Wie immer waren die Schneewolken rechtzeitig vorbereitet worden. Sie wurden über dem nördlichen Stillen Ozean zusammengepreßt. Weil es mich interessierte, flog ich mit einer kleinen Reiserakete hin, doch auf Kamtschatka kletterte ich in eine Seeaviette. Die Beschützerin hatte mir geraten, ich sollte mich möglichst warm anziehen, doch ich mißachtete ihren Rat und bereute es tief. In den Wolkenmassen war es höllisch kalt.
Ringsum erstreckte sich ein undurchdringlich weißer Schleier, der mehr Ähnlichkeit mit knisternder Watte hatte als mit dem feuchten Nebel von Sommerwolken. Mir war neu, daß man nicht nur die Feuchtigkeit vorbereitete, sondern auch den Schnee die Wolken waren aus feinsten Eisstückchen zusammengepreßt, die nur ein wenig größer zu werden brauchten, um Schneeflocken zu bilden.
Romero ging auf einer kleinen Lichtung nieder, nacheinander landeten wir und bildeten mit unseren Aviettes einen Halbkreis.
»Hier ist es richtig!« sagte Romero. Er stapfte hin und her. »Der Schnee ist für sechzehn Uhr angesetzt, wir haben also vier Stunden Zeit. Fachen wir indessen ein Feuer an und bereiten das Essen zu. Heute werden wahrscheinlich viele zum erstenmal im Leben Speisen und Getränke kosten, die nicht von den Elektronenhänden der Automaten berührt wurden. ,Wir wollen wie unsere Vorfahren sein!‘, das sei unsere Devise heute.«
Zum Schaschlykbereiten hatte Pawel Albert angestellt, der reihte abwechselnd Fleisch und Zwiebeln auf Metallstäbe, die Stäben an Parkgittern glichen.
Es ging auf sechzehn Uhr, der Himmel senkte sich immer tiefer herab. Dichte dunkle Wolken eilten dahin, jeden Augenblick konnte es zu schneien anfangen. Die Eichen, die die Lichtung und das Feuer umstanden, streuten rötliche Blätter aus, von den abwärts ziehenden Luftströmen wurden sie zum Feuer gesaugt, von den aufsteigenden emporgeschleudert.
Die Blätter tanzten über dem Feuer wie ein Schwärm langsamer Schmetterlinge.
Fünfzehn Minuten vor vier forderte uns Romero auf, die Gläser zu nehmen. Er öffnete die Flaschen.
Die Korken waren versteinert in den Hälsen, eine Flasche zerbrach, von anderen schlug er die Hälse mit einem Stein ab. Der Wein verströmte herben Duft, der zugleich angenehm und unangenehm war.
Ich bemerkte, daß auch die anderen verstohlen an dem Getränk schnupperten, bevor sie einen Schluck tranken.
Die Beschützerin übertrug jedem den feierlichen Stundenschlag, und während wir schweigend lauschten, erhoben wir auf Romeros Geheiß die Gläser.
»Der Winter naht, Freunde! Auf einen guten Winter!«
Der erste, noch großflockige Schnee fiel, und wir tranken den Wein aus. Ich kann nicht sagen, daß er mir schmeckte. Er brannte im Mund wie Säure, obwohl er eher süß als sauer war. In alten Zeiten hatte man den Wein gekaut, doch ich spürte, daß mir schlecht würde, wenn ich ihn lange im Mund behielt, und stürzte ihn hinunter. Albert schnitt ein Gesicht, als hätte er eine Kröte verschluckt.
Leise sagte ich, damit Mary es nicht hörte: »Ich weiß nicht, wie unsere Vorfahren gegessen haben, aber was sie getrunken haben, schmeckt nicht.«
Er flüsterte: »Gegessen haben sie noch schlimmer.
Ich habe ein Stückchen Schaschlyk probiert abscheulich. Von Fleisch keine Spur.«
Es schneite indessen immer heftiger, die Flocken waren kleiner geworden. Der Himmel war dunkel, hell schimmerte die Erde. Ich schwankte und wäre beinahe ins Feuer gestürzt. Entsetzt schaute ich mich um. Hatte niemand gesehen, wie mich plötzlich die Kräfte verließen? Jeder war mit sich beschäftigt, niemand blickte mich an. Das Feuer kämpfte gegen den Schnee, die Zweige warfen Blasen, der Rauch stand wie ein Schutzdach, am Boden schwelte Glut und züngelten lustige Flämmchen. Ich konnte den Blick nicht vom Feuer lösen.
Jemand begann zu singen, Romero fiel ein. Zuerst schallten die beiden Stimmen, dann gesellten sich Mary und Albert dazu, schließlich sangen alle. Ich sang auch, leise, um die Sänger nicht zu stören, denn ich treffe selten den richtigen Ton. Dann verstummte ich, hörte nur zu und schaute in die Runde.
»Was haben Sie?« fragte Mary. »Sie sehen ja ganz verstört aus! Hat der Wein so schlecht auf Sie gewirkt? Eli, Sie müssen ein Medikament nehmen…«
»Genug!« sagte ich und zog sie hinter mir her »Zu Teufels Großmutter mit diesem Teufelszeug!
Wir fahren! Steig in die Aviette!«
12
Am Morgen weckte mich Albert. Er grinste in der Videosäule. »Wachen Sie auf!« schrie er. »Wie fühlen Sie sich nach der gestrigen Feier?«
»Was ist los?« fragte ich und sprang aus dem Bett.
»Wozu die Eile?«
»Haben Sie vergessen, daß heut die Verbindung zur Ora erprobt wird? Ich rufe Sie aus der Sahara an. Wer von Ihren Freunden soll eingeladen werden?«
»Jeanne, Andrés Frau, und Mary. Ich habe sie übrigens schon eingeladen.«
»Und unser gestriger Gastgeber Romero?«
»Wahrscheinlich ist der schon unterwegs zum Pluto.« Ich zog mich rasch an und lief zum Aerobus, der in die Sahara flog.
Dort war schon alles vorbereitet, um die Verbindung herzustellen. Bei uns würde die RWS-3 die Arbeit aufnehmen, auf der Ora die RWS-2, die wir dorthin geschickt hatten. Nur wenig Gäste waren anwesend, unter ihnen befand sich Jeanne.
Ich geleitete sie in den Saal und setzte mich neben sie. Sogleich bat sie mich, ihr während der Vorstellung die Stellen zu zeigen, wo die Schlachten mit den Verderbern stattgefunden hatten. Ich versprach ihr, mein möglichstes zu tun. Die stille, schlicht gekleidete Jeanne rührte sich nicht mehr von ihrem Platz, nachdem sie einmal saß, obwohl bis zur Inbetriebnahme noch viel Zeit war.
Dann erschien Mary. Lächelnd drückte sie mir die Hand.
Sie war guter Laune. Zum erstenmal sah ich sie so vergnügt.
Albert hatte den Auftrag, die Anlage in Gang zu setzen. Man sagte ihm ungewöhnliche mathematische Fähigkeiten nach. Während der kurzen Zeit unserer Zusammenarbeit hatte ich mich überzeugt, daß das nicht übertrieben war. Zwar rechnete er nicht so schnell wie eine Maschine, aber in der Klarheit der Ideen, die sein Gehirn unaufhörlich hervorbrachte, erinnerte er an André, vielleicht war ich ihm deshalb so zugetan. Albert nahm in seiner Spezialkabine Platz, die hier im Saal hinter uns errichtet war. Vor uns leuchtete ein dunkler Kasten auf, einer Theaterbühne ähnlich, die Stereoempfänger.
»Ein Strahl im Raum«, sagte Albert um zwölf Uhr.
Äußerlich geschah alles ohne Effekte die Erde erbebte und ertönte nicht, die Atmosphäre wurde von keiner Flamme zerteilt, die Sessel zitterten nicht. Aber jeder von uns wußte, daß ein Energiestrom von unerhörter Stärke und Konzentration in den Weltraum schnellte. Nähme dieser Strom eine andere, mehr stoffliche Form an und träte irgendein Planet auf ihn es gäbe nicht einmal eine Explosion, der Planet verschwände einfach, als hätte es ihn nie gegeben. Und allein bei dem Gedanken, daß wir der Freisetzung ungeheurer Kräfte beiwohnten, empfand ich Stolz und Freude. Wenn unsere Bemühungen keine anderen Ergebnisse gebracht hätten, als solche Massen aktiver Energie dem menschlichen Willen unterzuordnen, dann wäre auch das bedeutend gewesen.
»Ein Sternenflugzeug im Strahl«, meldete ein Automat wenig später. »Entfernung der halbe Weg zur Ora.«
»Das ist die ,Steuermann«», rief Albert. »Es sind die Umrisse eines alten Sternenflugzeugs.«
Der Stereoempfänger leuchtete malt, ein einsamer dunkler Punkt bewegte sich in ihm. Das konnte jedes beliebige Sternenflugzeug sein, ob alt oder neu.
»Die Ora im Strahl!« schrie Albert, er kam dem Automaten zuvor.
Die Ora näherte sich, wurde rasch größer im Nebel des Raumbildschirms. Bisher waren das unsere Impulse, die von ihr reflektiert wurden, dann begannen ihre eigenen zu wirken. Wir erblickten den Saal der Empfänge, viele Menschen, unter ihnen Wera, Olga, Allan und Martyn Spychalski.