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»Erzähl mir von diesem Seniorenheim«, sagte Arnie.

»Es wird bald gebaut werden«, sagte Helio. »Nicht unmittelbar für diesen Zweck, sondern erst als riesiges Wohnheim für Marseinwanderer.«

»Ach ja«, sagte Arnie, als ihm etwas dämmerte. »In den FDR-Bergen.«

»Die Leute kommen an«, sagte Helio, »lassen sich nieder, leben hier und vertreiben die wilden Bleichmänner aus ihren letzten Zufluchtsstätten. Dafür belegen die Bleichmänner das ohnehin schon sterile Land mit einem Fluch. Die Siedler von der Erde scheitern; ihre Gebäude verfallen von Jahr zu Jahr mehr. Die Siedler kehren schneller zur Erde zurück, als sie herkommen. Schließlich führt man das Gebäude einem anderen Zweck zu: Es wird ein Heim für die Alten und Armen, für die Greisen und Gebrechlichen.«

»Warum redet er nicht? Erklär mir das.«

»Um von seiner entsetzlichen Vision loszukommen, zieht er sich in glücklichere Zeiten zurück, in Zeiten, als er noch im Körper seiner Mutter weilte, wo sonst niemand war, wo es keine Veränderung, keine Zeit und kein Leid gab. Das Leben im Mutterleib. Dort will er sein, in der einzigen Glückseligkeit, die er je gekannt hat. Herr, er weigert sich, diesen lieben Ort zu verlassen.«

»Verstehe«, sagte Arnie, glaubte dem Bleichmann aber nur halbwegs.

»Sein Leid gleicht dem unsrigen, dem aller Menschen. Aber für ihn ist es noch viel schlimmer, weil er sein Vorauswissen hat, das uns fehlt. Das ist ein schreckliches Wissen. Kein Wunder, daß er in seinem Innern - dunkel geworden ist.«

»Ja, er ist genauso dunkel wie ihr«, sagte Arnie, »und zwar nicht äußerlich, sondern wie du schon sagtest -innen. Wie kannst du ihn nur ertragen?«

»Ich ertrage alles«, sagte der Bleichmann.

»Weißt du, was ich glaube?« sagte Arnie. »Ich glaube, er kann mehr, als nur die Zukunft vorhersagen. Ich glaube, er beherrscht die Zeit.«

Die Augen des Bleichmannes trübten sich. Er zuckte die Achseln.

»Stimmt's nicht?« beharrte Arnie. »Paß auf, Heliogabalus, du schwarzer Bastard; das Kind hat mit dem gestrigen Abend Schindluder getrieben. Ich weiß es. Er hat alles vorhergesehen und sein Glück damit versucht. Wollte er, daß er nicht stattfindet? Er hat versucht, die Zeit anzuhalten.«

»Vielleicht«, sagte Helio.

»Das ist wirklich ein Talent«, sagte Arnie. »Durchaus möglich, daß er nach Belieben in die Vergangenheit zurück kann und fähig ist, die Gegenwart zu ändern. Wenn du weiter mit ihm arbeitest, achte darauf. Hör mal, hat diese Doreen Anderton heute morgen angerufen, oder ist sie vorbeigekommen? Ich möchte mit ihr sprechen.«

»Nein.«

»Hältst du mich für verrückt? Wegen dem, was ich über dieses Kind und seine etwaigen Fähigkeiten denke?«

»Die Wut treibt Sie an, Herr«, sagte der Bleichmann. »Ein Mann, den die Wut antreibt, kann in seiner Leidenschaft über die Wahrheit stolpern.«

»Was für ein Quatsch«, sagte Arnie empört. »Kannst du nicht einfach ja oder nein sagen? Mußt du immer so blödes Zeug daherreden?«

Helio sagte: »Herr, ich werde Ihnen etwas über Mr. Bohlen verraten, dem Sie doch gern eins auswischen möchten. Er ist sehr vergrätzlich ...«

»Verletzlich«, berichtigte Arnie ihn.

»Danke. Er ist zerbrechlich und leicht verwundbar. Es dürfte eine Kleinigkeit für Sie sein, ihn abzuservieren. Aber er hat einen Glücksbringer, den ihm jemand geschenkt hat, der ihn sehr schätzt, oder vielleicht waren es auch mehrere. Eine Wasserhexe der Bleichmänner. Sie könnte ihm völlige Sicherheit gewähren.«

Nach einer Pause sagte Arnie: »Wir werden sehen.«

»Ja«, sagte Helio in einem Ton, den Arnie noch nie bei ihm gehört hatte. »Wir werden abwarten müssen und schauen, welche Kraft noch in solchen alten Gebilden steckt.«

»Der lebende Beweis dafür, daß dieser Mist einen Dreck wert ist, bist doch du selber. Du ziehst es vor, hier Befehle von mir entgegenzunehmen, mir mein Essen zu bringen, den Boden zu fegen und meinen Mantel aufzuhängen, statt wie damals, als ich dich fand, in der Marswüste umherzustreunen. Da draußen, wie ein verendendes Tier, das um Wasser bettelt.«

»Hmm«, murmelte der Bleichmann. »Vielleicht.«

»Und vergiß das bloß nicht«, sagte Arnie. Sonst findest du dich eines Tages da draußen wieder, mit deinen Paka-Eiern und deinen Pfeilen, wie du auf dem Weg ins Nichts, ins absolute Nichts dahinstolperst, dachte er bei sich. Ich erweise dir einen großen Gefallen, indem ich dich hier wie einen Menschen leben lasse.

*

Am frühen Nachmittag bekam Arnie Scott eine Nachricht von Scott Temple. Er legte sie in sein Dechiffriergerät, und bald lauschte er dessen Worten.

»Wir haben das Gelände von diesem Typen gefunden, Arnie, draußen in den FDR-Bergen. Er war nicht da, aber eine Zubringerrakete war gerade gelandet; eigentlich haben wir den Laden so überhaupt erst aufgespürt - wir sind der Spur der runterkommenden Rakete gefolgt. Na, jedenfalls hatte der Kerl eine riesige Lagerhalle voller Delikatessen; wir haben alle Leckereien abgegriffen, und jetzt lagern sie in unserem Speicher. Dann haben wir ihm eine A-Waffe vom Saat-Typ hingesetzt und das ganze Gelände samt Schuppen und umliegender Gerätschaften in die Luft gejagt.«

Hat sich gelohnt, dachte Arnie.

»Und genau wie du es wolltest, haben wir ihm, damit ihm auch klar ist, mit wem er es zu tun hat, eine Nachricht dagelassen. An die Ruine des Landeplatzturms haben wir einen Zettel gesteckt, mit den Worten: Arnie Kott steht nicht auf Typen wie dich. Wie findest du das, Arnie?«

»Finde ich prima«, sagte Arnie laut, obwohl ihm das Ganze ein bißchen - wie war noch das Wort? -abgedroschen vorkam.

Die Nachricht ging weiter: »Und wenn er zurückkommt, wird er sie gleich vorfinden. Ich dachte -ist nur so eine Idee, du kannst sie gern korrigieren -, daß wir im Lauf der Woche mal dort hinfliegen sollten, nur um sicherzugehen, daß er nicht alles wieder aufbaut. Manche von diesen unabhängigen Unternehmern sind nicht ganz bei Trost, wie diese Knilche letztes Jahr, die versucht haben, ihr eigenes Telefonnetz einzurichten. Jedenfalls glaube ich, daß die Sache damit ausgestanden ist. Und übrigens - er hat das alte Zeug von Norb Steiner benutzt; wir haben dort Unterlagen gefunden, mit Steiners Namen drauf. Du hattest also recht. Nur gut, daß wir dem Typen gleich auf die Pelle gerückt sind, er hätte uns echt gefährlich werden können.«

Die Nachricht endete. Arnie legte eine Spule auf sein Chiffriergerät, setzte sich ans Mikro und antwortete.

»Scott, das hast du gut gemacht. Danke. Ich hoffe, das war das letzte, was wir von dem Kerl gehört haben, und ich bin auch einverstanden damit, daß du seine Vorräte konfisziert hast; wir können das alles brauchen. Komm doch irgendwann abends auf einen Drink vorbei.« Er hielt den Mechanismus an und spulte das Band zurück.

Aus der Küche drang unaufhörlich die gedämpfte Stimme von Heliogabalus, der Manfred Steiner laut vorlas. Das zu hören machte Arnie ganz irre, und dann kam Ärger auf den Bleichmann in ihm hoch. Wieso hast du zugelassen, daß ich mit Jack Bohlen aneinandergerate, wenn du die Gedanken des Kindes lesen kannst? wollte er wissen. Wieso hast du nichts gesagt?

Er spürte brennenden Haß gegenüber Heliogabalus. Auch du hast mich betrogen, sagte er sich. Genau wie die anderen, Anne und Jack und Doreen; alle.

Er ging zur Küchentür und rief: »Kommt endlich was dabei raus?«

Heliogabalus ließ sein Buch sinken und sagte: »Herr, das erfordert Zeit und Mühe.«

»Zeit!« sagte Arnie. »Himmel noch mal, das ist doch das ganze Problem. Schick ihn in die Vergangenheit zurück, sagen wir um zwei Jahre, und laß ihn den Henry Wallace in meinem Namen kaufen - kannst du das?«