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Danach verschwand er.

9

Der teilnahmslose Orlan führte mich zurück. Ich wanderte aus einer Umarmung in die andere, nahm Gratulationen entgegen.

»Es wird Strafmaßnahmen setzen, wir müssen uns vorbereiten!« sagte Oshima. Er war energisch und sachlich, als hätte er vor, die herabhagelnden Strafen unverzüglich abzuwehren.

Romero sprach traurig. »Ohne Zweifel haben Sie sich richtig verhalten. Aber Deklarationen sind eins, Taten etwas anderes. Und da Ihr Leben als unantastbar erklärt worden ist…«

»…so wird man uns foltern. Wir werden beweisen, daß der Mensch durch Foltern nicht zu brechen ist!«

Er blickte mich liebevoll und bekümmert an. »Ich habe den Eindruck, Eli, als könnten Sie die Foltern kaum erwarten, wie Sie vor kurzem die Schlacht kaum erwarten konnten.«

»Lassen wir das. Wie gefällt Ihnen die Nachricht über die Ramiren, Pawel?«

Romero meinte, leider seien die Ramiren zu weit von uns entfernt, und man könne sie nicht gegen die Zerstörer zu Hilfe rufen.

»Ruhen Sie sich aus, Eli«, riet Pawel. »Wer weiß, was uns die nächste Stunde bringt.«

Ich ließ mich neben Mary nieder, Lussin uns Platz. Ihn plagten widersprüchliche Gefühle: Begeisterung über mein tapferes Verhalten, so drückte er sich aus, und Furcht, ich könnte mir eine grausame Strafe zugezogen haben. Und über alldem lastete Verzweiflung – Lussin hatte sich nach der Begegnung mit André immer noch nicht gefaßt. Mary sagte: »Als du mit dem Herrscher der Verderber strittst, war Aster der aufmerksamste Zuhörer.«

Lussin erklärte, Romero habe André ein Dechiffriergerät angeschnallt, doch Andrés Gedanken böten ebenfalls keinen Grund zur Freude. Ich stellte mich auf Andrés Strahlungen ein, er saß abseits, wiegte den Kopf. In seinen Gedanken war nur der eine trostlose Satz: »Großmutter hatte einst ein graues Böckchen, ach, ein graues Böckchen…«

»Wie müssen sie ihn gemartert haben, daß ihm die Welt zu einem räudigen Ziegenbock schrumpfte«, sagte ich.

»Martern hat es gegeben«, antwortete Lussin in Gedanken und fügte hinzu: »Und wieviel wird es noch geben, Eli!«

Aster trat zu André. Der fuhr zusammen, hob den Kopf, mir war, als erscheine auf seinem stumpfen Gesicht der Abglanz eines Gedankens. Aster bat ihn um etwas oder stellte ihm eine Frage, André antwortete nicht, wich aber auch nicht erschrocken zurück, er lauschte.

Ich sprang auf, Lussin hielt mich zurück.

»Wir gehen besser nicht hin«, riet er durchs Dechiffriergerät. »Aster ist der einzige, vor dem er keine Angst hat, mag der sich mit ihm beschäftigen.«

»Ich spreche mit ihm, aber er versteht nicht«, sagte Aster traurig. »Er hört zu und versieht nicht.«

Ich packte Andrés Arm, sein Gesicht verzog sich kläglich, er taumelte zurück. Mit leblosen Augen blickte er mich an.

»Erkenne mich!« schrie ich. »Ich befehle dir: Erkenne mich!«

André versuchte loszukommen, ich gab ihn nicht frei. Aster wollte sich zwischen uns stellen, ich stieß ihn beiseite. Ich bohrte meinen Blick in Andrés erloschene Pupillen.

»Erkenne mich!« brüllte ich wild. »Ich lasse dich nicht, bevor du mich erkennst!«

Mit Alters Hilfe riß sich André los und floh. Wahrscheinlich wäre ich ihm nachgerannt, wenn sich Aster mir nicht in den Weg gestellt hätte In seinen Augen waren Tränen. »So behandelt man Freunde nicht, Vater«, sagte er empört. »Du bist stark, aber er ist krank!«

Ich wollte etwas erwidern, doch eine gewaltige Macht schleuderte mich von Aster weg.

Alles ringsum begann wirbelnd zu kreisen, verschwand hinter einem trüben Sehleier. Ich sank in dämmrigen Abgrund, sah Romeros entsetztes Gesicht, die leichenblasse Mary, den angstvollen Aster.

Sie riefen, streckten verwirrt die Hände nach mir aus.

Doch ich war unerreichbar, als hätte es mich in eine andere Galaxis verschlagen.

Der Große Zerstörer hatte mich in einen Kraftkäfig gesperrt.

10

»Eli, was ist geschehen?« rief Mary. »Eli!«

Verzweifelt versuchte sie, zu mir durchzubrechen, die anderen drängten sich ebenfalls gegen die unsichtbare Barriere, als könnten sie helfen, wenn sie sich in meiner Nähe befänden. Oshima allein bewahrte Ruhe, er befahl, stillzustehen und nicht durcheinanderzureden. Ich sah meine Freunde deutlich, noch besser hörte ich sie, der Käfig, der für Körper undurchdringlich war, ließ Licht und Laute ungehindert durch.

Ich versuchte zu lächeln. »Man hat mich von euch isoliert. Und da ich der Möglichkeit beraubt bin, mich frei zu bewegen, will ich die Befehlsgewalt, die ich nicht mehr normal ausüben kann, abgeben. Zu meinem Nachfolger ernenne ich Oshima.«

Am Abend erschien das Essen auf den Ruhelagern, es wurde von einem unsichtbaren Fließband serviert.

In meinem Käfig erschien nichts. Ich lachte auf. Viel Phantasie besaß der oberste Zerstörer nicht. Ich streckte mich auf dem Fußboden wie auf einem Bett aus. Niemand kümmerte sich um mich, als wäre ich nicht vorhanden.

Erst als die meisten schliefen, trat Romero an meinen Käfig. »Also hat man Sie zum Hungern verurteilt, lieber Freund«, sagte er düster. »Im Altertum zählte Hunger zu den qualvollsten Strafen.«

»Halb so schlimm. Die altertümliche Hungerfolter mutete deshalb grausam an, weil der Tod unvermeidlich war, mir droht diese Gefahr nicht, ich soll den Tod herbeisehnen, ihn aber nicht empfangen.«

Als Romero fort war, verfiel ich in fieberähnlichen Halbschlaf, vor meinen Augen flimmerten leuchtende Wolken, es wurden immer mehr, sie leuchteten heller und heller. Plötzlich hörte ich Gemurmel. Ich richtete mich auf.

André stand vor der durchsichtigen Barriere, er preßte die Wange daran, griff danach. Sein Lächeln, das Lächeln eines Wahnsinnigen, wirkte pfiffig, seine Augen brannten. Ich trat dicht zu ihm, doch aus seinem hastigen Gemurmel wurde ich nicht klug.

»Ich weiß«, sagte ich müde, »Großmutter hatte ein graues Böckchen. Geh schlafen.«

André kicherte, ich vernahm die Worte: »Werde verrückt! Werde verrückt!«

Endlich glaubte ich etwas zu haben, woran ich mich in seinen wirren Vorstellungen klammern konnte.

»André, schau mich an, ich bin es, Eli! Schau mich an, du befiehlst Eli, verrückt zu werden, Eli!«

Es hatte nicht den Anschein, als hätte er mich gehört. Ich stellte mein Dechiffriergerät auf seine Gehirnstrahlen ein, aber auch da war nur der monoton wiederholte Rat, verrückt zu werden. Er führte kein Doppelleben wie manche Wahnsinnige, und in den geheimsten Winkeln seines Bewußtseins verbarg sich nichts, was er nicht geäußert hätte. Ich empfand großen Schmerz. Auch dieser Versuch, ihn zu sich zu bringen, war mißglückt.

»Nein, André«, sagte ich dann mehr zu mir als zu ihm. »Ich werde nicht verrückt, mein armer André, ich habe einen anderen Weg, als er dir zuteil geworden ist.«

Er murmelte immer leiser, als schlafe er ein : »Werde verrückt! Werde verrückt!«

11

Ich weiß nicht, wie diejenigen litten, die im Altertum zum Hungern verurteilt waren. Mein Hunger war ein abscheuliches Schauspiel.., und das machte mich rasend. Ich erhielt keine Nahrung, und meine Freunde brachten keinen Bissen herunter. Mary schrie Aster an, weil er essen sollte, aber ich bemerkte nicht, daß sie selbst etwas zu sich nahm. Nur Romero und Oshima aßen ruhig, und ich empfand Zärtlichkeit für sie, denn das fiel ihnen gewiß nicht leicht.

Bald hatte ich heraus, daß es das beste für mich war, in den Stunden zu schlafen, wenn die anderen munter waren. Zuerst kostete es Mühe, dann kam der Schlaf, wann ich ihn brauchte. Aber es war wohl eher Ohnmacht, ich schaltete mein Bewußtsein je nach Wunsch für Minuten und Stunden aus.