»Sie sind dagegen, den Herumtreiber in unsere Gewalt zu bringen!«
»Nein, Eli. Aber ich bin dagegen, den eroberten Planeten für eine neue aussichtslose Jagd auf die feindlichen Schiffe zu benutzen.«
»Und wenn wir ihn verbrauchen, um den Weg zu einem freundschaftlichen Stern freizulegen?«
»Blindlings durchzubrechen ist nicht besser als blindlings umherzuirren.«
»Wenn es so ist, warum sollen wir dann den Herumtreiber erobern?«
»Um zu den Unsrigen zu fliehen«, sagte Kamagin kalt.
»Lehnen Sie es ab, den Erfolg unserer geglückten Invasion auszuweiten?« fragte Oshima feindselig. Kamagins Einwände hatten keinen Eindruck auf ihn gemacht. Kamagin wandte sich lebhaft Oshima zu. »Ich weigere mich, die Invasion als geglückt zu betrachten.
Sie gleicht eher einem Fehlschlag als einem Erfolg.
Worin bestand denn der Plan? Darin, daß zunächst drei Sternenflugzeuge und dann alle übrigen Schiffe der Flotte durchbrechen sollten. Und was ist dabei herausgekommen? Die Flotte ist zurückgeworfen worden, und wir rasen wie vergiftete Ratten umher.
Es ist höchste Zeit, daß wir fliehen.«
»Fliehen?« fragte Romero lächelnd. »Meinen Sie, uns stehe ein Fluchtweg offen, lieber Kapitän? Oder haben Sie die Absicht, Olgas Experiment zu wieder holen?«
»Ich würde es wiederholen, wenn ich die Gewißheit hätte, daß es gelänge. Aber die Zerstörer sind seitdem klüger geworden. Sie halten uns von ihren Planeten fern und lassen sich keine Schlacht aufzwingen. Ebendeshalb stimme ich für die Eroberung des Herumtreibers.«
Während Oshima mit Kamagin stritt und Romero und Petri Öl ins Feuer gössen, betrachtete ich schweigend den kleinen Kapitän. Ich bewunderte ihn im stillen. Sein Charakter und sein Verstand waren von einer anderen Epoche geprägt worden, doch er fügte sich in unsere Zeit ein, als wäre er in ihr geboren. Kalt und höflich betonte er oft, es stehe ihm nicht an, uns zu belehren, er sei genau viereinhalb Jahrhunderte hinter heutigen Menschen zurück, dennoch belehrte er uns hemmungslos. Verteufelt schnell, während weniger Jahre, hatte er die uns trennenden Jahrhunderte überwunden. In den alten Zeitschriften war über ihn zu lesen, daß er ein Mann von ungewöhnlichem Verstand und eisernem Willen sei, einer der Größten seiner Epoche. Unter uns, die wir ein halbes Jahrtausend Vorsprung hatten, war er ein nicht minder hervorragender Mann. Das bedeutete nicht, daß ich bereit war, jeden Vorschlag von ihm anzunehmen, aber ich hörte ihn mir an und dachte darüber nach.
Romero wandte sich an mich: »Worüber denkt unser verehrter Kommandierender so angestrengt nach?«
»Ich bin mit Kapitän Kamagin einer Meinung. Wir sind nicht stark genug, um in dieser Sterngruppe zu herrschen. Die Invasion ist mißglückt, es ist Zeit, umzukehren. Wir müssen den einsamen kleinen Planeten in unseren Besitz bringen.«
13
Selbstverständlich bildete ich mir nicht ein, die Zerstörer würden sich von dem rastlosen Planeten leichten Herzens trennen. Er eilte zwischen ihren Schiffen wie angebunden dahin. Die Täuschungsmanöver begannen. Unsere drei Sternenflugzeuge, die bis dahin als kleine kompakte Gruppe geflogen waren, sprengten die regelmäßig aufgebaute Sphäre der feindlichen Kreuzer. Als sich die Sternenflugzeuge einander näherten, um sich wieder zu vereinigen, fand sich außer dem dunklen Herumtreiber ein gutes Dutzend Schiffe des Gegners auf unseren Flugachsen, und sie gerieten in Panik.
Die überstürzte Flucht der Feinde bot ein prächtiges Bild. Ihre Schiffe stoben in alle Richtungen davon, um möglichst schnell das Weite zu gewinnen.
Weder Oshima noch Petri versuchten, die Flüchtigen zu verfolgen, doch Kamagin rächte den heimtückischen Überfall auf das Sternenflugzeug »Mendelejew« in den Plejaden. Ein Kreuzer geriet in den Zielkegel der »Fuhrmann«, und Kamagin zögerte keinen Augenblick.
Die von ihm entzündete Sonne lohte nicht lange, aber ich zweifle nicht, daß der unheilvolle Glanz des neuen Gestirns den Schrecken der Flüchtigen noch vergrößerte. Und dann schwebten unsere Sternenflug zeuge über dem finsteren kleinen Planeten, strahlten ihn mit ihren Fernscheinwerfern an.
Es war ein typischer Herumtreiber eine steinige Kugel, etwa dreimal größer als die Erde, ohne Atmosphäre, ohne Wasser, ohne Anzeichen von Leben Der Planet schmolz dahin, verbreitete Raum um sich wie Dampf, er »gaste Raum«, wie Romero treffend sagte. Die von den Verderbern verursachten Metrikstörungen kümmerten uns nicht mehr. Metrikstörungen sind Veränderung in der Struktur des schon bestehenden Raumes, doch hier war der Raum noch im Schöpfungsakt, er mußte erst dieser oder jener Struktur einverleibt werden.
Und er wuchs, weitete sich, wir jagten in diesem Schutzraum, der unaufhörlich generiert wurde, wie in einer sich ständig erneuernden Schale dahin mochte draußen die Hölle los sein, mochte die von uns erzeugte Leere mächtige Metrikfelder formieren, die äußeren Stürme berührten uns nicht.
Alles verlief nach Plan. Nur eins nicht. Wir kamen nicht frei. Die Wiege neuen Raumes war eben nicht größer als eine Wiege. Das Volumen der Gruppe x hatten wir nur ein wenig erweitert, eine winzige Geschwulst war in einem Teil von ihr entstanden, doch die gigantische Sphäre, die sich rings um den Orangefarbenen geschlossen hatte, mußte gesprengt werden, heute wissen wir das.
Tag um Tag entfernten wir uns von dem Orangefarbenen, die in die nichteuklidische Schnecke geschraubte Raumschicht wurde immer dünner, wir sahen bereits die Schiffe von Allan auf der anderen Seite der nichteuklidischen Mauer, empfingen Depeschen von unseren Freunden, die uns ermutigten noch ein, zwei gute Schläge, noch eine verzweifelte Anstrengung der Generatoren, und wir würden die Freiheit gewinnen.
Als die letzten Megatonnen des von uns eroberten Planetenstoffes dahinschmolzen, gab ich, ohne zu zögern, den Befehl, die »Fuhrmann« und die »Jagdhund« zur Vernichtung vorzubereiten.
Ich schnitt dem protestierenden Oshima das Wort ab. »Befehlen Sie den Kapitänen, ihre Besatzungen auf die ,Bootes‘ zu evakuieren. Die Schiffsmaschinen sollen unsere Chancen berechnen.«
Die drei Maschinen bestätigten, daß der zusätzliche Stoff ausreichen werde, um die letzte nichteuklidische Schicht zu zerreißen.
Damals bedachten wir nicht, daß sich auch die superweisen Schiffsmaschinen irren können…
14
Nacheinander brachten die Planetenflugzeuge die Menschen und das wertvolle Inventar von den Sternenflugzeugen herüber, die vernichtet werden sollten.
Die Schiffskommandeure konferierten im Salon, ich saß bei Mary und Aster. Die alten Kapitäne hatten weise gehandelt, wenn sie sich weigerten, ihre Familien auf große Fahrt mitzunehmen, das war mir nun klar.
Auf dem Bildschirm lohten die Sternenhalbsphären so grell, daß mir die Augen schmerzten. Rote, orangefarbene, blaue und violette Giganten ergossen sich in wütendem Schein, und zwischen diesen Himmelslichtern funkelten die künstlichen, jetzt waren es über zweihundertunheilvolle grüne Punkte, flammende Knoten eines für uns geknüpften verderblichen Spinnennetzes. Der Orangefarbene wirkte wie eine Erbse zwischen den Punkten. Düster bewunderte ich ihn.
»Fangen wir an!« sagte ich.
»Fangen wir an!« versetzten Oshima und Petri.
Der kleine Kosmonaut schwieg. Ich bemerkte seinen bekümmerten Blick. Er starrte die beiden Sternenflugzeuge an, die in der schwarzen Leere unweit der »Bootes« unbeweglich schwebten. Ich begriff seine Qual, die anders war als die seiner Kameraden.
Er befehligte ein phantastisch vollkommenes Schiff, wie er es sich früher in seinen kühnsten Träumen nicht hatte ausmalen können. Und nun sollte er die seinem Kommando unterstellte wundervolle Schöpfung der Vernichtung preisgeben.