Hinter mir marschierten die Besatzungen der drei Sternenflugzeuge, ihnen folgten, mal aufflatternd, mal zurückbleibend, mal sich sputend, die Engel, den Zug beschlossen Pegasusse und Drachen. Es war unvorstellbar, daß diese Gefangenenschar in das Gebäude passen sollte.
»Man lädt uns ein, und bislang recht höflich.« Romero deutete auf die Wächter, die ihre funkelnden Periskope eifrig in Richtung Haus schwenkten.
»Warten wir auf Orlan«, entschied ich.
Während wir warteten, entquoll einem grünen Wölkchen, das zum Zenit gekrochen war, grüner Regen aus Nickelsalzen. Zunächst fielen einzelne Tropfen, die uns rasch besudelten, dann rauschte ein Platzregen herab, der mit dem auf der Erde während der Sommergewitter große Ähnlichkeit hatte. Am dunklen Himmel zuckten Blitze, die dunkelrot und nicht so grell wie die bei uns waren.
Der Regen hörte ebenso unvermittelt auf, wie er begonnen hatte, am Himmel leuchtete wieder der weiße Zwerg, der sich langsam dem Horizont näherte. Wir waren naß und besudelt, die Menschen hatten sich in grüne Statuen verwandelt, die Engel sträubten die herabhängenden grünen Flügel, Trub schüttelte sich wie ein Hund, der sich aus einem Gewässer herausgerappelt hat, ich wrang den schwer gewordenen Mantel aus.
Während dieser Beschäftigung traf uns Orlan an.
»Bei uns geht man unter die Dusche, um sich zu säubern, bei Ihnen, um sich zu beschmutzen«, sagte ich ärgerlich.
»Dies ist eben der Nickelplanet«, erklärte er herablassend. »Wir haben Stützpunkte auf Mangan-, Eisen-, Blei-, Kobalt-, Natrium-, Gold- und Quecksilberplaneten… Für Sie haben wir den Nickelplaneten gewählt, weil er grün ist.«
»Ich hätte einen goldenen vorgezogen, solch einen kennen wir«, sagte ich, um darauf anzuspielen, daß wir den Goldenen Planeten vernichtet hatten.
Er ließ die Anspielung unbeachtet. »Sie hätten dort die Chlorverbindungen des Goldes nicht ertragen.
Der Große will Sie am Leben erhalten.«
»Warum jagen Sie uns in diese enge Bärenhöhle, wenn Sie sich um unser Leben sorgen?«
»Da ist Platz für alle.«
Der Tunnel führte in ein geräumiges Vestibül, von dort zweigten breite Korridore mit leuchtenden Wanden ab. Unter der Kappe des unansehnlichen Gebäudes verbarg sich ein ausgedehnter Komplex von Räumen. Wie draußen war hier alles aus Nickel, aber die Nickelverbindungen waren nicht eintönig giftgrün, das Nickel war metallisch sauber und glänzte bläulich. Es kann keine Rede davon sein, daß ich von der Pracht der Farbe begeistert gewesen wäre; aber ich verspürte nicht mehr den Drang, vor.»grünem Jammer« wie ein Wolf zu heulen.
»Nach rechts die Menschen, geradeaus und nach links ihre Bundesgenossen«, befahl Orlan.
Der leuchtende Korridor führte uns in einen riesigen viereckigen Saal, dessen Wände und Decke ebenfalls leuchteten. An den Wänden befanden sich seltsame, rinnenähnliche Vorrichtungen. In diesem Gefängnis ließen sich die Besatzungen einer ganzen Flotte von galaktischen Schiffen unterbringen, nicht nur drei.
»Pritschen«, sagte Romero und wies auf die Rinnen.
»Machen Sie es sich bequem«, sagte Orlan und wandte sich mir zu. »Sie folgen mir, Admiral.«
»Wir lassen unseren Admiral nicht allein«, sagte Oshima.
Nichts änderte sich in Orlans leidenschaftslosem Gesicht. »Der Admiral kommt allein mit. Sie werden nicht gebraucht.«
Romero wies auf Orlans Leibwächter »Gestatten Sie zu bemerken, daß Sie ebenfalls von Adjutanten begleitet werden. Unserem Admiral gebührt eine Wache.«
»Er kommt allein mit«, wiederholte Orlan kalt.
»Beunruhigen Sie sich nicht«, sagte ich zu meinen Freunden. »Ob ich nun allein gehe oder mit Ihnen, so oder so sind wir vollständig in ihrer Gewalt.«
5
Ich konnte kaum Schritt halten mit meinen Führern.
Ihre behenden, tänzelnden Sprünge waren schneller als Lauf. Mitunter blieben sie stehen und warteten auf mich, ohne sich umzuwenden, als sähen sie mit dem Rücken genausogut wie mit den Augen. Ich wurde die Empfindung nicht los, daß ringsum Unsichtbare waren. Im Korridor hätten zehn Mann nebeneinander marschieren können, doch ich fühlte mich beengt.
Dreimal tat ich, als torkelte ich und trat beiseite, aber überall war Leere, es gelang mir nicht, mit einem Unsichtbaren zusammenzustoßen.
In einem Raum, der klein war und spärlich beleuchtet, hieß mich Orlan stehenbleiben. Ich stand mitten im Zimmer. Orlan stelzte mit seinen Leibwächtern zur Tür gegenüber, und sie öffnete sich vor ihm.
Ein Mensch stolperte herein, ich erkannte ihn sofort. Es war André.
Er bewegte sich, seine Gestalt war greisenhaft gebeugt, mutlos ließ er den Kopf hängen, läppisch ruderte er mit den Armen.
Nichts hatte er von André, alles war anders als bei André, unbekannt, unerwartet, unvorstellbar…
Aber nur er konnte es sein.
»André!« schrie ich und stürzte zu ihm.
Er hob den Kopf, und ich erblickte sein Gesicht, gealtert, abgezehrt, derart unbegreiflich, daß meine Wiedersehensfreude in Angst umschlug. Ich packte André, drückte ihn an die Brust, stöhnte vor Freude und Schmerz, aber ich spürte schon, daß Andrés Auferstehung aus dem Nichtsein nicht nur Anlaß zur Freude bot, vielleicht am allerwenigsten zur Freude.
André stieß mich zurück. Er erkannte mich nicht »André!« flehte ich. »Schau doch, ich bin es, Eli, ich, dein Freund, erinnere dich, ich bin Eli!«
Er wandte sich traurig ab. Entsetzt riß ich ihn an mich. Er schaute mich an und sah nichts sehend war er blind. Solche Augen hatte ich manchmal bei Menschen wahrgenommen, die schweren Gedanken nachhingen. Doch bei ihm war der Ausdruck maßlos übersteigert, unmenschlich grausam. Ich hatte André wiedergefunden, aber er war in einer eigenen, fernen Welt, war zugegen, ohne anwesend zu sein.
»André!« schrie ich verzweifelt. »Ich bin es, Eli!«
Er befreite sich und floh. Ich holte ihn ein, zog ihn noch heftiger an mich. In meiner Raserei hätte ich ihn schlagen mögen, kratzen, beißen, küssen, mit meinen Tränen benetzen, damit er zu sich kam. Er mußte mich erkennen, mußte sich meiner und der Freunde erinnern, nur dies war mir deutlich bewußt, als ich ihn, heiser vor Wut, schüttelte.
André hatte die Augen gequält geschlossen und schwankte kraftlos in meinen Armen. Plötzlich erbleichte er, seine langen feuerroten Locken, das einzige, was vom alten André geblieben war, zuckten wie Flammen vor meinen Augen, allein das sah ich deutlich: Andrés Locken flogen nicht, sondern zuckten wie Flammen.
Orlan und die beiden Leibwächter standen leidenschaftslos abseits.
Ich ließ von André ab und stürzte zu Orlan, bereit, mich auf ihn zu werfen. Er rührte sich nicht.
»Warum habt ihr ihm den Verstand genommen?«
»Der Große wollte ihm nicht den Verstand nehmen.«
Rasend vor Wut führte ich meine Hand zum Mund und biß hinein, damit der äußere Schmerz die innere Qual übertönte. Noch besser wäre es gewesen, laut zu weinen, das Schicksal und die Feinde und mich zu verfluchen, um Vergebung zu flehen, denn ich selbst trug die meiste Schuld an dem heutigen Zustand meines Freundes.
Doch für Tränen fehlte mir die Kraft, trockene Verzweiflung brannte in mir. Und ich biß mir wieder und wieder in die Hand, um mich wenigstens dadurch zu überwinden. André, gebeugt, kläglich den Kopf schüttelnd, versuchte nicht mehr zu fliehen, obwohl ich ihn losgelassen hatte. Nicht weit von uns standen gleichgültig und unbeweglich die drei Nichtmenschen, die so phantomhaft Menschen glichen.
Plötzlich drang eine leise Stimme zu mir, André sang monoton, den Körper im Takt wiegend, als singe er sein sinnloses Liedchen mit jeder Körperbewegung: »Großmutter hatte einst ein graues Böckchen, ach, ein graues Böckchen, ach, ein graues Böckchen…«