»Also wie ist es?« sagte Spychalski so feierlich, wie es diesem Ereignis angemessen war. »Eröffnen wir die erste galaktische Schnellübertragung? Die Ora meldet der Erde: Wir sind im Strahl.«
Ich antwortete für alle, die sich in der Station befanden, sowie auch für diejenigen, die in diesem Augenblick auf unserem Planeten zuhörten und beobachteten: »Die Erde umarmt euch herzlich!«
Spychalski berichtete, die Raumwellenstation sei termingemäß aufgestellt und in Betrieb genommen worden, vorher habe man mit Hilfe des ersten Modells Verbindung zu den Sternenflugzeugen und den nahen Gestirnen gehalten. Die Verbindung klappe ausgezeichnet. »Stern spricht unmittelbar mit Stern, Verspätungen gibt es nicht!« sagte er.
Danach widmete er sich den laufenden Sorgen der Ora. Es drehte sich um die üblichen Erfolge und Schwierigkeiten eines gigantischen Bauwerks im Kosmos, wie wird der Plan, neue Planeten zu schaffen und künstliche Sonnen zu montieren, erfüllt, wann wurde wieviel Material auf welchen Stern geliefert, wer von den Besatzungen der kosmischen Schiffe und Bulldozer (so nannte er die Sternen pflüge) ist unter die Besten vorgerückt, wer hinkt nach. Doch für uns, deren Herzen im gleichen Takt mit denen unserer Freunde schlugen, die die Kosmosräume umgestalteten, war jede Kleinigkeit wichtig.
»Die Vorbereitung der Expedition ist beinahe abgeschlossen«, sagte Wera. »Auf fast allen Schiffen sind die Mechanismen eingebaut. Wir teilen dem Großen Rat mit, daß die Galaktische Flotte auf den Befehl wartet, zum Perseus aufzubrechen.«
Zu mir sagte sie: »Und wir warten auf dich, Bruder.«
»Ich bin bald bei euch, Wera«, antwortete ich.
»Bald.«
Albert schaltete die Ora ab. Die erste Übertragung war gezwungenermaßen kurz gewesen. Jet/t mußte geklärt werden, wie weit unsere Mechanismen reichten.
»Ich richte den Strahl auf die Hyaden«, sagte Albert.
Zu den Hyaden war es bedeutend weiter als zur Ora, bis dorthin waren es hundertzwanzig Lichtjahre. Vor uns erschienen nacheinander die Planetensysteme, im interastralen Raum wurden vier von unseren Sternenflugzeugen geortet. Albert lenkte den Strahl von den Hyaden ab und verstärkte die Strahlungsenergie der Mechanismen. Auf dem Raumbildschirm erschienen die Gestirne der Plejaden.
»Dort ist es passiert«, sagte ich zu Jeanne.
»Fünfhundert Lichtjahre Entfernung«, erklärte Albert.
Die Plejaden waren leer. Kein einziges Sternenflugzeug war unterwegs. Die prächtige Ansammlung war tot. Albert lenkte den Strahl ins Zentrum des Sternhaufens, auf die Maja, er leuchtete den Raum aus, wo die Schlacht zwischen dem menschlichen Geschwader und der Flottille des Gegners stattgefunden hatte der Raum war dunkel und öde, der Staub von der kürzlichen Schlacht hatte sich noch nicht zerstreut.
Albert leuchtete den Rand der Gruppe ab. Nacheinander sahen wir die drei Planeten der festlichen hellen Elektra: den nahen rauchumhüllten, den fernen, von ewigem Eis gebannten und den mittleren, die zerstörte Sigma, wo wir André verloren hatten.
Die Sigma war grau und glanzlos, sie wurde nicht mehr vom abendlichen Schein automatischer Leuchten erhellt. Jeanne weinte leise, sie wischte sich nicht die Tränen, um den im Stereoempfänger schwebenden Planeten nicht aus den Augen zu verlieren. Ich war selbst aufgewühlt, als ich den Unglücksplaneten wiedersah. Erneut vernahm ich Andrés letzten verzweifelten Schrei: »Eli! Eli!«
»Versuchen wir jetzt, die Ansammlung im Perseus zu erreichen«, sagte ich zu Albert.
Der entscheidende Moment des Versuchs brach an.
Die Erde schleuderte ihre mächtigen Ortungs- und Rufstrahlen fünftausend Lichtjahre weit hinaus. Jetzt mußte sich erweisen, ob unser Projekt richtig berechnet war oder ob wir eine Niederlage erleiden würden.
Kurze Zeit verstrich in schweigender Erwartung.
Dann entbrannte auf dem Raumbildschirm die prachtvollste Ansammlung unseres Galaxisbezirks, zwei Sternhaufen, ein paar Tausend der hellsten Gestirne… Das Bild kannte ich, genau ein Jahr hatte ich es Tag für Tag im Kommandeursaal des zum Perseus jagenden Sternenflugzeugs betrachtet. Und wieder konnte ich den alten, unheimlichen Eindruck nicht loswerden, als sähe ich Sternenfäuste aufeinanderprallen wie Splitter waren die Sterne auseinandergestoben.
»Er sagte, er habe einen Sternhaufen schreien gehört«, flüsterte Jeanne kummervoll. Auch ich hatte an diesen sonderbaren Ausspruch von André zurückgedacht.
Die Ansammlung schwoll an. Ihre Sterne liefen auseinander, der Ortungsstrahl der Mechanismen drang in ihr Inneres ein. Jetzt waren wir in der Nähe des Drohenden. »Im Überlichtbereich zwei Flottillen Sternenflugzeuge«, meldete der Automat.
Wir erblickten Punkte, die im leuchtenden Nebel des Stereoempfängers langsam dahinzogen. In der ersten Gruppe waren fünf, in der zweiten sieben Schiffe. Wohin wollten sie? Die blockierten Planeten der Galakten angreifen? War es eine übliche Reise in dem von ihnen ungeteilt kontrollierten Raum oder der grimmige Versuch, die inneren Sternfeinde zu vernichten, ehe wir, die äußeren Feinde, kamen?
»Senden Sie die Mitteilung«, sagte ich zu Albert.
Es handelte sich um einen aus wenigen Worten bestehenden Aufruf, er war auf der Erde erörtert, den kosmischen Stationen und Bauobjekten zur Kenntnis gebracht worden, es war der erste Aufruf der Menschheit an die gesamte Sternwelt:
»Hier sprechen die Menschen. Hört uns an, Sternbewohner! Allen Vernünftigen und Gerechten bringen wir Frieden und Wohlstand. Wartet auf uns!«
»Ich sende den Aufruf, während ich den Perseus weiter orte«, teilte Albert mit. »Im dritten Verbindungskanal empfange ich sämtliche Raumwellensendungen.«
Die Kreuzer des Feindes strebten nach wie vor ungestüm irgendeinem Objekt zu, nichts deutete darauf hin, daß sie unsere Botschaft empfangen hatten. Beide Perseusgruppen schwiegen, die Sterne reagierten nicht auf den mächtigen Ruf der Menschheit. In der von unserem Strahl durchdrungenen Sternensphäre blieb das Weltall unerschüttert. Das Schweigen des Kosmos hatte keine Bedeutung.
Die Sterne brauchen Zeit, um über unseren Aufruf nachzudenken. Wichtig war etwas anderes: Wir hatten jetzt eine Methode, um mit den fernen Winkeln der Galaxis so zu sprechen, als säßen unsere Gesprächspartner neben uns. Sie schwiegen noch, aber wir sahen sie schon, und sie hörten uns, bald würden sie antworten!
Es war gelungen, die Erde in das Ohr, das Auge und die Stimme des Alls umzuwandeln!
»Ich schalte die Ortung, die Sendungen und den Empfang auf automatischen Betrieb«, sagte Albert und ließ es im Saal hell werden.
Zu Jeanne sagte ich: »Du hast den Ort gesehen, wo André verschwunden ist, die Orte, wo er jetzt vermutlich schmachtet. Es ist nicht ausgeschlossen, daß unser Aufruf zu ihm dringt und er begreift, daß wir, schon gut vorbereitet, aufbrechen, um ihn zu befreien! Glaub mir, Jeanne, glaub mir, wir brauchen nicht mehr lange zu warten!«
Ich wandte mich nach Mary um. Sie war nicht mehr da.
»Deine Bekannte ging, als sich der Perseus zeigte«, sagte Jeanne. »Sie erhob sich leise und ging hinaus.
Ich wollte dich darauf aufmerksam machen, aber du sahst so gespannt nach den Kreuzern… Bist du traurig, daß sie fort ist, Eli?«
»Kein bißchen«, sagte ich heiter. »Im Gegenteil es freut mich.«
Danach wandte ich mich an Albert: »Also die Anlage ist in Betrieb genommen Entsprechend dem Beschluß des Großen Rates bin ich von diesem Augenblick an frei. Ich wünsche Erfolg. Albert.«
Er drückte mir fest die Hand.
13
Nun blieb nicht mehr viel. Die Sachen waren beizeiten gepackt worden und erwarteten mich auf dem Kosmodrom. In drei Stunden startete der Abendexpreß zum Pluto. Ich rief Mary an. Sie hatte rote Augen, ich erkannte das sogar in der Videosäule.