»Die Kalkulationen sind nicht fehlerlos, aber andere haben wir nicht.«
Diesmal glückte es nicht, das Aufflammen zu vermeiden, eine glutrote Kugel wütete an der Stelle des gesprengten Sternenflugzeugs, und wir jagten ins Zentrum der Explosion.
Auf den Raumbildschirmen der Welt wurden später, als wir aus dem Perseus zurückgekehrt waren, oft die Bilder von der Annihilation des dunklen Herumtreibers, vom allmählichen Zerfall der »Fuhrmann« und von der raschen Vernichtung der »Jagdhund« gezeigt.
Diesem und jenem mag es zweifellos gelungen sein, beim Anblick des hinschmelzenden Plasmawölkchens zumindest ungefähr das zu empfinden, was wir empfanden, denn das war nicht nur ein schwindender Kreuzer, sondern die letzte schwindende Hoffnung, die einzige uns verbliebene Chance, die Freiheit zu erlangen. Andere Chancen, andere Hoffnungen gab es nicht mehr.
»Das war’s, Admiral!« sagte Oshima ruhig. »Wir haben es nicht geschafft, die nichteuklidische Barriere zu durchbrechen.«
Auf dem Bildschirm, den die Explosion der »Jagdhund« getrübt hatte, lichtete sich der Raum. Zuerst erglänzte der Orangefarbene, dann erschienen die anderen Sterne, schließlich blitzten die grünen Lichter der feindlichen Flotte auf.
»Der Gegner nähert sich«, teilte Oshima mit. »Ihre Befehle, Admiral?«
»Zum Kampf fertigmachen«, sagte ich und verließ den Saal.
16
Draußen blieb ich stehen, erschöpft lehnte ich mich an die Wand. Der Gedanke, Aster oder Mary könnten mir über den Weg laufen, entsetzte mich, ich hätte ihre Gegenwart nicht ertragen. Mit niemandem wollte ich zusammen sein, die Überanstrengung der letzten Tage überwältigte mich.
Ich ging die gewundenen, tunnelähnlichen Korridore entlang, geräuschlos glitten die Türen vor mir auseinander, sämtliche Schutzmechanismen waren auf mein individuelles Feld eingestellt, ich war noch der Admiral der Großen Galaktischen Flotte, vor Admiralen gibt es keine Geheimnisse auf ihren Schiffen. Admiral! Du bist noch Admiral, Eli!
»Der Kampf ist noch nicht zu Ende, nein!« Ich atmete tief und schnell, mir wurde die Luft knapp. Unbedingt mußte ich mich beruhigen, ehe ich jemanden traf.
Ich betrat den Raum der Schiffsmaschinen, dort konnte niemand sein, nur ich allein hatte das Recht, ohne Erlaubnis des Schiffskommandeurs einzutreten.
Das Licht flammte auf, als ich die Schwelle überschritt, mitten im Raum stand ein Sessel. Ich ließ mich hineinsinken und schloß die Augen. Ich rang nach Atem, dumpf klopfte mein Herz.
»Du mußt dich beruhigen!« sagte ich laut. »Hörst du, du mußt dich beruhigen!« Ich wiederholte das so lange, bis ich mich in der Gewalt hatte.
Vor mir auf dem Tischchen, dessen Beine Tausende von Leitungen zu den Gebern und Analysatoren bargen, stand ein Kasten, hinter dessen polierten Wänden Kristalle von erlesener Klarheit ruhten, einzigartige chemische Gebilde, gleichermaßen das Werk von Verstand und Meisterhänden, das Ergebnis kosmischgeologischer Forschungen.
Ich entsann mich des grünen Steins vom Merkur, der an Weras Kleid geleuchtet hatte; sie hatte ihn nur deshalb bekommen, weil er von den Schöpfern dieser Maschine ausgesondert worden war, den Schöpfern unserer Schiffsmaschine, einer von vielen hundert Maschinen des gleichen Typs, die sich auf den Planeten und den galaktischen Schiffen befanden. Dieser wunderschöne selbstleuchtende Stein war nicht gut genug gewesen für eine Maschine, er taugte zur Verzierung, nicht zum Rechnen, er konnte Element eines Kleides, nicht Winkel eines alles begreifenden Gehirns sein.
»Du Allwissende und Unfehlbare!« sagte ich. »Du, die du so absolut bist wie der einst von den Menschen ersonnene Gott, die du Milliarden von Kombinationen in einer Sekunde errechnest, teile du mir mit, zu welchem Ergebnis du kommst, wenn du kombinierst, was sich draußen vollzieht zweihundert Schiffe des Feindes gegen unser eines!«
Niederlage! leuchtete in meinem Gehirn die kalte Antwort der Maschine auf. Gleich darauf präzisierte sie: Die »Bootes« geht unter, nachdem viele angreifende Schiffe untergegangen sind.
»Also gibt es keinen anderen Ausweg?«
»Nein. Untergang.«
»Und demzufolge gehst auch du unter. Allwissende?«
»Ich in erster Linie. Würde ich dem Feind in die Hände fallen, erlitte die Menschheit einen größeren Verlust, als geriete einer von euch oder ihr alle zugleich in Gefangenschaft. Um das zu vermeiden, seid ihr verpflichtet, mich zu demontieren, ohne den allgemeinen Untergang abzuwarten.«
»Dumm bist du!« sagte ich. »Hochmütige blöde Materie, die lebendigen Verstand imitiert! Um das zu vermeiden… Selbstverständlich wirst du demontier!, das verspreche ich dir!«
Rasch verließ ich den Raum und ging in die Abteilung der Tanew-Annihilatoren. Ich irrte durch schmale Korridore, zwängte mich in Spalten, stieg auf kleine Leitern, verweilte auf Plattformen – überall flammte Licht auf, sobald ich erschien.
Überall waren Aggregate, gigantische Maschinen, die gewaltiger waren als die Häuser in den Städten, Mechanismen, Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Maschinen mit Eigenantrieb, bei all ihrer Größe nur winzige Elemente des schöpferischen und des zerstörerischen Prinzips unseres galaktischen Schiffes.
Ich berührte sie, lehnte mich an sie, betrachtete sie liebevoll, trauerte um sie.
»Sentimentaler Dummkopf!« sagte ich. »Vor kurzem hast du ohne mit der Wimper zu zucken befohlen, genau solche Maschinen auf der ,Fuhrmann‘ und auf der ,Jagdhund‘ zu vernichten. Streng hast du Kamagin verurteilt, als er zögerte, heute läßt du dich weit mehr gehen… Du kommst doch nur um mit deinem Schiff die Menschheit bleibt! Außerdem ist das, was dir bevorsteht, einkalkuliert, unser Tod ist eine der angenommenen Varianten – stimmt’s?«
Von der Abteilung der Tanew-Annihilatoren aus begab ich mich ins Wohnheim der Engel.
Sie hatten gerade Unterricht. Die Engel lernten die menschliche Sprache, befaßten sich mit unseren Wissenschaften und erwarben die Fähigkeit zu arbeiten.
Mein Erscheinen unterbrach den Unterricht, lärmend drängten sie sich um mich. Trub drückte mich erfreut mit seinen Flügeln.
Ich entschuldigte mich, weil ich gestört hatte, und führte Trub beiseite. »Unsere Angelegenheiten stehen schlecht, mein Freund«, sagte ich.
»Schlechter als in den Plejaden, als die Verderber angriffen?« fragte er. Die Ereignisse jener Tage waren für ihn in gewisser Weise Maßstab für vorbildliches Verhalten.
»Viel schlechter, Trub. Es geht um unser Leben.
Die Prognose der Maschine ist negativ ausgefallen…«
»Willst du sagen, daß wir in der bevorstehenden Schlacht ums Leben kommen, Eli?«
»Genau das.«
Er wischte sich die Augen. »Ich war überzeugt, wir würden auf einem Verderberplaneten landen und dort eine Revolution machen.«
»Eine Revolution, Trub?«
»Habe ich das Wort falsch ausgesprochen? Wir studieren die menschliche Geschichte«, erklärte er stolz. »Und uns gefällt, daß die Menschen immer dann, wenn sie es nicht mehr aushielten, Revolution machten. Schön war’s, bei den Verderbern Revolution zu machen, alle zu befreien, die von ihnen unterjocht werden. Jetzt sind diese Träume aus.«
»Die Geschichte endet nicht mit uns. Ist es uns nicht geglückt, gelingt es anderen Menschen und ihren Freunden.«
Von den Engeln ging ich zu Lussin. Lussin unterwies den Donnerschleuderer in den Methoden des Luftkampfes. Eine Abteilung Pegasusse flog gegen den Drachen an, die geflügelte Echse schlug die kriegerischen Pferde zurück. Ich wunderte mich, daß er nicht Blitze warf, Lussin erklärte, schon eine Entladung von geringer Intensität würde jedem Pegasus den Garaus machen.
»Wie steht es draußen?« fragte er. »Werden wir verfolgt?«