Patels Nasenflügel blähten sich. »Ja. Natürlich. Sie und ich und unser Kosmonautenaufseher. Und am Tag darauf kehren wir zur Kuppel zurück«, sagte er zornig. »Und damit sind unsere drei Tage hier um.«
Jamie lehnte sich auf der Bank zurück und starrte Patel über den unordentlichen Eßtisch hinweg an. Er war erstaunt über sich selbst, weil er von seinem Kollegen Anerkennung erwartet hatte. Oder wenigstens Höflichkeit.
SOL 34
MORGEN
Jamie erwachte aus dem Traum. Eine ganze Weile lag er wie tot auf seiner Liege und starrte zur Kunststoffwölbung der Kuppel hinauf, die sich gerade mit dem Licht des neuen morgens aufzuhellen begann. Zuerst glaubte er, wieder im Rover zu sein, aber dann erinnerte er sich, daß sie vor einer Woche von der Exkursion zum Pavonis Mons zurückgekehrt waren.
Er war im Schlaf von einem seltsamen, beunruhigenden Traum heimgesucht worden. Der Traum hatte ihm nicht direkt angst gemacht, aber er war verwirrend gewesen.
Jamie setzte sich auf. Stell dir vor, du hast geträumt, du wärst wieder in der Schule. Kopfschüttelnd rief er sich ins Gedächtnis, daß ihm das mit Sicherheit erspart bleiben würde. Er war auf dem Mars. Und dies war der Tag, an dem sie zum Canyon aufbrechen würden.
Das erste rosafarbene Licht der Dämmerung erfüllte die Kuppel, als Jamie sich abschrubbte, rasierte und sich dann ein Frühstück aus warmem Haferschrot, dampfendem Kaffee und der unvermeidlichen Vitaminkapsel einverleibte. Er war allein in der Messe, bis die anderen eintrudelten, um den Tag zu beginnen.
Auf dem Weg zu den Spinden, in denen die Raumanzüge hingen, sagte er ein paar Leuten kurz guten Morgen. Die Kuppel wirkte jetzt anders auf ihn. Sie war nicht mehr derselbe Ort wie zum Zeitpunkt ihrer Landung. Es lag nicht nur daran, daß ein Dutzend Männer und Frauen hier dreiunddreißig Tage lang gelebt und gearbeitet hatten. Vor fast fünf Wochen war ihm die Kuppel seltsam und furchteinflößend erschienen, wie ein neuer, noch nicht erprobter Mutterleib aus Kunststoff und kaltem Metall. Jetzt war sie ein Zuhause, sicher und warm, und der Kaffeeduft wehte bis zu den Spinden herüber. Fast fünf Wochen Arbeiten und Planen, Diskutieren und Scherzen, Essen und Schlafen hatten der Kuppel eine ausgeprägte menschliche Aura verliehen. Der Boden war von den Stiefelsohlen ihrer Bewohner abgeschabt. Jamie spürte die Emotionen, von denen die Luft durchtränkt war. Das ist nicht die sterile Kuppel voller Ausrüstungsgegenstände, die sie einmal gewesen ist. Nicht mehr. Dieser Ort ist jetzt von unserem Geist erfüllt, dachte er.
Und heute lassen wir das alles hinter uns, um zum Canyon zu fahren. Kein Wunder, daß ich einen Angsttraum hatte.
Er kam an dem kleinen Treibhausbereich vorbei, wo Monique Bonnet unter den strahlend hellen Lampen neben den Beeten kniete und wie eine liebevolle Mutter die Pflanzen pflegte.
Obwohl nun die Morgensonne durch die gekrümmte Kuppelwand hereinfiel, ließen sie die UV-Lampen auch tagsüber brennen. Der transparente Kunststoff der Kuppel hielt fast alle Infrarotanteile des Sonnenlichts sowie die gesamte Ultraviolettstrahlung draußen.
»Na, wie geht’s dem Gemüse?« fragte Jamie. Monique blickte von den großen Tabletts auf und wischte sich einen roten Fleck von der Wange. »Sehr gut. Sehen Sie?« Sie zeigte auf die kleinen grünen Schößlinge, die aus dem rosafarbenen Sandboden ragten. »Bevor wir zur Erde zurückkehren, werde ich euch noch einen salade verte machen können.«
»Geben Sie ihnen immer noch Perrier?«
»Natürlich. Was sonst?«
Jamie lächelte, und Monique lächelte zurück. Sie hatte die Betreuung des kleinen Gartens übernommen; sie gab den Pflanzen Marswasser und ließ ihnen mütterliche Fürsorge angedeihen. Ilona und Joanna hatten diese Aufgabe weitgehend ihr überlassen, obwohl es im Missionsplan anders festgelegt war. Der Mars scheint ihr zu bekommen, dachte Jamie. Moniques Figur sieht straffer aus als zum Zeitpunkt der Landung.
Sieht sie wirklich besser aus, oder bin ich bloß geil, fragte sich Jamie. Sein Verlangen kam ihm nicht besonders stark vor.
Tony muß unsere Nahrung mit Triebdämpfern versetzen, obwohl er das Gegenteil behauptet. Ist wahrscheinlich auch gut so, versuchte er sich einzureden.
Als er die großen Tabletts voller rötlichem Erdreich und grünen Schößlingen betrachtete, erkannte Jamie: Wir könnten für unbegrenzte Zeit auf dem Mars leben, wenn es sein müßte.
Wenn wir genug Saatgut mitgebracht hätten, wären wir imstande gewesen, mit Hilfe von Marswasser sowie aus der Luft gewonnenem Sauerstoff und Stickstoff eine richtige Obst- und Gemüseplantage anzulegen. Wir könnten genug Nahrung züchten, um in dieser Kuppel zu überleben und eine richtige Basis aus ihr zu machen. Ein dauerhaftes Zuhause.
Die nächste Mission. Da müssen wir es tun. Wir müssen genug Saatgut mitnehmen, um eine autarke Obst- und Gemüseplantage aufzubauen. Und die hiesigen Ressourcen nutzen.
Wir wissen jetzt, daß es geht.
Die Einstellungen der Forscher hatten sich in den fünf Wochen auf dem Mars verändert. Jamie war zwar nach wie vor der Außenseiter, der Einzelgänger, aber nun lag es daran, daß er der stillschweigend anerkannte Führer der Gruppe war. Er war nicht mehr der Ersatzmann, den man wie aus einem nachträglichen Einfall heraus in letzter Minute ins Team aufgenommen hatte. Die anderen elf widmeten ihre Arbeit jetzt größtenteils dem Ziel, die bevorstehende Exkursion zum Tithonium Chasma zu einem Erfolg zu machen.
Patel war immer noch mürrisch und wütend darüber, daß seine Exkursion zum Pavonis Mons abgekürzt worden war. Er beschäftigte sich damit, die Proben zu analysieren, die sie bei ihrem kurzen Streifzug gesammelt hatten. Die Datierung, die sich aus den Uran-Blei-Proben ergab, stimmte nicht mit jener überein, die von den Kalium-Argon-Messungen stammte. Patel und Naguib verbrachten ihre gesamte Freizeit mit dem Versuch herauszufinden, warum nicht. Wosnesenski, der wegen der umfangreichen Änderungen im Plan anfangs mürrisch und mißmutig gewesen war, hatte sich allmählich für die Idee erwärmt. Während der letzten beiden Wochen hatte er beinahe eine gewisse Jovialität entwickelt. Jamie erkannte, daß unter all dem Pflichtbewußtsein ein Mensch steckte, der gern seinen Spaß hatte.
Toshima arbeitete eng mit Jamie zusammen. Sie holten so viele Informationen, wie sie nur konnten, aus den Daten über die Grabenregion, die die geologischmeteorologischen Baken anhäuften. Connors, Mironow und Abell steuerten abwechselnd die RPVs durch den Canyon und kartierten ihn mit einer Auflösung bis hinunter zu ein paar Zentimetern.
Joanna und Ilona verbrachten ihre Zeit damit, die biologischen Experimente vorzubereiten, die sie in dem Canyon ausführen wollten, auf der Talsohle unter diesen Nebelschleiern, wo es Wärme gab und die Aussicht bestand, Leben zu finden.
Die beiden würden mit Jamie und Connors im Rover fahren; Monique würde hier in der Basis bleiben. Jamie machte sich Gedanken darüber, wie es mit Joanna und Ilona im Rover sein würde. Da hockte man ziemlich dicht aufeinander. Sie gingen jetzt durchaus freundschaftlich miteinander um, aber welche Probleme mochten sich ergeben, wenn sie beide zehn Tage lang zusammen im Rover eingesperrt waren?
Jamie hatte Ilona auf ihre ablehnende Schroffheit gegenüber den Russen angesprochen. Sie hatte mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem hochmütigen kleinen Lächeln reagiert.
»Ich meine es ernst, Ilona«, hatte er gesagt. »Du mußt aufhören, Mikhail zu piesacken. Und Alex. Das muß aufhören.«
»Ist das ein Befehl, Captain?« Sie sah Jamie mit glühenden Augen an.
»Ich wünschte, ich könnte es dir befehlen«, erwiderte er. »Ich wünschte, ich hätte die Macht, dein Verhalten zu ändern.«