Olgas Plan war kühn. Ich hatte vermutet, sie habe vor, die kosmischen Kreuzer der Verderber in ein Gefecht zu verwickeln. Das war immerhin eine erprobte Methode, Leonid und Allan hatten bereits vier feindliche Schiffe vernichtet, es würde gelingen, auch mit vierzig fertig zu werden, sofern es keinen anderen Ausweg gab. Aber Planeten vernichten…
Die Menschheit hatte Erfahrung bei der Schaffung von Planeten, allein für die Ora hatten zwei Generationen gearbeitet. Ein Kügelchen vertilgen, das etwa fünfmal größer als die Erde war und Tausende Mal mehr Masse besaß… Einen metallischen Planeten, der durch eigene Mechanismen geschützt war, durch eine Flottille galaktischer Schiffe und vielleicht durch die Unterstützung anderer genauso mächtig bewaffneter kosmischer Körper…
Alles sprach zu unseren Gunsten. Die Vorräte an Aktivstoff reichten aus, um jeden beliebigen Planeten zu vernichten, welche Masse er auch haben mochte, ein gleichzeitiger Schlag sämtlicher Annihilatoren wäre so stark, daß ein Planet augenblicklich zerfiele, wir brauchten nur nah genug heranzufliegen.
»Ich wiederhole: Andere Chancen, hier herauszukommen, gibt es nicht!« sagte Olga. »Noch ein Dutzend Kreise in dem Sternhaufen, noch zwei Dutzend Vorstöße gegen die Zähne ihrer Krümmung, und wir werden eine Beute der Räuber. Olga erhielt die geforderten Vollmachten für eine kosmische Schlacht.
23
Wir jagten nicht mehr dahin, den Raum vor uns gewaltig aufwickelnd, sondern schleppten uns am Grunde des Überlichtbereichs fort. Nur noch ein paarmal abbremsen, dann gerieten wir auf die andere Seite der Lichtbarriere, wurden für jeden Beobachter mit Teleskop sichtbar. Ich dachte wirklich.
Olga habe vor, im Bereich unterhalb der Lichtgeschwindigkeit aufzutauchen, das Schiff in einen gewöhnlichen Körper zu verwandeln, der den Gesetzen der elementaren Mechanik unterliegt. Aber sie verfolgte andere Ziele.
Von fern wirkte unser Sternenflugzeug wahrscheinlich wie ein Materieklümpchen der Verzweiflung und Willenlosigkeit, das sich fast ohne Energie mal hierhin, mal dorthin warf. Aber wie wir uns auch warfen und die Richtung ändern mochten, die Raumkrümmung gab uns die Flugbahn zum Drohenden auf.
Zum dritten Mal wurden wir zu ihm hingetragen.
Irgendwelche ungeheuerlichen Mechanismen arbeiteten emsig, brachten den Kosmos durcheinander, damit wir in den aufgerissenen Schlund schlitterten.
Und Olga führte das Sternenflugzeug gehorsam die vorgeschriebene Bahn entlang, sie unternahm nicht einmal den Versuch, seitlich auszubrechen. Mir stockte der Atem, als ich sah, wie rasend schnell der rote Drohende größer wurde.
Willenlos flog das Schiff, bis die Raumkrümmung durch die Raumvernichtung abgelöst wurde. Wieder schnellte vorn Drohenden ein raumannihilierende Kegel heraus, und wir wurden angesaugt. Unser Sternenflugzeug zuckte zurück, als wäre es zur Besinnung gekommen. Erneut wurden wir in den Schraubstock der nichteuklidischen Metrik genommen. Mit jedem Mal wurden die Aktionen des Feindes sicherer, doch unser Widerstand ließ nach.
Schließlich trat der Augenblick ein, da die Leistungsfähigkeit des Sternenflugzeugs nicht ausreichte, um aus dem Kegel, der es umschlossen hielt, auszubrechen. Von den Lichteinheiten, die durch die Feinde generiert wurden, löschten wir durch Rückwärtsbewegung zunächst vierundzwanzig, dann zwanzig, fünfzehn, zehn…
Wir kämpften verzweifelt. Bald hatten wir keine eigene Geschwindigkeit mehr, der fremde Wille hatte uns völlig in der Gewalt. Und es wurde klar, wohin man uns zog. Der Drohende war von unserer Flugachse abgewichen. Wir wurden zum Goldenen Planeten dirigiert – zum Stützpunkt der feindlichen Kreuzer, dem Schlag ihrer Gravitationsmechanismen entgegen.
Wenn man in diesen schweren Augenblicken von Erleichterung sprechen durfte, so empfand ich Erleichterung. Auf dem Goldenen Planeten konnte außer den Verderbern mit ihrer Vorliebe für große Schwerkraft nichts Lebendiges existieren. Keinem ihrer Gefangenen drohte die Vernichtung.
Olga riß mich vom Vervielfacher los. »Was gibt es zu sehen, Eli?« Da sie die Arbeit der Schiffsmechanismen leitete, griff sie selber selten zum Fernrohr.
»Immer dieselben Kreuzer.«
»Kommen sie uns entgegen?«
»Im Überlichtbereich ist der Raum sauber.«
»Sie werden bald angestürzt kommen. Der Goldene Planet verringert die Annihilation. Offenbar meinen sie, man brauche uns nicht mehr beschleunigt zur Schlachtbank zu treiben. In ein paar Minuten werden sie sich überzeugen, daß sie uns zu früh begraben hatten.«
Olga schaltete die Fahrtannihilatoren ein und raste genau auf den Goldenen Planeten zu.
Was vorher geplant worden war, blieb weit hinter dem zurück, was Olga so kaltblütig und entschlossen tat.
Das Schiff hatte bereits sechstausend Lichteinheiten erreicht, und die Geschwindigkeit nahm ständig zu, wir griffen an, siebentausendmal schneller als das Licht.
Und da bemerkten wir, daß die Verderber ihren Fehler erkannt hatten. Im Überlichtbereich erschienen zehn uns entgegenjagende Pünktchen. Mit Hilfe von Raumwellen orteten wir sie genau. Ich war überrascht über den Mut unserer Feinde.
Die Verderber waren tapfer. Sie hätten von dem Planeten wegfliegen können, der dem Untergang geweiht war. Die Besatzungen der Kreuzer hätten ihr Leben retten können, dazu waren sie schnell genug, dazu reichte auch noch die Zeit. Statt dessen stürzten sie sich in den sicheren Tod, um zu versuchen, von denjenigen die Vernichtung abzuwenden, die auf dem Planeten geblieben waren.
Äußerste Erregung ergriff mich, als ich die todbringenden Punkte auf uns zukommen sah. »Olga, greif an!« rief ich. »Zu früh!« antwortete sie. »Zu früh, Eli!«
»Greif an!« flehte ich, von Angst gepackt. »Begreif doch, sie überholen die eigenen Gravitationsschläge! Jede Sekunde des Zögerns bedeutet neue Überlastungswellen, die dann über uns hereinbrechen!«
»Die Gravitatoren schwächen sie ab!« sagte sie unbeirrt. »Ich darf nicht zu früh angreifen, weil ich den Planeten auf der Achse behalten will. Der Planet versperrt mir den Ausgang in die Freiheit, nicht die Schiffe.«
Die galaktischen Kreuzer des Gegners nahmen Gestalt an. Sie waren Stunden Lichtweges entfernt, Sekunden unseres rasenden kosmischen Laufs. Und in diesem Augenblick schaltete Olga die Kampfannihilatoren ein. Sofort zerflossen die Körper auf den Raumwellenbildschirmen zu Nebel, wirbelten auf, verschmolzen zu einem funkelnden Fleck. Als wir hindurchjagten, erblickten wir in der Optik zehn hell aufflammende und sogleich verlöschende Sterne. Die Flottille des Feindes existierte nicht mehr.
Jetzt sahen wir in der Optik nur den langsam größer werdenden, zum Untergang verdammten Goldenen Planeten, der, wie die Geräte zeigten, verzweifelt Schwerefelder zu seinem Schutz generierte Dann brachen wir in den Streifen der Gravitationssalven ein, welche die vernichteten Kreuzer abgefeuert hatten, und es erwies sich, daß unsere Gravitatoren nicht imstande waren, sie abzuwehren. Ich wurde zusammengepreßt, stöhnte, neben mir stöhnte Oshima, Leonid fluchte. Diese erste Welle war die schwächste, die Kreuzer hatten sie vor ihrer Vernichtung ausgestoßen, als ihre Geschütze offenbar nur noch vermindert leistungsfähig waren. Bestimmt hatten die Verderber gewußt, daß ihre Schläge schwächer wurden, und bei ihrem Weiterflug lediglich ein Ziel verfolgt den frontalen Zusammenstoß, die gegenseitige Vernichtung.
Dagegen war die zweite Überlastungszone so gewaltig, daß mir der Atem fehlte, um zu stöhnen Ich wurde gequetscht, rasender Schmerz zerriß mir die Körperzellen. Neben mir röchelte Leonid am Boden, er hatte das Bewußtsein verloren, vielleicht war er schon tot. Nur Olga, die sich an die Sessellehne klammerte, gelang es, ihre Kräfte zusammenzuhalten. Sie wußte, daß sie bei klarem Verstand bleiben mußte, und sie blieb es.