»Olga!« sagte ich heiser und versuchte mich aufzurichten. »Olga, der dritte Schlag… !«
»Halte aus, Eli!« rief sie keuchend. »Haltet aus, Freunde! Gleich vernichten wir sie!«
Die dritte Überlastungswelle brach in dem Moment auf uns herein, als ich den verfluchten Goldenen Planeten zerfallen sah. Eine riesige Scheibe flammte im Überlichtbereich auf und zersprang. Fetzen wurden zu Nebel. Doch in der Optik erblickten wir eine gigantische Explosion, eine Flammensäule, die aus dem Innern des Planeten aufschoß.
Olga hatte genau gerechnet, erbarmungslos hatte sie den Schlag geführt. Alles war im Bruchteil einer Sekunde zu Ende. Der entsetzliche Planet, der uns mit seinen ungeheuren Gravitationsmechanismen den Ausgang aus dem Sternhaufen versperrt hatte, war nicht mehr. An seiner Stelle gähnte ein neues Loch im All, ein Durchbruch im kosmischen Raum. Bevor mir die dritte Gravitationswelle, die zu spät herangeflogen war, als daß sie die Verderber hätte retten können, das Bewußtsein raubte, sah ich als letztes den Drohenden, der weit zur Seite fortgetragen worden war und sich wieder in einen rötlichen Punkt verwandelt hatte, sah ich den klaren Himmel, an dem ferne Sterne leuchteten, die prächtige Milchstraße – die gigantische Weite des Universums.
Aus dem Sternengefängnis, das uns beinahe zum Grab geworden wäre, waren wir in die Freiheit ausgebrochen, in den Kosmos.
Dritter Teil
- Die Erde -
1
»Eli!« rief mich eine Stimme. »Eli! Eli!«
Ich wollte antworten, wollte sagen, daß ich lebe.
Vielleicht bin ich erblindet, ansonsten ist alles in Ordnung, wollte ich der Stimme zurufen. Ich stehe gleich auf, ruft nicht so verzweifelt, ich ertrage es nicht! Laßt mich, bat ich schweigend.
Damals schien mir, meine Gedanken wären klar.
Da ich jetzt die Aufzeichnungen meiner Gehirnstrahlungen durchsehe, erkenne ich, daß mein Verstand kaum flackerte, nur dunstiges Glimmen formlosen Fieberwahns erhellte ihn. Zehnmal starb ich, zehnmal holte man mich zum Leben zurück, bis ich mich selbst zuerst unsicher, dann immer hartnäckiger daran zu klammern begann. »Eli!« flehte die Stimme. »Eli! Eli!«
Sie verließ mich nicht. In der finsteren äußeren Welt war nichts außer dieser Stimme, sie war diese ganze Welt. Eine enge, schreiende, unruhige Welt.
Und schließlich reagierte ich auf ihren Ruf. Ich öffnete die Augen.
An meinem Bett saßen Olga und Oshima. Sie blickten mich an. »Er kommt zu sich«, flüsterte Olga.
Ich schloß die Augen wieder. Es hatte mich ungeheure Mühe gekostet, die Panzerplatten der Lider zu heben. Ich mußte mich von der Anstrengung erholen. Aber die Stimme drängte. »Eli! Eli!« Ich stöhnte.
»Hör auf!« flüsterte ich und öffnete die Augen erneut.
Olga weinte leise. Oshima wischte sich die Tränen Die äußere Welt weitete sich und verstummte.
»Freunde!« sagte ich und versuchte, mich aufzurichten.
»Bleib liegen!« bat Olga. »Du darfst dich nicht bewegen, Eli.«
Ich hatte plötzlich Angst. Mir fiel der Drohende ein. Ich mußte mich vergewissern, daß wir uns von der schrecklichen Gruppe x im Perseus entfernten.
»Bleib liegen!« sagte Olga und streichelte meine Hände. »Du würdest nichts erkennen. Wir sind weit weg von der Stelle.«
Ich vernahm noch, daß es bis zu den Sternhaufen im Perseus dreitausend Lichtjahre waren, dann verlor ich abermals die Besinnung.
So begann meine Genesung.
2
Ich hatte am meisten abbekommen. Die dritte Gravitationswelle war stark gewesen, doch die anderen hatten keine Quetschungen und Knochenbrüche erlitten. Acht Mann waren ohnmächtig geworden, unter ihnen Leonid sie kamen zu sich, als das Sternenflugzeug die Weite gewann.
»Mir schwanden ebenfalls die Sinne,« sagte Olga »Als ich sah, in welchem Zustand du warst Ich erinnerte mich, wie du gebettelt hattest, mit den Kreuzern möglichst rasch abzurechnen…«
Ich scherzte: »Jedenfalls sind wir mit den Verderbern auch höchst verderblich umgesprungen. Jeder in dieser abscheulichen Gruppe zittert bei dem Gedanken, wir könnten zurückkehren.«
»Warum nennst du die Gruppe abscheulich? Hast du nicht gesagt, sie sei schön? Und nicht alle ihre Bewohner denken furchtsam an unsere Wiederkehr. Wir haben Freunde dort.«
»Meinst du die Galakten?«
»Ja, Eli. Entsinnst du dich der inaktiven Sterne, von denen uns die Verderber so energisch abdrängten?«
»Also bewohnen die Galakten diese Sterne?
Stimmt das?«
»Du wirst dich selbst davon überzeugen, wenn du dich mit den von der Schiffsmaschine bearbeiteten Informationen vertraut machst. Und es gibt mehr freundliche Sterne in den Perseusgruppen als von Verderbern besiedelte. Anders verhält es sich mit dem interastralen Raum der wird anscheinend uneingeschränkt von den Verderbern beherrscht. Leider sind unsere Empfänger nicht stark genug, bei zunehmender Entfernung riß die Raumwellenverbindung ab.«
3
Im Observationssaal hing der Rückkehrplan: eine leuchtende Linie unser Weg zur Erde; ein darauf entlangkriechender roter Punkt unser Sternenflugzeug. Der rote Punkt näherte sich dem Ende der leuchtenden Linie, elf Monate trennten uns von den Sternhaufen des Perseus, fast fünftausend Lichtjahre. Zwei Drittel des zurückgelegten Weges war ich ohne Bewußtsein gewesen. Einen Monat später landeten wir auf der Ora.
4
Als in der Optik die Ora erschien, waren wir im dritten Jahr unserer interastralen Odyssee. Allerdings war das ein Bild der Vergangenheit, das sich fortwährend änderte die Vergangenheit näherte sich der Gegenwart.
Denkt man darüber nach, erscheint es einem seltsam: Gewöhnlich tritt die Gegenwart zurück und wird Vergangenheit. Hier war es umgekehrt:
Die Vergangenheit wurde Gegenwart.
Als uns noch etwas mehr als ein Lichttag von der Ora trennte, tauchte die »Raumfresser« aus dem Überlichtbereich und setzte den Flug im unzerstörten Raum als gewöhnlicher materieller Körper fort. Erst da wurden wir entdeckt. Ein Sternenflugzeug eilte uns entgegen. Wir stellten bald fest, daß es die »Steuermann« war. Nach wie vor wurde sie von Allan befehligt. Von weitem überschüttete er uns mit Begrüßungsdepeschen, fragte an, was sich ereignet habe während unserer Fahrt, ob wir André aufgespürt hätten. Die Frage nach André beantworteten wir sofort, alles übrige wollten wir erzählen, wenn wir uns gegenüberstanden. Er drohte, in die Überlicht-Unsichtbarkeit zu springen, um schneller bei uns zu sein. Unter allgemeinem Gelächter funkte Olga: »Spring nur! Dein Schiffchen werden wir trotzdem sehen!«
Als die Sternenflugzeuge auf parallelem Kurs lagen, übertrug Allan das Kommando seinem Gehilfen und wechselte zu uns über.
Wir führten ihn in den Klub. Dort hatte sich die gesamte Besatzung versammelt.
Allan nahm in einem Sessel Platz und betrachtete uns mit strahlenden Augen.
»Wie geht’s den Kosmonauten und dem Engel auf der Erde?« fragte Olga.
..Prächtig! Trub fühlt sich wie im Paradies, nur die kleinen Kinder fürchten sich vor ihm, sein Flügelschlag ist ein bißchen zu geräuschvoll – das ist das einzige, was ihm Kummer bereitet. Die Jungs veranstalten Wettflüge mit ihm, natürlich kann er es den Aviettes nicht gleichtun. Die Kosmonauten werden umgeschult man bildet sie zu Kapitänen für Sternenflugzeuge aus. Vor Bräuten können sie sich kaum retten, unheimlich, wieviel Mädchen sich in sie verliebt haben! Es sind wunderbare Burschen, jünger als jeder von uns, und dabei haben sie doch über vierhundert Jahre auf dem Buckel meiner Ansicht nach reizt das die Mädchen.«