Sie fuhr zusammen, als ich plötzlich vor ihr aufleuchtete.
»Sie haben versucht wegzulaufen«, sagte ich. »Ich will, daß Sie unverzüglich zu mir geflogen kommen.
Ich brauche Sie sehr, Mary…«
Sie blickte zur Seite, dann sagte sie unwirsch:
»Schön, heut abend. Sofern ich Lust verspüren sollte, Sie zu sehen…«
»Heute abend ist es zu spät, Mary. Ich fliege zur Ora.«
Überrascht schaute sie mir in die Augen, Sie begriff, daß ich nicht scherzte. »Gut, ich rufe eine Aviette.«
Gleichzeitig langten wir auf dem Kosmodrom an.
Ihre Stimmung war erneut umgeschlagen. Jetzt war sie feindselig und gehässig. Sie reichte mir nicht die Hand, offenbar hatte sie vor, mich zum Abschied zu verspotten. »Wir fliegen zum Perseus, und ich will, daß Sie mit uns fliegen.«
Sie schaute so verwundert drein, daß ich lachen mußte. Dann geriet sie in Rage: »Ich gehöre nicht zu denen, die Witze mögen«, sagte sie empört.
»Ich bedaure, daß ich hergekommen bin.«
Ich hielt sie fest. »Das ist kein Witz, Mary.
Noch nie hatte ich einen größeren Wunsch! Was hält Sie auf der Erde? Es wird Ihnen gefallen, das verspreche ich! Auf dem Pluto versorgen Sie sich mit allem, was Sie für die weite Reise brauchen.«
Zweites Buch
Die Invasion im Perseus
Erster Teil
- Die Invasion im Perseus -
1
Alles war Wiederholung, alles war anders.
Ich hatte mich wie ein Entdecker gefühlt, als ich zur Ora flog. Auf den Halbsphären des Raumbildschirms war die Sternenwelt von ungetrübter Helligkeit gewesen. Jetzt jagten wir einen glatten Weg dahin, Dutzende von Schiffen vor und hinter uns. Bekannte Sterne näherten sich uns und erloschen in der Ferne – es gab nichts Neues. Ich eilte zur Ora. Sternentourist wollte ich nicht mehr sein. Ich war jetzt Soldat der größten Armee, die von der Menschheit je aufgestellt war, und würde nicht pünktlich den Gestellungsort erreichen!
»Ich verstehe dich nicht«, sagte Mary und runzelte die breiten Brauen. Gerade hatte ich über die Verzögerung gejammert: Fünfzig startklare Schiffe mußten fast einen Monat auf dem Pluto schmoren, weil an einem Schäden festgestellt worden waren. »Ohne dich fliegt man nicht zum Perseus, wozu regst du dich auf? Und wird die Welt weniger schön, wenn du ihren Anblick schon einmal genossen hast?«
»Sie hört auf, überraschend zu sein«, murmelte ich.
Wir saßen im Observationssaal, finster blickte ich auf den Aldebaran, er wurde einfach nicht größer.
Mary hat etwas mit Wera gemein, obwohl sie sich äußerlich nicht ähneln. Die geradlinige, trockene Frauenlogik ist jedenfalls bei beiden gleich.
»Schönheit ist Vollkommenheit, das heißt ein Maximum des stets Erwarteten und Gewünschten«, sagte Mary. »Etwas Gewünschtes und Erwartetes, das nicht überrascht – gib zu, Eli, das ist doch Unsinn.«
»Gib auch du zu, Wera…«, begann ich und stockte.
Mary lachte laut. »Ich habe deine Schwester nur auf Raumbildschirmen gesehen«, sagte sie. »Aber es ist nicht das erstemal, daß du mich Wera nennst. Und du versprichst dich nur dann, wenn du unrecht hast und du dich rechtfertigen willst. Stimmt’s?«
Ich küßte Mary. Küssen scheint die einzige Beschäftigung zu sein, die keine Begründungen, keine Rechtfertigungen erfordert.
Sie beklagte sich dennoch: »Ich dachte, du würdest Reiseführer auf meiner ersten Sternenfahrt sein. Einst nannte man die Reisen Jungverheirateter Hochzeitsreisen. Ich habe den Eindruck, unsere Hochzeitsreise langweilt dich.«
Ich mußte sie auf andere Gedanken bringen; rief mir ins Gedächtnis zurück, was ich über die Gestirne wußte, erzählte ihr von dem Flug zu den Plejaden und zum Perseus. »Rings um uns der Sternenabgrund, und wir fallen in ihn hinein«, sagte ich erregt. »Das muß man spüren, Mary der Sternenabgrund, und du fällst hinein, fällst, fällst…«
2
Die Ora bot sich uns nicht einsam dar, sie war hundertfach vorhanden, jeder der um die Ora konzentrierten galaktischen Kreuzer funkelte wie ein kleiner Planet.
So viele Freunde empfingen uns, daß ich beim Umarmen, Schulterklopfen und Händeschütteln müde wurde.
Trub kam geflogen und erhöhte das Durcheinander. Ziemlich zerdrückt befreite ich mich aus seiner geflügelten Umarmung.
Im ersten Jahr seines Aufenthalts auf der Erde hatte Trub das Alphabet gemeistert und vor dem Abflug zur Ora die Prüfung für die Anfangsschule abgelegt, und dazu gehören Integralrechnung und elementare Theorie der Materie. Auf der Ora hatte Trub Schulen für seine Artgenossen eingerichtet. Die Engel zeigten sich technisch ungewöhnlich begabt. Es zog sie besonders zu elektrischen Apparaten.
In den Boxen hinter den Pegasusställen erregte ein feuerspeiender geflügelter Drachen unsere Aufmerksamkeit. Er lag, flammendrot, in seinem dicken Panzer da, aus seinen Nüstern wölkte Rauch, und als er eine Flamme ausatmete, erscholl Grollen.
»Er hat ja eine Korona!« rief Mary.
»Ein Entlader!« erklärte Lussin stolz. »Schleudert Blitze, die einen Gegner in Schutt und Asche legen.
Gut, nicht?«
Auf dem Kopf des Drachens erhob sich tatsächlich eine Korona – drei vergoldete Hörner. Von den Hörnern sprangen Funken, rötlicher Schein verklärte den Kopf des Ungeheuers. Blitzen, die einen Feind in ein Häuflein Asche verwandeln, glichen die Fünkchen nicht.
»Probier’s aus!« sagte Lussin. »Wirf einen Stein. Oder was anderes.«
Es ist nicht einfach, auf der sauberen Ora ein Steinchen zu finden, deshalb warf ich mein Taschenmesser.
Der Drachen ruckte den Kopf herum, seine Augen funkelten, der Rumpf krümmte sich raubtierhaft, ein Blitz löste sich von der Korona und traf das Messer im Flug, es flammte auf und verwandelte sich in Plasma. Ein zweiter, noch heftigerer Blitz zuckte auf meine Brust zu. Würden die Orabewohner nicht durch individuelle Felder geschützt, wären wir bestimmt geblendet worden, und ebenso sicher hätte ich mich in ein Plasmawölkchen aufgelöst.
»Er kann auf einen Schlag drei Blitze schleudern«, erklärte Lussin begeistert. »In drei Richtungen Er heißt Donnerschleuderer.«
»Gut und schön«, sagte ich. »Ein effektvolles Wesen. Aber was sollen uns im Perseus Donnerschleuderer und Pegasusse?«
»Es wird sich schon eine Verwendung für sie finden, Eli.«
Ich ahnte damals nicht, wie recht Lussin haben würde.
Mary und ich gingen hinaus, verließen Lussin mit seinen Geschöpfen und Trub.
Es war Abend, die künstliche Sonne erlosch Lange schlenderten wir die Prospekte entlang, betraten die leerstehenden Hotels.
Ich erzählte Mary, wie ich die Atairen, die Wegabewohner und die Engel kennengelernt hatte. André hatte hier seine großen Entdeckungen gemacht.
Die fast gänzlich erloschene Sonne entflammte zum Mond. Vollmond war auf der Ora.
»Du bist ein sonderbarer Mensch, Eli«, sagte Mary. »Weshalb hast du dich eigentlich in mich verliebt?«
»Ganz einfach. Weil du Mary bist. Die einzige und unwiederholbare Mary.«
3
»Du wunderst dich sicherlich, daß unsere Unterhaltung vertraulichen Charakter trägt«, begann Wera am nächsten Tag. »Auf Beschluß des Großen Rates soll ich mit dir erwägen, wen wir zum Admiral unserer Flotte ernennen. An einen Admiral werden andere Anforderungen gestellt als an die Kommandeure von Schiffen oder Geschwadern.«
Ich zuckte die Achseln. »Zunächst muß ich wissen, was das für Anforderungen sind.«
»Erstens allgemein menschliche er muß tapfer, entschlossen, standhaft und zielstrebig sein und eine rasche Auffassungsgabe haben… Ich hoffe, ich brauche nichts zu erläutern! Zweitens spezielle er muß fähig sein, ein Schiff und Menschen zu befehligen, sich in den galaktischen Räumen zu orientieren, den Gegner und seine Kampfmethoden zu verstehen. Und schließlich die besonderen Eigenschaften er muß außerordentlich klug sein und urteilen können, er muß ein Gefühl für das Neue sowie auch ein gutes teilnahmsvolles Herz und Verständnis für unsere historischen Aufgaben haben… Denn dieser Mensch, unser Admiral, wird der oberste Vertreter der Menschheit sein angesichts der bisher wenig bekannten, aber zweifellos alten und machtvollen galaktischen Zivilisationen.«