wenn er Schprinz bei Onkel Ossip versteckt? Jermakow ist doch kein Dummkopf. Und warum hat er beschlossen, außer Schprinz auch seinen Vetter Wassili untertauchen zu lassen? Mißtraut er ihm? Ist sein Vetter feig, obwohl er so gewalttätig aussieht? Aber vielleicht geht es auch um etwas ganz anderes. Edik sagt, daß Wassili Jermakow für den Absatz sorgt. Also ist er das letzte Glied in der Kette. Und Schprinz das erste, hier, in Jushnomorsk. Man kann nun auch nicht mehr das Ende dieser Kette packen, um die Bande von hinten aufzurollen. Geschickt ausgedacht.
Ach, wenn ich nur wüßte, was in dem Päckchen ist, das Geli Jermakow Onkel Ossip zugesteckt hat. Im Rucksack finde ich dieses Päckchen natürlich nicht. Es ist flach, klein, Ossip konnte es sich in die Tasche stecken. Vielleicht sollte man Ossip gleich nach unserer Ankunft festnehmen? Doch das geht nicht. Er muß uns zu seinem Haus führen. Vielleicht auch nicht. Sein Haus ist dort, wo sich der Hof der Jagdwirtschaft befindet. Man muß am Sanatorium »Bergsonne«, am Kinderheim »Roter Storch« und an der Siedlung Otok vorbeifahren. So hat es Serjosha beschrieben, er ist einmal bei Onkel Ossip zu Besuch gewesen.