Sie hatte ihn bei einer Anhörung vor einem Kongressausschuß aufgespürt und ihn aus dem Capitol und die Maryland Avenue hinunter zum NASA-Hauptquartier begleitet. Die Bäume waren noch grün und standen in voller Blüte, die Sonne war warm und der Himmel strahlend blau. Doch in der Brise lag eine gewisse Schärfe, der erste Hauch der kommenden Herbstkälte.
»O ja, natürlich. Es war aber eine ziemlich unpersönliche Botschaft.« Sie lachte unbeschwert. »Eher ein wissenschaftlicher Bericht als eine Nachricht von einem Freund.«
Brumado musterte sie eingehend, während sie nebeneinander hergingen. »Sie waren mehr als Freunde, nehme ich an.«
Sie erwiderte seinen unverwandten Blick. »Ja, waren wir.
Aber wir wußten beide, daß es zu Ende sein würde, wenn er zum Mars flog.«
»Ich verstehe.«
Sie schlenderten langsam dahin. Für die Passanten sahen sie fast wie Vater und Tochter aus, obwohl Fußgänger in der Gegend um den Capitol Hill daran gewöhnt waren, ältere Männer mit gutaussehenden jungen Frauen zu sehen. Brumado trug einen konservativen, doppelreihigen grauen Nadelstreifenanzug, Edith einen dunklen, mittellangen Rock, eine grauweiße Bluse und einen scharlachroten Blazer.
»Ich wüßte gern, ob ich Sie interviewen könnte«, sagte Edith.
»Über einige Dinge nämlich, die Jamie mir erzählt hat.«
»Für Ihr Network?« fragte Brumado.
»Es würde mir helfen, einen festen Job zu ergattern.«
Sie blieben an einer Ampel stehen. Brumado hatte Jamies Botschaft an sie gesehen. Es gab keine privaten Sendungen vom Mars; alles wurde von Projektfunktionären gesichtet.
»Sie wollen eine große Story aus Watermans Wunsch machen, den Missionsplan zu ändern und eine Exkursion zum Grand Canyon zu unternehmen«, sagte er.
Sie gab es sofort zu. »Ich kann auch Jamies Band allein verwenden, wenn es sein muß. Aber es wäre mir lieber, wenn Sie und vielleicht ein paar Projektadministratoren die Geschichte aus Ihrer persönlichen Sicht erzählen würden.«
Die Ampel sprang um. Brumado packte Edith am Arm, als sie über die Straße eilten. Er dachte in rasender Eile nach. Diese Frau konnte alles zerstören. Sie konnte die Vizepräsidentin wieder auf den Kriegspfad bringen.
»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte er, als sie sicher auf der anderen Straßenseite angelangt waren.
»Einen Vorschlag?« Edith lächelte ihn an.
»Ich schlage vor, wir treffen eine Abmachung«, sagte Brumado. »Sie können bei mir bleiben und bekommen alle Informationen über die Expedition, die Sie haben wollen – wenn Sie versprechen, nichts zu veröffentlichen, bis das Team wieder wohlbehalten auf der Erde ist.«
Edith runzelte verwirrt die Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe…«
»Sie können die inoffizielle Biographin der Marsmission werden. Dorthin gehen, wohin ich gehe. Keine Türen werden Ihnen verschlossen sein. Sie werden alles sehen und jeden kennenlernen.«
»Aber ich kann nichts davon über den Sender schicken, bis die Mission beendet ist. Ist es so?«
»So ist es.«
Brumado merkte, daß er sie immer noch am Arm festhielt. Er ließ sie nicht los.
Edith dachte an Howard Francis in New York und sagte langsam: »Ich weiß nicht, ob sich das Network auf eine solche Abmachung einlassen wird.«
Brumado setzte sein wärmstes Lächeln auf. »Die haben Dutzende von Reportern, die über die Mission berichten«, beschwatzte er sie. »Aber diese betrachten das Projekt allesamt von außen. Wenn Sie bereit sind, mit mir zusammenzuarbeiten, werden Sie innen sein – kein anderer Journalist genießt ein derartiges Privileg.«
»Aber ich dürfte keine Berichte abliefern…«
»Nicht, solange die Mission nicht beendet ist. Danach können Sie die ganze Geschichte verkaufen. Die Insider-Geschichte. Sie werden Informationen und Interviews haben, die kein anderer Reporter jemals bekommen würde.«
Sie machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich werde New York fragen.«
New York hatte sich natürlich geradezu auf die Abmachung gestürzt. Howard Francis träumte sofort von Nachrichten-Sondersendungen, die keines der anderen Networks bringen konnte. »Und wenn es sein muß«, hatte er Edith erklärt, »können wir sie jederzeit linken und mit irgendeiner richtig großen Sache rauskommen, bevor die anderen Korrespondenten überhaupt wissen, was los ist!«
Daher lebte Brumado nun seit Wochen praktisch mit Edith Elgin zusammen und führte sie überall als inoffizielle Biographin des Projekts ein. Die anderen Networks beschwerten sich; die Printmedien veranstalteten ein Riesengeschrei. Aber Edith blieb bei Brumado. Sie reisten miteinander, aßen miteinander, verbrachten jeden Tag miteinander.
Außer bei seinem Lunch mit Harvey Todd. Der Berater der Vizepräsidentin hatte darauf bestanden, daß ihr Treffen strikt unter vier Augen stattfand.
Als Brumado mit dem Taxi allein nach Georgetown zurückfuhr, fragte er sich, wie lange er Edith noch einen Maulkorb umlegen konnte. Die Abmachung zwischen ihnen war sehr einfach gewesen, als er sie vorgeschlagen hatte. Aber nun wurde die Lage komplizierter. Eine der Komplikationen war die Vizepräsidentin. Eine andere war Harvey Todd und sein Ehrgeiz, trotz seiner vorgeblichen Loyalitäten hinter dem siegreichen Kandidaten zu stehen. Die brisanteste Komplikation war Edith selbst. Sie war jung, ganz reizend und sehr begehrenswert. Aber Brumado konnte sich nicht zu einer Entscheidung durchringen, was sie betraf. Würde sie mit ihm ins Bett gehen oder ihn abweisen? Würde es sie enger an ihn binden oder ihre Distanz zu ihm eher vergrößern, wenn er mit ihr zu schlafen versuchte?
Er lächelte vor sich hin, während das Taxi sich durch die schmale, verstopfte Wisconsin Avenue schlängelte. Vielleicht geht sie weg, wenn ich nicht versuche, sie zu verführen. Vielleicht erwartet sie von mir, daß ich mit ihr schlafe.
Er schüttelte den Kopf. Nein. Sie ist intelligenter. Und gefährlicher.
Das Taxi fuhr vor dem roten Backsteinhaus in Georgetown an den Straßenrand. Edith hatte ein Zimmer im nahegelegenen Four Seasons Hotel und ein üppiges Spesenkonto. Tatsächlich bezahlte sie ihre Mahlzeiten meistens selbst und trug auch ihre gesamten Reisekosten.
Brumado lachte in sich hinein, als er die Treppe hinaufging und in seinen Taschen nach dem Hausschlüssel suchte.
Warum soll ich nicht mit ihr schlafen? Es denken doch sowieso schon alle, daß ich es tue. Das macht den Kohl nun auch nicht mehr fett.
SOL 36
MORGEN
Die Abfahrt über den Hang war beängstigend.
»Immer sachte«, murmelte Connors. Seine Hände waren fest ums Lenkrad des Rovers geklammert, seine gestiefelten Füße spielten so geschickt mit Gaspedal und Bremse wie die eines Konzertpianisten mit den Pedalen seines Instruments. Auf dem Kopf hatte er eine Kopfhörergarnitur mit einem Ohrstöpsel, deren Stiftmikro an einem dünnen, gebogenen Arm vor den Lippen des Astronauten hing.
Jamie hatte das Gefühl, als würde er ebenfalls fahren. Er saß angespannt auf dem rechten Sitz und starrte auf den steil abfallenden Hang der Rutschung hinaus. Es kam ihm so vor, als würde ihre Nase beinahe senkrecht nach unten zeigen.
»Ist so, als würde man das alte Space Shuttle landen«, scherzte Connors. »Einen neunundneunzig Tonnen schweren Koloß innerhalb von zehn Minuten von Überschallgeschwindigkeit so runterbremsen, daß er sanft aufsetzt. Ist unsere leichteste Übung.«
Jedesmal, wenn der Rover schwankte, wurde es Jamie flau im Magen. Er warf einen Blick nach hinten zu den beiden Frauen. Sie saßen angeschnallt auf den ausklappbaren Notsitzen am Schott direkt hinter dem Cockpit. Joanna war bleich und schwitzte sichtlich. Ilona sah ebenso angespannt aus, brachte aber ein verkrampftes Lächeln zustande.