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»Nein«, sage ich streng.

»Pest und ich haben in ihrem Restaurant gegessen. Da hat er sie mir gezeigt.«

»Und weshalb hat er dich nicht vorgestellt?«

»Es mußte wohl so sein.«

»Vernünftig«, sage ich. »Und ihre Adresse hast du nicht?«

»Hmhm.«

»Noch vernünftiger. Hat Pest so entschieden?«

»Das haben wir gemeinsam entschieden«, knurrt Ljocha unwillig, offensichtlich will er seine untergeordnete Stellung nicht zugeben.

»Aber er hat erlaubt, daß du sie auf der Arbeit anrufst?«

»Was soll ich machen, wo wir uns doch verloren haben?«

Eine Zeitlang schweigen wir und schauen auf die vorbeihuschenden Häuser und den endlosen Passantenstrom. Weiter weg ist alles verschneit, die Höfe, die Bäume, die Dächer, doch auf der Fahrbahn und den Gehwegen hat sich der Schnee in schwarzen Matsch verwandelt. Die niedrige Sonne am blaßblauen reinen Himmel schimmert kupferfarben in den Scheiben der oberen Etagen der Hochhäuser. Es ist noch hell. Die Tage sind schon merklich länger.

»Was willst du eigentlich von ihr?« frage ich Ljocha.

»Ich muß wissen, wo Pest steckt«, sagt er und fügt geheimnisvoll hinzu: »Er hat alles, verstehst du?«

»Paß auf, daß du dich kultiviert benimmst, sonst erschreckst du sie.«

»Macht nichts, sie ist nicht aus Lehm und zerbröckelt nicht«, brummt Ljocha, doch ich merke, daß ihn die bevorstehende Begegnung beunruhigt.

Schließlich sind wir am Belorussischen Bahnhof. Treffpunkt ist der Metroeingang. Wie immer sind hier unheimlich viele Menschen. Wir treten zur Seite, und Ljocha mustert die Vorübergehenden. Ich stehe ein Stück von ihm entfernt, als gehörten wir nicht zusammen. Von der offenbar nicht einfachen Aufgabe, Musa zu erkennen, ist er völlig in Anspruch genommen - er hat sie ja erst einmal gesehen, ohne Mantel. In der Menge bemerke ich unsere Jungs. Wahrscheinlich sind sie uns gefolgt und lassen Ljocha nicht aus den Augen.

Nach ungefähr zehn Minuten stürzt sich Ljocha plötzlich unter die Leute. Bestimmt hat er Musa entdeckt. Er tritt zu einem hochgewachsenen Mädchen. Sie trägt einen hübschen Lammfellmantel mit flauschigem Kragen und eine große helle Pelzmütze. Ein sehr attraktives Mädchen. Der ungeschlachte Hüne Ljocha mit der ins Genick geschobenen Schirmmütze und dem billigen offenen Mantel, unter dem der aufgeknöpfte zerknitterte Hemdkragen hervorschaut, wirkt plump neben ihr.

Ich gehe um die beiden herum und sehe Musas gebräuntes Gesicht mit den schwarzen Brauen. Sie verzieht verächtlich die grell geschminkten Lippen. Ljocha und das, was er zu ihr sagt, sind ihr offensichtlich unangenehm. Ja, hübsch ist sie, alles, was recht ist. Einen treffenden Spitznamen hat man ihr angehängt - Schokolade. Ich nähere mich dem Paar so weit, daß ich Gesprächsfetzen verstehen kann.

»Und ich sage - nein«, erklärt Musa streng. »Kolja hat davon nichts gesagt. Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, er wird Sie selbst anrufen.«

»Ich brauche ihn dringend, verstehst du?« knurrt Ljocha.

»Er ist jetzt sowieso nicht zu Hause. Und Sie...«

Da werde ich abgedrängt und höre die beiden nicht mehr. Als ich mich wieder herangepirscht habe, hat ihr Gespräch bereits einen anderen Charakter.

»Wo haben Sie denn Ihren Kumpel?« fragt Musa weniger kühl.

»Er ist mit mir hier«, sagt Ljocha beruhigt und deutet dorthin, wo er mich verlassen hat. »Er wartet, verstehst du?«

»Dann rufen Sie ihn, und wir fahren«, versetzt Musa ungeduldig.

Ihre Augen, die sonst sicherlich lustig, verschmitzt und zutraulich blicken, blitzen jetzt energisch. Unter der Pelzmütze quillt schönes schwarzes Haar hervor. Tatsächlich - Schokolade. Valja sagt, sie will diesen Pest sogar heiraten. Und er schwindelt ihr was vor, gibt sich als Dienstreisender aus, bemüht sich angeblich um die Scheidung von seiner Frau. Gekleidet ist sie wie ein Püppchen. Ob Pest ihr solche Geschenke macht? Ich frage mich wieder, wo sie das viele Geld herhaben. Wenn wir den Grund für den Mord erfahren, werden wir bestimmt auch die Quelle ihres Einkommens finden.

Indessen ziehe ich mich zu meinem Platz am Metroeingang zurück, und gleich darauf erscheint Ljocha.

»Wir fahren«, ruft er mir zu, ohne stehenzubleiben.

Ich laufe ihm nach.

Musa erwartet uns am Rand des Trottoirs. Artig stelle ich mich vor: »Vitja.«

»Musa.« Sie gibt mir die Hand und betrachtet mich mit unverhohlenem Interesse. Dann wendet sie sich an Ljocha: »Ljocha, holen Sie ein Taxi. Drüben stehen welche.« Sie weist auf den Platz. »Wir warten hier auf Sie.«

Widerspruchslos läuft Ljocha los.

Wir bleiben allein.

»Sind Sie auch fremd hier?« fragt Musa lächelnd.

»Nein, ich bin Moskauer.«

»Wie haben Sie Ljocha kennengelernt?«

»Zufällig«, antworte ich und füge, ebenfalls lächelnd, hinzu: »Können Sie sich das vorstellen? Es hat uns auf den ersten Blick zueinander hingezogen.«

»Oh, das nehme ich Ihnen nicht ab«, sagt Musa lachend. »Sind Sie auch mit Kolja bekannt? Zu ihm hat es Sie nicht hingezogen?«

»Es ist Ljocha, der mich zu ihm hinzieht«, antworte ich in ihrem Ton und frage: »Und zu welchem von beiden zieht es Sie?«

Musa seufzt, und plötzlich erklärt sie: »Wissen Sie, Kolja ist ein guter Mensch, aber ein Pechvogel.« Neugierig erkundigt sie sich: »Wo arbeiten Sie?«

»In einer Werkstatt«, teile ich unbekümmert mit, denn auf diese Frage bin ich vorbereitet. »Reparatur von Lederwaren. Auf der Sretenka.«

»Oh, da bekommen Sie bestimmt hübsche Sachen in die Hände?«

Ich lächle schlau. »Gelegentlich. Für gute Freunde natürlich.«

»Und wenn wir beide nun Freunde werden?« fragt Musa kokett. »Ich brauche ganz dringend eine Tasche zu blauen Schuhen. Natürlich nicht aus unserer Produktion.«

»Bei uns gibt es, wie in Griechenland, alles«, sage ich.

»Oh, Vitja, Sie sind ein Schatz!« Musa klatscht in die Hände. »Mit Ihnen muß man Freundschaft halten, das hab ich gleich begriffen.«

»Das muß man unbedingt«, bestätige ich und frage ungeniert: »Und wo arbeiten Sie?«

»In einem Restaurant. Ich kaufe eine italienische Tasche bei Ihnen, und Sie bekommen bei mir ein tolles Essen - Sie werden sehen.«

»Abgemacht«, antworte ich enthusiastisch. »So was nennt man Zufall. Mit Kolja sind Sie wahrscheinlich auch so bekannt geworden?«

»Nein, wir wurden bekannt gemacht«, antwortet sie. »Wieso?«

»Nur so. Und mit Ljocha hat er Sie bekannt gemacht?«

»Mit Ljocha habe ich mich eben selber bekannt gemacht«, sagt Musa lachend. »Ich wußte nicht einmal, daß Kolja so einen Bekannten hat. Plötzlich ruft er mich auf der Arbeit an. Können Sie sich das vorstellen? Männer rufen mich sonst nie auf der Arbeit an.«

»Was ist denn dabei?« Ich zucke unbekümmert die Schultern. »Wenn er doch Kolja sucht. Geschäftlich.«

»Wieso geschäftlich?« fragt Musa neugierig.

»Das soll Kolja Ihnen selbst erzählen.«

Musa droht mir kokett mit dem Finger. »Vitja, Sie dürfen mir nichts verheimlichen, das mag ich nicht!«

»Haben wir denn vereinbart, uns nichts zu verheimlichen?«

»Nun, dann vereinbaren wir das jetzt.«

»Gut.« Ich nicke. »Aber nur auf Gegenseitigkeit. Sie dürfen mir auch nichts verheimlichen. Einverstanden?«

»Oh, für eine Frau ist das gefährlich.«

»Manchmal auch für einen Mann.«

Während wir auf Ljocha und das Taxi warten, plaudern wir. Ich frage Musa immer dreister aus, besonders über ihren Freund Kolja. Sie scheint schon das Gefühl zu haben, als wäre ich auf ihn eifersüchtig, und das gefällt ihr.

»Er macht doch bestimmt nicht jeden Tag eine Dienstreise hierher«, sage ich.

»Jeden zweiten Tag«, lacht Musa.