Ich trat zu dem Kleinen. Er strampelte und sprudelte. Aus seinen gescheiten Augen blickte er mich an und sagte undeutlich: »Hm!« Er hatte nicht geschlafen, der Umwelt entrückt, wie es andere Kinder seines Alters tun, er lebte schon, zappelte energisch in dieser für ihn neuen Welt.
»Aster, mach dich marschbereit!« sagte ich froh.
»Zieh dir die Rüstung an und setz dich in Marsch!«
Deutlicher und lauter als vorher sagte er: »Hm!«
Mir zieht sich das Herz zusammen, wenn ich an jenen Tag zurückdenke und an das, was dann geschah.
Selbst die zufälligen Umstände fügten sich so, daß sie sich wie Strahlen, die von einem konkaven Spiegel reflektiert werden, in einem unheilvollen Brennpunkt sammelten, und in diesem Brennpunkt war die Unvermeidlichkeit.
7
Wir flogen in zwei Geschwadern zu je hundert Sternenflugzeugen, jedes Schiff war ungefähr fünfzigmal stärker als die leistungsstarke »Raumfresser«. Ich hatte meine Admiralsantenne auf der »Bootes« aufgepflanzt – Oshimas Flaggkreuzer. Hier hatten sich auch Wera und Lussin einquartiert. Auf der »Skorpion«, Leonids Kommandeursschiff, war Allan mit seinem Stab.
Die Nachrichten, die wir vor unserem Aufbruch von der Erde erhalten hatten, berechtigten nicht zu großen Hoffnungen. Alberts Oberlicht-Ortungsgeräte hatten in den Sternklüften des Perseus keine Veränderungen festgestellt. Die in das größte Auge und Ohr des Alls verwandelte Erde blickte und horchte vergeblich in die zwei Sternenfäuste, die bei einem gigantischen kosmischen Schlag zusammengeprallt waren aus dem Perseus drangen keine neuen Laute, keine neuen Bilder flammten darin auf.
Nur eine rätselhafte Erscheinung gab es kurz vor unserem Start, wir maßen ihr keine Bedeutung bei, und wenn wir auch begriffen hätten, was sie in sich barg, hätte sich das schwerlich auf unsere weiteren Handlungen ausgewirkt. Albert teilte mit, ein Stern der Gruppe x sei plötzlich verschwunden, ein Gestirn mit einem einzigen Planeten, der allem Anschein nach von Zerstörern besiedelt war ein »Verderbergestirn« unserer Terminologie zufolge.
»Und das war kein übler Stern, ein Gigant der Klasse K, absolute Leuchtkraft, ungefähr zehntausendmal heller als die Sonne! Auf den Fotografien ist er deutlich zu sehen, während sechshundert Jahren Fotografierens hat sich sein Glanz keinen Deut geändert, eine geradezu rührende Beständigkeit. Und mit einemmal nichts! Und was das putzigste ist, er ist innerhalb weniger Sekunden verschwunden, als wäre er in eine Luke gepurzelt, aus dem Sein ins Nichtsein, andere Worte finde ich dafür nicht.«
»Handelt es sich vielleicht um Annihilation?« fragte ich. Alberts Mitteilung machte mir Sorge. Wenn sich die Zerstörer die Kunst der Umwandlung von Materie in Raum zu eigen gemacht hatten, so war unser militärischer Hauptvorteil ihnen gegenüber verloren. »Haben Sie geprüft, ob sich die Gruppe erweitert hat?«
Albert beruhigte mich: »Sie haben eine schlechte Meinung von mir, Eli, wenn Sie glauben, ich hätte nicht sofort gerade dies untersucht – ob Kavernen entstanden sind. Kein zusätzlicher Raum im Perseus! Ich sage Ihnen, der Stern ist einfach verschwunden und basta!«
»Wurde mit Hilfe der Raumwellenstation beobachtet?«
»Für was für Ignoranten halten Sie uns eigentlich.
Eli? In der Optik wird dieses Sternchen – wir haben es den Orangefarbenen genannt – noch mindestens fünftausend Jahre friedlich leuchten. Er ist im Überlichtbereich verschwunden.«
Die Raumwellenstationen auf den Sternenflugzeugen und auf der Ora waren zu schwach, um den Verlust und das Erscheinen des Orangefarbenen zu fixieren, dagegen sahen wir ihn in der Optik gut.
Es war ein effektvoller Sternhellorange, ungestüm lohend, sein rastloses Funkeln überstrahlte alle Nachbarn. Mir war schon früher aufgefallen, daß die Zerstörer für ihre Siedlungen gerade solche Gigantensterne der späten Spektralklassen gewählt halten.
»Ein Bruder des Drohenden«, sagte ich zu Oshima über den Orangefarbenen.
Wir betrachteten ihn begeistert und feindselig zugleich, die Schlacht im Bezirk des Drohenden war uns noch in Erinnerung.
Drei Tage nach seiner ersten Mitteilung meldete Albert, der Orangefarbene sei wieder an seinem alten Platz und leuchte ebenso machtvoll und friedlich wie sonst.
Diese Geschichte beschäftigte uns nicht lange und beunruhigte keinen von uns sonderlich. Romero vermutete, die Ursache liege in Störungen der Station, die Ortung mittels Raumwellen sei eine unerprobte Sache, und offensichtlich habe der Stern nicht eine zirzensische Illusion zum besten gegeben, sondern unvermutete Störungen im Überlichtbereich seien aufgetreten.
Wir waren oberflächlich in unseren Schlußfolgerungen, ich gestehe das jetzt ein. Niemand kennt die Zukunft. Auch ich kannte sie nicht.
Unsere Fahrt zu den Sternhaufen des Perseus will ich nicht schildern. Ich erwähne nur, daß jedes unserer Schiffe schneller war als die »Raumfresser«, doch die Flotte insgesamt bewegte sich langsamer als jeder galaktische Kundschafter. Wir konnten nicht damit rechnen, daß sich eine solche Armada unbemerkt an die Festungen der Zerstörer heranschleichen könnte.
Maßnahmen mußten getroffen werden, um nicht unterwegs von einem feindlichen Angriff überrascht zu werden.
Obwohl es die Verderber nicht wagten, uns während unserer Reise zu überfallen, sondern ausgeklügeltere Abwehrmittel ersannen, tut es mir auch heute nicht leid, daß ich der Ungeduld der anderen Kapitäne widerstand, die hartnäckig forderten, die Fluggeschwindigkeit zu erhöhen.
Wir jagten in zwei Kielwasserformationen dahin.
Aster war im sechsten Jahr, als die gigantische Gruppe der Perseusgestirne den ganzen Sternhimmel vor uns einnahm.
8
Wir wurden erwartet.
Als wir vom Perseus noch weit entfernt waren, begannen wir Mitteilungen zu entschlüsseln, die unsere Freunde uns sandten, aber auch Meldungen, die die Feinde über uns austauschten. Wie bei der Erkundungsfahrt der »Raumfresser« erhob sich auch jetzt ein Sturm der Störungen.
Fremde Geräusche machten die Informationen der Galakten zunichte, und die Depeschen der Zerstörer waren so wenig verständlich, daß ihre Entschlüsselung nichts Wertvolles ergab.
Wir näherten uns dem Gürtel kosmischer Leere, der beide Gruppen trennte: die nähere h und die ferne X. Der Abstand zwischen den Gruppen betrug rund hundert Parsec ein Katzensprung bei den Maßstäben der Galaxis, keineswegs ein Katzensprung für unsere Schiffe. Einige Kapitäne forderten, die nähere Gruppe h zu erforschen, trotzdem schwenkte ich zur x ab, wo wir schon einmal gewesen waren dort warteten gut vorbereitete Feinde, aber auch Freunde auf uns. Die unbekannten Freunde hatten schon bei unserem letzten Besuch alles unternommen, um uns zu helfen, es bestand Grund zu der Hoffnung, daß sie es wieder versuchen würden, diesmal vielleicht mit größerem Erfolg.
Bald blieben rechts und links die leeren Randsteine zurück, und wir befanden uns in dem Gebiet, wo sich die Gestirne dicht aneinanderdrängten.
Jedes Geschwader bewegte sich selbständig in Form eines Rammsporns zu acht Schichten mit einer Schneide. In Oshimas Geschwader bildete die »Bootes« die Schneide, ihr folgten die »Jagdhund«, und rings um die »Jagdhund« hatten sich zwölf Sternenflugzeuge verteilt. Diese Schicht aus dreizehn Sternenflugzeugen, eins in der Mitte und zwölf ringsherum, wurde siebenmal wiederholt der Durchmesser wurde von Schicht zu Schicht größer.
Der kolossale Kegel stürmte das nichteuklidische Netz, in dem sich die »Raumfresser« einst beinahe verfangen hätte. Den Berechnungen der Schiffsmaschinen zufolge reichte unsere Kraft aus, um beliebige Metrikstörungen zu überwinden.
In einer Entfernung von ein paar Lichtwochen stieß eine ebensolche Abteilung von Sternenflugzeugen unter dem Befehl von Allan einen Tunnel in den nichteuklidischen Raum. Allans erste Depeschen besagten, daß alles gut laufe.