Während ich zuhörte, versetzte ich mich in Gedanken zum Perseus. Wieder erblickte ich den Goldenen Planeten. Irgendwie erinnerte er an den Pluto war genauso eine kosmische Werkstatt. Zwar wurden dort nicht Sternenflugzeuge hergestellt, aber er veränderte die Krümmung der ihn umgebenden Welt, er verstand es, ihre Weiten als Materie zusammenzuwickeln – er ruhte nicht im Raum wie unsere Planeten, sondern veränderte ihn! Wieviel tausend derartige Planeten gegen einen Pluto? Und auf allen wurde mit Hochdruck gearbeitet; die verfluchten Augenköpfigen versuchten, unsere Fähigkeit zu übernehmen, Materie in Nichts zu zerstäuben, wie wir von ihnen die Fähigkeit übernommen hatten, die Dichte dieses Weltennichts zu ändern. Für ihren wissenschaftlichen Scharfsinn war das keine allzu schwierige Aufgabe, sie beeilten sich… Was wäre, wenn unserer Flotte neugeschaffene Annihilatoren entgegendonnerten?
»Vorläufig sind wir ihnen weit voraus«, sagte Wera, »und wir dürfen nicht zögern, unseren Vorsprung auszunutzen.«
»Du sagtest, der Sieg im Krieg ist erst der Anfang?« »
»Ja, der Anfang. Zuerst zwingen wir sie mit Gewalt, ihre Bestialitäten einzustellen, dann beziehen wir sie nach und nach in die Assoziation der freien und vernünftigen Wesen der Galaxis ein. Du hast selbst gesagt, daß sie arbeitsam und unerschrocken und ihre technischen Errungenschaften gewaltig seien. Würde man uns nicht Vorwürfe machen, wenn wir solch ein Volk für immer von der weltweiten Zusammenarbeit ausschlössen?«
»Ich sehe keine Wege, um mit ihnen zusammenzuarbeiten!«
»Gestern hast du die Verderber selbst noch nicht gesehen. Wenn wir gleich immer alles sehen könnten, gäbe es keine Entwicklung. Ich glaube nicht an Verbrechen, die aus Liebe zum Bösen begangen werden. Wenn die Verderber Verbrecher geworden sind, dann sind ihre Verbrechen folglich vorteilhaft für sie – das ist der Grund!«
»Hast du vor, eine andere Methode zu finden, um die Bedürfnisse der Verderber zu befriedigen?«
»Vergiß nicht, nach der Vereinigung der Erde, als keiner mehr ausgebeutet wurde, lebte die Menschheit insgesamt noch lange auf Kosten anderer, freilich unvernünftiger Wesen. Ist es bei den Verderbern nicht ähnlich? Sie unterjochen ihre Nachbarn, weil das eine leichte Methode für sie ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Vielleicht finden wir andere Wege, sie zu befriedigen, sofern diese Bedürfnisse lebensnotwendig sind!«
»Willst du mit deinen Überlegungen die Missetaten der Verderber rechtfertigen?«
»Keineswegs. Verstehen bedeutet nicht rechtfertigen. Man kann verstehen und verurteilen. Die Sklaverei wird nicht moralisch, weil der Sklave seinem Herrn Nutzen bringt. Ein Übel hat seinen Wipfel und seine Wurzel. Hackt man den Wipfel ab, ohne die Wurzel zu roden, können neue Triebe sprießen.
Wir werden die Verderber zwingen, sich zu unterwerfen, werden ihre Gefangenen befreien – so hacken wir den Wipfel des von ihnen hochgezüchteten Bösen ab. Danach werden wir beseitigen, woraus das Böse entstand, und zu dem Zweck müssen wir herausfinden, welche Wurzeln es genährt haben.
Wenn die Verderber die Gewebe lebendiger Organismen benutzen, um ihr eigenes Leben funktionstüchtig zu halten, dann sollen sie mit der Produktion synthetischer Gewebe und Organe befassen, wir wollen ihnen dabei gern helfen.«
»Eins sage ich, es ist nicht einfach, Teufel in Engel zu verwandeln.«
»Wie es auch nicht einfach ist, Engeln menschliche Lebensart beizubringen. Doch wir müssen uns damit abgeben.«
Wie schön sie doch war, unsere sympathische grüne Erde!
9
Den ganzen Vormittag streifte ich durch die Straßen der Hauptstadt. Ich saß vor dem Haus mit dem vorspringenden Dach am Erdgeschoß, wo ich während meines letzten Hauptstadtaufenthalts vor, dem Regen Schutz gesucht hatte.
Jemand setzte sich neben mich. Zunächst beachtete ich meinen Nachbarn nicht, dann wandte ich mich um. Neben mir saß Mary Glun.
Ich hatte sie nicht so hübsch in Erinnerung.
Allein die breiten Brauen harmonierten nicht mit ihrem feinen Gesicht. Aber sie wölbten sich über so dunklen, nachdenklichen Augen, daß das Mißverhältnis nicht auffiel. Schon bei unserer ersten Begegnung hatte ich ihre dunklen Augen bemerkt, doch damals hatte ich den Eindruck, sie wären zorndunkel.
»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen«, sagte Mary. »Ich weiß nicht, warum ich in Kairo auf diesem Platz so grob zu Ihnen war. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, mich unbedingt zu entschuldigen, falls wir uns treffen sollten. Aber Sie flogen zur Ora, nachher zu den Plejaden und zum Perseus…
Nun sind Sie wieder da, und ich habe mich entschuldigt!«
Sie erhob sich, doch ich hielt sie zurück. Ich wollte scherzen.
»Wissen Sie eigentlich, daß ich vor meinem Abflug die Auskunftsmaschine nach unserer gegenseitigen Tauglichkeit befragt habe?«
Mary wollte durchaus nicht verlegen werden. »Ja, ich weiß es. Ich weiß auch, daß wir in keiner Hinsicht zusammenpassen. Alles Gute, Eli.«
Ich versuchte nicht mehr, sie zurückzuhalten.
Was sie von der Auskunftsmaschine erzählt hatte, war Schwindel, die Beschützerinnen geben persönliche Geheimnisse nicht preis. Dann sagte ich mir, Mary habe sich ihrerseits nach mir erkundigt und wisse daher, wie wenig wir einander entsprachen.
Ebendeshalb entfernt sie sich, damit ich nicht ihr kleines Geheimnis durch Fragen entdeckte. Es tat mir leid, daß sie gegangen war.
Von der Höhe des Zentralen Ringes war die Hauptstadt gänzlich zu übersehen. Der Tag war klar, an solchen Herbsttagen rückt die blaue Ferne greifbar nahe heran. Im Winter hatte ich auf Skiern die dreißig Kilometer lange Magistrale auf dem Rücken des Zentralen Ringes durchmessen, im Sommer war ich hier spazierengegangen, nichts war mir fremd, und doch war mir, als sähe ich die Hauptstadt zum erstenmal wirklich.
Wie einfach die große Stadt angelegt ist. Drei Ringe schneiden, von der Museumsstadt ausgehend, vierundzwanzig Magistralen. Die ganze Hauptstadt erschöpft sich in der Verflechtung von drei Ringen und Radien, die durch die Ringe gezogen sind.
Von Romero erfuhr ich die Geschichte der Hauptstadt. Nach dem vollständigen Sieg des Kommunismus begann man nach allem Hervorragenden zu forschen, was begabte Menschen in der Epoche der Klassentrennung ersonnen hatten. Das bezog sich auf Projekte von Maschinen, auf die Umgestaltung der Natur, auf große Bauarbeiten und dergleichen, und unter diesem »dergleichen« auf Architekturvorhaben. Jemand entdeckte ein Heft mit Entwürfen des damals bereits verstorbenen Boris Land, eines Architekten, der Wohnhäuser projektiert hatte, Sporthallen und Stadien. Boris gehörte allem Anschein nach zu denen, die »begabter Pechvogel« genannt wurden. Tagsüber erarbeitete er Standardgebäude, und nachts entwarf er phantasiereiche Städte. Unter seinen eindrucksvollen Phantasien war eine Stadt für zweihunderttausend Einwohner ein Hochhaus, von einem Park umgeben. Seine Hausstadt konnte mit den Mitteln des ersten Jahrhunderts des Kommunismus mühelos errichtet werden. Und obwohl bereits damals klar war, daß sich die Gigantenstädte überlebt hatten, beschloß die Menschheit, eine Hauptstadt als Denkmals- und Arbeiterstadt zu bauen, die letzte konzentrierte Stadt der Erde, die erste, die alle Bequemlichkeiten barg, nach denen die Menschen verlangten. Innerhalb der Ringgebäude waren Werke und Lagerhallen untergebracht. Außen hingegen erhoben sich in Terrassen die Wohnmassive, von Parks getrennt. Die Vorzüge wurden bald zu Mängeln.
Zunächst erwiesen sich die prächtigen Chausseen, die sich innerhalb der Gebäude in jedem zwanzigsten Stockwerk entlangzogen, als unnötig. Es kamen zentrale Sicherheitsmaschinen mit Beschützerinnen auf, Elektromobile und Trolleybusse waren gestorben. Niemand wollte auf einer Chaussee fahren, wenn die Möglichkeit bestand, risikolos durch die Luft zu jagen und dort Purzelbäume zu schlagen.