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Indessen hat unser Auto die Stadt verlassen und fährt durch ein Tal, die Straße windet sich zwischen dunklen Äckern und Reihen von Weinstöcken. In der Ferne türmen sich bizarre Berge, über ihnen fahlblauer Himmel mit flachen, spärlichen Wölkchen. Durch den Dunst scheint blasse Sonne, sie überflutet das Tal und wärmt schon. Wäre nicht der Wind, so wäre es schon richtig warm. Wir sind eben im Süden.

Es beginnt der Anstieg. Die Berge rücken näher, sie werden düsterer, strenger und kälter. Ich beachte sie kaum, denn ich blicke ins Tal. In der Ferne sind das Meer und die Stadt zu sehen.

Weit hinter uns bemerke ich einen dunklen Wolga. Das sind unsere Leute. Sie beeilen sich nicht, halten Abstand.

Das Auto holpert über Steine. Felswände drängen dicht an die Straße, engen sie ein, versperren den Blick auf die Berge. Immer höher, immer steiler windet sich die Straße empor. In einer Kurve sehe ich unser Tal plötzlich tief unten, Meer und Stadt sind überhaupt nicht mehr zu erkennen.

Die Felsen verschwinden zeitweise, dann schlängelt sich die Straße an bewaldeten steilen Hängen entlang, hier und da führt sie an Abgründen vorbei. An diesen Stellen gähnt auf der einen Seite Leere, und von meinem Platz aus scheint es, als hinge der Wagen mit zwei Rädern in der Luft, während er mit der anderen Seite, wo ich sitze, die Felswand schrammt. Vor jeder Kurve hupt Wolodja gellend. Was geschieht, wenn uns ein Fahrzeug entgegenkommt? Bei diesem Gedanken wird mir unbehaglich. Ringsum sind jetzt Berge, ihre Gipfel sind schneebedeckt. Der Wind wird rauher, kälter.

Hinter einer Kurve weicht die Felswand plötzlich zurück. Ein kleines Gebirgstal tut sich auf. Zu beiden Seiten der Straße ziehen sich niedrige, aus flachen Steinen errichtete Gartenmauern hin. Wenig später fahren wir an einem hölzernen Tor mit dem Schild »Sanatorium Bergsonne« vorbei. Hier ist tatsächlich viel Sonne, und sogar in dieser Höhe brennt sie ganz ordentlich. Unser Auto holpert weiter, an steinernen Einfriedungen und endlosen Gärten vorbei, dann biegt es seitwärts ab, und wieder dringen wir in die Berge ein. Wo ist das Kinderheim? Vorläufig ist es nicht zu sehen, ebensowenig die Siedlung Otok. Ringsum erheben sich wieder nur rötliche Felsen und bewaldete Hänge.

Bald darauf taucht eine Siedlung auf, aber sie heißt anders. Ich kann ihren Namen auf dem Schild nicht so rasch entziffern. Wohin fahren wir? Ist dies eine andere Straße und kommt gleich die Jagdwirtschaft in Sicht? Die Siedlung bleibt hinter uns, und wieder sind wir auf einer serpentinenreichen Gebirgsstraße. Dann erreichen wir eine andere Siedlung. Auf einem kleinen Platz stoppt unser LKW plötzlich.

Die Türen klappen, Käfer steigt aus und ruft fröhlich: »Da wären wir. Nun rück mit den Scheinen raus, Onkel.«

Auch Onkel Ossip steigt aus. Ein muskulöser, elastischer Mann, wenn auch klein von Wuchs. Er hat böse, unstete Augen, die mir irgendwie bekannt vorkommen.

»Wo hast du uns hingelotst, Onkel?« frage ich, während Onkel Ossip ächzend eine zerknitterte Brieftasche aus der Innentasche seiner Jacke zieht.

»Hier ist der See - da drüben, zwei Schritt von hier.« Onkel Ossip weist die Richtung und grient. »Da ist auch euer Restaurant. Wir sind nur ein bißchen anders gefahren.«

»Wohnen Sie hier?« frage ich.

»Nein. Ich will hier nur mit einem Freund die Lebensmittel teilen.«

»Und wo wohnen Sie?«

Ich ziehe das Gespräch absichtlich hin und überlege, wie ich vorgehen soll. Ich kann Ossip gleich festnehmen und ihn zwingen, mich zu dem gesuchten Haus zu bringen. Aber womöglich zeigt er sich halsstarrig und führt mich sonstwohin. Wir können ihn natürlich auch verfolgen, obwohl das gar nicht so einfach ist in der unbekannten Gegend. Ich brauche Dawuds Rat. Folglich muß ich Zeit gewinnen und darf diesen flinken Alten nicht fortlassen. Unauffällig halte ich Umschau.

Hinter einer Steinmauer hervor beobachten uns neugierig schwarzäugige sonnenverbrannte Kinder in bunten Hemden und Pullovern. Langsam wandern zwei Männer in dunklen festen Jacken vorüber.

Onkel Ossip öffnet    bedachtsam    seine    alte Brieftasche, kramt mit finsterer Miene darin herum, nimmt schließlich einen Zehner heraus, faltet ihn behutsam auseinander, glättet ihn, biegt die umgeknickten Ecken gerade. Offensichtlich fällt es ihm schwer, sich von dem Schein zu trennen. Schließlich reicht er ihn Wolodja und holt den zweiten Zehner hervor. Das geschieht noch langsamer.

Plötzlich nähert sich Dawud und geht mit gleichgültiger Miene an uns vorbei. Unsere Blicke treffen sich. Onkel Ossip merkt nichts, sein Geld nimmt ihn voll und ganz in Anspruch. Ich gebe Dawud ein Zeichen, was bedeutet, daß dieser Mann hier nicht aus unserem Gesichtsfeld verschwinden darf. Dawud blinzelt mir kurz zu. Er hat meinen Wink verstanden. Beraten kann ich mich nicht mit ihm, deshalb treffe ich die Entscheidung selbst. Soll Onkel Ossip zunächst in Frieden gehen.

Als Dawud an uns vorbei ist, bleibt er plötzlich stehen und ruft etwas mit kehliger Stimme. Aber niemand beachtet seinen Ruf, weder die Kinder hinter der Mauer noch Onkel Ossip. Doch wenig später kommt Dawuds Mitarbeiter gelaufen, der mit ihm im Auto gefahren ist, er kommt aber aus der entgegengesetzten Richtung. Laut und lebhaft beginnen sie sich in einer mir unbekannten Sprache zu unterhalten.

Endlich ist Onkel Ossip mit der Abrechnung fertig, wirft sich ächzend den Rucksack auf den Rücken und wandert, ohne ein Wort zu verlieren, los. Er ist noch nicht unseren Blicken entschwunden, da folgt ihm Dawuds Mitarbeiter. Dawud, der ebenfalls die Verfolgung aufzunehmen gedenkt, gibt mir ein Zeichen.

Indessen kommt auch Edik, und wir folgen Dawud. Vorher fordere ich Käfer auf, hier zu warten.

Wir gehen hinter Dawud her, bleiben stehen, wenn er stehenbleibt, oder verbergen uns an der endlosen, nach wie vor aus flachen Steinen errichteten Mauer, ohne Dawuds geschmeidige Gestalt aus den Augen zu lassen. Er führt uns immer weiter, immer höher in die Berge. Die Häuschen der Siedlung sind nicht mehr zu sehen, die Mauer wird niedriger, die Steine sind nachlässig übereinandergeschichtet, wir gehen durch Gesträuch und hohes welkes Gras.

Edik geht neben mir, und in seinen Augen sehe ich Erregung und Neugierde. Dawud winkt uns zu und verschwindet. Das bedeutet, er tauscht mit dem Genossen vor ihm die Plätze. Jetzt verfolgt Dawud Onkel Ossip. Sein Mitarbeiter führt uns. Er heißt Achmet, wie Edik mir sagt. Der Weg wird immer schwieriger. Wir biegen seitwärts ab und kraxeln zwischen riesigen Felsbrocken einen grasbewachsenen Hang hinauf. Es scheint, daß wir einen Bogen um die Siedlung schlagen. Sie liegt weit unter uns, eine Ansammlung von grauen Mauern und Häusern. Ich erkenne sogar den kleinen Platz mit unserem LKW. Wir sind schon ziemlich hoch.

Warum mag Onkel Ossip diesen schwierigen Umweg gewählt haben? Hat er Angst? Aber dann hätte er ja nicht in unser Auto zu steigen brauchen. Vielleicht haben sich Dawud oder Achmet irgendwie verraten? Und nun versucht Onkel Ossip sie von seiner Spur abzubringen? Gelänge ihm das, so wäre es sehr ärgerlich.

Da gibt uns Achmet ein Zeichen und verschwindet. Wir warten, an die Steinmauer gelehnt. Dawud erscheint nicht. Wir werden ungeduldig. Edik blickt unruhig um sich, er will Achmet folgen, doch ich halte ihn zurück. Wir sind aufs äußerste gespannt. Ich knöpfe den Mantel auf, fahre mit der Hand unter die Jacke und ertaste die vertraute flache Pistole. Das beruhigt mich etwas.

In diesem Augenblick kracht plötzlich ganz in der Nähe ein Schuß. Das Echo rollt in den Bergen. Nach dem ersten Schuß dröhnt ein zweiter, dritter. Dawud ist immer noch nicht zu sehen, Achmet ebenfalls nicht.