Patel sprang als erster, ohne etwas zu sagen. Dann versuchten Jamie und Mironow, Naguib über die Spalte zu tragen. Ihr erster Versuch wäre fast in einer Katastrophe geendet. Naguib nahm anders Anlauf als sie, und bei dem Versuch abzubremsen, bevor sie den Rand erreichten, fielen sie alle drei beinahe hin. Jamie hörte, wie Mironow Verwünschungen in sich hineinmurmelte; Naguib keuchte ängstlich. Der Luftschlauch des Russen sprang aus Naguibs Kragen, und Jamie steckte seinen hinein.
Jamie erinnerte sich vage an einen Mythos über Vögel, die einem Navajo-Helden halfen, einen unpassierbaren Abgrund zu überqueren. Oder war er über einen Regenbogen gegangen?
Wir könnten jetzt ein bißchen Hilfe brauchen, sagte er sich.
Es war nur noch wenig Tageslicht übrig. Die Kälte der Nacht sickerte Jamie bereits in die Knochen, und er wußte, daß Naguib noch steifer sein und noch mehr frieren mußte.
Sie traten wieder zurück, und Mironow erklärte ihnen, daß sie mit dem linken Fuß starten und im Gleichschritt weiterlaufen sollten. »Ich werde bis vier zählen«, sagte er.
» Odin… dwa… tri… cetyre«, zählte Mironow vor. » Odin…
dwa…«
Sie segelten wie ein Trio gepanzerter Nilpferde über die Spalte hinweg und landeten rutschend und schlurfend in einer roten Staubwolke auf der anderen Seite. Es gelang ihnen mit Müh und Not, sich auf den Beinen zu halten.
»Besser als das Bolschoi-Ballett!« strahlte Mironow, als sie zum Rover gingen. Sie stützten Naguib immer noch von beiden Seiten.
»Schade, daß wir’s nicht gefilmt haben«, scherzte Jamie.
Naguib sagte nichts. Patel war ein Stück voraus. Seine eingeschaltete Helmlampe warf eine Lichtpfütze auf den dunklen Boden, während er eilig auf den Rover zusteuerte, um sich in Sicherheit zu bringen.
Sobald sie die Luftschleuse passiert hatten, setzten sie Naguib auf eine der Bänke und halfen ihm aus seinem Anzug.
Dann säuberte Jamie das blutige Gesicht des Ägypters, während Patel die Anzüge absaugte und Mironow ins Cockpit ging, um der Basis Bericht zu erstatten.
»Ich glaube nicht, daß Ihre Nase gebrochen ist«, sagte Jamie.
»Sie blutet nicht einmal mehr.«
»Ich habe sie mir am Visier angestoßen, als ich gestürzt bin«, sagte Naguib.
»Sie hätten ums Leben kommen können«, meinte Patel. Seine großen Augen waren ernst.
Naguib lächelte schwach. »Ich war nie sonderlich gut bei der Arbeit im Gelände.«
Mironow kam zurück. Er lächelte nicht; seine Miene war grimmig. »Reed will mit Ihnen sprechen«, sagte er zu dem Ägypter. »Er wird Ihnen Medikamente verschreiben.«
Jamie bot ihm an, ihm ins Cockpit zu helfen, aber Naguib stand aus eigener Kraft mit wackligen Beinen auf. »Ich schaffe es schon«, sagte er. »Ich glaube, Sie haben recht – es ist nichts gebrochen.«
Wortlos ging Patel in die Kombüse und holte sich eine Schale mit Abendessen heraus. Mironow sah ihm mit finsterer Miene nach.
»Kein Grund, sich zu ärgern, Alex«, sagte Jamie zu dem Kosmonauten. »Abdul geht es gut. Er hat nur eine blutige Nase, das ist alles.«
Mironow schnaubte und warf Patel einen zornigen Blick zu.
Reed bestätigte, daß Naguibs Nase wahrscheinlich nicht gebrochen war, und die vier Männer zogen den Klapptisch heraus und setzten sich zum Essen.
»Wir haben nur noch zwei Ersatztornister dabei«, knurrte Mironow, während sie aßen. »Bitte seien Sie morgen vorsichtiger.«
»Ich dachte, auf dem Boden dieser Spalte sei vielleicht eine freiliegende Uranader«, sagte Naguib als Erklärung und Entschuldigung zugleich. »Mein Szintillationsdetektor hat hohe Strahlungswerte registriert.«
»Uran?« Patel griff die Idee auf. »Wenn es uns gelänge, das Mengenverhältnis von Uran und Blei zu bestimmen, dann könnten wie das Alter des Lavafeldes mit großer Genauigkeit feststellen.«
Jamie sagte: »Wir haben nirgends irgendwelche brauchbaren Mengen radioaktiver Stoffe gefunden.«
»Irgend etwas ist dort unten, auf dem Boden der Runse«, sagte Naguib.
»Dann müssen wir morgen noch einmal hin und ein paar Proben nehmen«, sagte Jamie.
Mironow zog seine fast unsichtbaren Augenbrauen hoch.
»Noch einmal hin?«
»Mit der Winde, Alex«, sagte Jamie. »Und wir können sogar die ausziehbare Leiter über die Spalte legen, über die wir springen mußten.«
Der Russe sagte nichts, sondern sah Patel über den Tisch hinweg an.
»Dann also abgemacht«, schloß Jamie. »Rava und ich gehen morgen noch einmal hin und holen Proben vom Boden der Runse.«
Mironow schob sich abrupt hinter dem Tisch hervor und machte sich auf den Weg nach vorn ins Cockpit. Sie starrten auf seinen Rücken, als er sich entfernte.
Patel zwinkerte mehrmals und führte das Gespräch dann weiter, als ob nichts passiert wäre. »Das Mengenverhältnis von Blei und Uran könnte uns eine absolute Zeitangabe für dieses spezielle Segment des Lavastroms liefern…«
»Entschuldigt mich.« Jamie schob sich aus der Bank und stand auf. Patel unterhielt sich weiter mit Naguib.
Mironow saß auf dem Fahrersitz. Seine Finger huschten über die Kontrolltafel. Er checkte alle Systeme des Rovers. Jamie glitt auf den Sitz neben ihm.
»Was ist los, Alex?«
Der Russe holte tief Luft. Hinter sich hörten sie Patel weiterpalavern.
»Ihr Kollege hätte Naguib dort draußen sterben lassen, wenn es nach ihm gegangen wäre.«
»Was? Rava?«
»Ich habe ihm befohlen, die Winde zu holen. Er hat sie bis zur Spalte gebracht, wollte aber nicht drüberspringen. Er hat das Gerät über die Spalte geworfen und sich dann auf den Rückweg zum Rover gemacht.«
Jamie verstummte und verdaute die Information. Rava muß in Panik geraten sein, sagte er sich. Und Alex ist höllisch sauer auf ihn.
»Aber hinterher ist er doch gesprungen«, sagte Jamie endlich. »Er ist herübergekommen und hat uns geholfen.«
»Nachdem ich ihm gedroht hatte, ich würde ihm jeden Knochen im Leib brechen«, knurrte Mironow.
»Ich mußte ihn zwingen, Naguib etwas von seiner Luft abzugeben.«
»Er muß verdammt viel Angst gehabt haben«, sagte Jamie.
»Auf ihn ist kein Verlaß. Nicht in einem Notfall. Ich werde nicht zulassen, daß Sie allein mit ihm hinausgehen.«
Jamie zuckte die Achseln. »Dann werden Sie mitkommen müssen, Alex. Wenn in dieser Talrinne wirklich eine Ader mit Uran ist – oder irgendeinem anderen radioaktiven Stoff –, dann ist das für uns von entscheidender Bedeutung.«
Der Russe nickte kurz. »Ich komme mit. Naguib kann im Rover bleiben und Funkkontakt halten.«
»Okay. Und jetzt beruhigen Sie sich. Kann sein, daß Patel in Panik geraten ist, aber es nützt uns nichts, sauer zu sein.«
»Ja. Ich weiß. Aber ich würde ihm trotzdem am liebsten den Hals umdrehen.«
Jamie versuchte zu lachen. Er klopfte Mironow auf die Schulter. »Einen Groll zu hegen, kann genausoviel Schaden anrichten, wie in Panik zu geraten. Versuchen Sie, nüchtern und sachlich zu bleiben, Alex.«
Der Russe grunzte.
Jamie stand auf und ging zum Tisch zurück, wo Naguib und Patel sich unterhielten.
»Okay«, sagte Jamie. »Morgen früh gehen wir noch mal zu der Runse – Rava, Alex und ich.«
»Und was ist mit mir?« fragte Naguib, als Jamie auf der anderen Seite des schmalen Tisches Platz nahm.
»Sie bleiben drinnen und erholen sich. Sie können die Proben analysieren, die wir heute gesammelt haben.«
»Und wer hat Ihnen die Leitung übertragen?« fauchte Patel.
»Wer hat Sie zum Kapitän dieses Teams gewählt?«
Jamie blinzelte überrascht. »Es scheint mir einfach die logische Vorgehensweise zu sein. Abdul wird sich morgen bestimmt kaum rühren können und Schmerzen haben. Also bleiben nur noch Sie und ich übrig, Rava. Und Alex.«