Выбрать главу

Wir laufen in die Richtung, aus der geschossen wurde. Ich ziehe die Pistole und entsichere sie. Edik macht das gleiche. Wir pirschen uns zwischen den Steinen vor, benutzen sie als Deckung. Mir fällt ein, was Serjosha über Onkel Ossips Schießkunst gesagt hat. Ob er geschossen hat?

Plötzlich sehe ich vorn, neben einem großen Stein, eine lang ausgestreckte Gestalt. Dawud. Er hebt den Kopf und winkt uns zu sich. Wir kriechen hin.

»Sie sind dort drüben«, flüstert Dawud. »Hinter der Mauer. Da ist ein Haus.«

»Entwischen sie nicht?«

»Achmet ist auf der anderen Seite.«

»Wer hat geschossen?«

»Zweimal Ossip. Auf mich. Einmal jemand anders. Wahrscheinlich auf Achmet. Auch daneben. Achmet hat mir ein Zeichen gegeben.«

»Wieviel sind es?«

»Weiß ich nicht«, antwortet Dawud.

»Warum haben sie geschossen?«

»Sie haben uns bemerkt. Sie belauern uns, die Hunde.«

Ich schiebe mich ein Stück hinter dem Stein vor. Sie passen schlecht auf. Kein Schuß. Ich mustere die Mauer. Sie ist ziemlich hoch, dahinter ist nichts zu sehen, nur die Wipfel von ein paar Bäumen und Gesträuch.

»Edik«, sage ich, »wir kriechen an der Mauer lang, du von der einen Seite, ich von der anderen. Bis wir uns treffen. Finde eine Lücke in der Mauer, einen Spalt, schau dir das Grundstück an, das Haus und alles, was du kannst. Und du gib uns Feuerschutz, Dawud.«

»Mach ich, mein Lieber, mach ich.«

Edik und ich kriechen in verschiedene Richtungen davon.

Ich bin allein. Die flachen Steine der Mauer sind so fest gefügt, daß ich keine einzige Ritze finde. Sollte sie in ihrer ganzen Länge so dicht sein? Über sie hinwegzusehen ist zu gefährlich. Und wenn ich's doch versuche? Ich nehme einen Ast, stülpe meine Mütze darüber und hebe sie vorsichtig über die Kante. Nichts. Niemand schießt auf die Mütze. Also kann ich einen Blick riskieren? Lieber doch nicht. Es kann eine Falle sein. Ich krieche weiter, betaste alle Vertiefungen und Unebenheiten. Endlich habe ich Glück. Zwischen den Steinen entdecke ich einen Spalt.

Überraschend nahe erblicke ich das Haus, ein kleines Blockhaus auf hohem Steinfundament, mit Veranda, das Dach mit Dachpappe gedeckt, gewöhnliche Fensterläden, als wäre eine bescheidene Datsche aus der Moskauer Gegend in diese Berge geraten. Alles wirkt harmlos, friedlich. Man möchte hineingehen und fragen, ob das Haus zu vermieten sei. Aber dort warten Kugeln... Vor dem Haus weder Baum noch Strauch. Menschen sind nicht zu sehen. Die Läden aller drei Fenster sind geöffnet, doch die Fenster sind geschlossen, auch die Terrassentür. Von wo haben die beiden geschossen, und in zwei verschiedene Richtungen zugleich? Vielleicht haben sie sich außerhalb des Hauses verkrochen? Wo kann man sich hier verstecken? Hinter dem Haus? Vielleicht sind dort Bäume und Sträucher und auch irgendwelche Nebengebäude. Also muß ich weiterkriechen, vielleicht gelingt es mir, den anderen Teil des Grundstücks einzusehen.

Und wieder robbe ich über das feuchte welke Gras und betaste jeden Vorsprung.

Welchen Plan mögen sie haben? Da sie es riskiert haben, das Feuer zu eröffnen, wollen sie den Kampf aufnehmen. Sie sind in die Enge getrieben. Was weiter? Die Dunkelheit abwarten und fliehen? Onkel Ossip kennt hier jeden Pfad, und es dürfte ihnen nicht schwerfallen, ihre Verfolger abzuschütteln. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß ihr Plan so aussieht. Obwohl sie unsere Kräfte nicht kennen und ein großes Risiko eingehen. Aber einen anderen Ausweg haben sie nicht. Und es gibt natürlich genug, wovor sie Angst haben müssen. Ach, wenn ich doch wüßte, wer sich in diesem Haus verbirgt. Bestimmt wollen sie die Dunkelheit abwarten und fliehen. Folglich dürfen wir nicht warten, bis es dunkel wird. Jetzt haben sie zumindest zwei Vorteile. Sie verteidigen sich, und wir sind gezwungen, anzugreifen. Sie können in Deckung bleiben, während wir uns zeigen müssen. Außerdem brauchen sie uns nicht lebend, während wir sie nur lebend brauchen. Also müssen wir uns etwas ausdenken..

Ich krieche weiter die Mauer entlang und prüfe jeden Stein. Plötzlich streift mich etwas von oben. Ich hebe den Kopf. Über die Mauer biegen sich Zweige eines Strauches, sie haben harte, glänzende Blättchen. Ich stehe auf und schiebe die Zweige vorsichtig auseinander. Jetzt sehe ich das Haus von der anderen Seite. Nur ist es weiter entfernt. Auf dieser Seite besitzt es kein einziges Fenster. Seltsam. Aber auch hier weder Baum noch Strauch. Es ist unmöglich, sich unbemerkt zu nähern.

Wahrscheinlich sind drei Mann im Haus - Schprinz, Jermakow und Onkel Ossip. Das hoffe ich jedenfalls. Natürlich haben Jermakow und Onkel Ossip geschossen. Schprinz stirbt eher vor Angst, als daß er eine Waffe anfaßt. Wie Onkel Ossip schießt, weiß ich. Ich muß mich mit Edik treffen und hören, ob er was entdeckt hat.

Aber noch bevor ich mich hinter der Mauer versteckt habe, um weiterzukriechen, kracht plötzlich ein Schuß. Ich höre einen kurzen verzweifelten Schrei in der Nähe und sehe Onkel Ossip mit einem Gewehr in der Hand, er rennt auf das Haus zu. Ohne zu überlegen, von Wut erfaßt, reiße ich die Pistole hoch und schieße durch den Strauch...

Onkel Ossip fällt, wie hingemäht, rücklings nieder. Wäre ja auch gelacht, wenn ich ihn auf fünfundzwanzig Schritt Entfernung verfehlt hätte! Ossip stürzt, das Gewehr schlägt auf den Boden und fliegt beiseite. Sekundenlang stehe ich starr. Wer wird ihm zu Hilfe eilen, wer.?

Und wer hat eben geschrien? Das ist die Hauptsache - wer hat geschrien? Edik, Dawud, Achmet, wer? Ich muß dorthin, wo geschrien wurde, und ich muß Ossip bewachen. Da hebt er den Kopf, als lausche er, scharrt mit der Hand rings um sich, tastet nach dem Gewehr. Erschöpft sinkt er zurück. Dann kriecht er langsam auf das Haus zu.

»Liegenbleiben!« schreie ich. »Liegenbleiben, sage ich! Sonst verpaß ich dir den Rest! Jermakow, komm raus!«

Und sofort laufe ich an der Mauer entlang. Weiter, wo der Schrei ertönte. Nein, da ist kein Schrei mehr. Ich höre qualvolles Stöhnen. Ich höre es immer deutlicher. Und plötzlich stockt mir der Atem. Edik liegt dort und stöhnt. So stöhnt man, wenn man stirbt. Wenn man am Blut erstickt.

Plötzlich sehe ich einen Mann, der auf mich zukommt. Es ist Dawud. In seinem Gesicht lese ich Wut, Erregung, Kummer. Fast gleichzeitig sind wir bei Edik. Er liegt ausgestreckt auf den Steinen. Der Mantel ist aufgeknöpft, die Pistole ist ihm aus der Hand gefallen. Seine Augen sind geschlossen, das Gesicht ist weiß, blutleer, aus dem Mund mit den trockenen Lippen dringt glucksendes Röcheln.

Ich richte mich mit einem Ruck auf, blicke über die Mauer und sehe, daß neben dem liegenden Ossip Jermakow steht. Die Hände erhoben und um sich schauend, wie ein dressierter Bär.

»Ruf Achmet«, sage ich zu Dawud. »Bringt Edik zum Auto und schickt es in die Stadt, unverzüglich! Dann kommst du zurück. Die transportieren wir mit dem LKW ab. Schnell!«

Noch bevor Dawud antworten kann, schwinge ich mich über die Mauer und gehe, die Pistole in der Hand, auf Jermakow zu. Gehetzt sieht er mich an. Er hat einen nervösen Schluckauf und wirkt jämmerlich.

Ich trete zu ihm und rufe, ohne die Pistole zu senken: »Schprinz, kommen Sie raus!«

Ich werfe schnell einen Blick auf Ossip, der sich auf dem welken Gras zusammengekrümmt, das Gesicht verdeckt und die Beine angezogen hat. Er lebt, der Lump.

»Nicht schießen!« ruft Schprinz, während er um die Hausecke kommt, und als er Jermakow sieht, hebt er ebenfalls die Hände. »Um Gottes willen, nicht schießen! Du lieber Himmel, wie furchtbar!« jammert er, außerstande, den Blick von Ossip zu lösen. »Wie furchtbar. Es ist aus. Das steht fest! Nehmen Sie alle Unterlagen, sperren Sie mich ein. Ich sage alles! Aber schießen Sie nicht! Nicht schießen! Ich sage alles, ich weiß alles. Ich kann Ihnen nützlich sein. Nicht schießen!«