Выбрать главу

Hungernde haben ja angeblich Halluzinationen von schmackhaften Speisen und steigern sich dabei in Raserei. Solche Behauptungen sind übertrieben. Bilder von Gelagen und Schmausereien ließen mich gleichgültig. Mir lief nicht das Wasser im Munde zusammen, mein Magen krampfte nicht, ich wälzte mich nicht schluchzend hin und her, wenn mir bewußt wurde, daß meine Träume nicht zu verwirklichen waren.

Die Qualen des Durstes sind meiner Ansicht nach ebenfalls aufgebauscht durch zahllose Erzählungen.

Ich weiß, daß im Altertum Tausende von Schiffbrüchigen verdurstet sind, doch ich bin überzeugt, daß ihre Leiden gesteigert wurden, weil sie gewaltige Mengen ungenießbaren Salzwassers vor Augen hatten.

Dagegen suchten mich Visionen heim, und mit jedem Tag wurden sie deutlicher. Wieder sah ich den seltsamen Saal mit der Kuppel und der halb durchsichtigen Kugel, wieder lief ich an den Saalwänden entlang und hatte Angst davor, mich der Kugel zu nähern; an der Kuppel prangten Sternbilder, zwischen den unbeweglichen Gestirnen jagten künstliche Lichter dahin, und ich wußte, daß jedes Lichtchen ein galaktisches Schiff unserer Flotte war, die den Perseus angriff. Ich blickte unverwandt auf die Lichter von Allans Kreuzern, zunächst war mir ihre Bewegung unverständlich, dann erkannte ich, daß ich Bilder von ihrer Jagd nach dunklen kosmischen Körpern außerhalb der Perseusklüfte sah. In meiner Vision schleppte Allan die eroberten Herumtreiber zum Perseus, traf letzte Vorbereitungen, um sie nahe der nichteuklidischen Barriere zu annihilieren und beim Auseinanderfliegen der gesprengten Materie durchzubrechen.

»Ich bin wieder im galaktischen Raum der Verderber gewesen«, sagte ich zu Romero und erzählte ihm meine Vision. Den Traum nahm er nur als Beweis für meine zerrüttete Psyche. »Im Altertum meinten viele Psychologen, in den Träumen erfüllten sich die Wünsche, die die Menschen im realen Leben haben«, sagte er. »Man muß anerkennen, mein Freund, daß Ihre Visionen gehorsam Ihre Wünsche kopieren.«

Vom Kommandoturm der Verderber träumte ich nur einmal, vom Großen Zerstörer dagegen oft. Er erschien mir im Kreise von Würdenträgern, unter denen auch Orlan war, der der Versammlung berichtete, wie sich die Gefangenen führten.

Meine Phantasie stattete die Zerstörer seltsam aus, so wahnsinnig phantasmagorisch, wie ich sie weder vor noch nachher unter den wirklichen Feinden fand.

Der Große Zerstörer und Orlan erschienen noch in der gewohnten Gestalt, phantomhaft Menschen imitierend. Die anderen aber wuchsen zu wunderlichen Exemplaren – engelhaft Geflügelte, schlangengleich Kriechende, wie Blitze Gebrochene, die auch wie Blitze leuchteten. Die einen ragten wie massive Kästen, die anderen entfalteten, wenn sie sich in Unterhaltungen einließen, üppige Kronen und wurden irdischen Bäumen ähnlich, die dritten wurden, sobald der Herrscher sie anredete, flüssig und flössen als Rede dahin, flössen im wahren Sinne des Wortes mal als rötliches, mal als blaues trübes Wasser, und alle starrten auf die Windungen und den Glanz der schäumenden Rede. War ihre Ansprache zu Ende, rannen sie ruhig zurück, wurden wieder Körper, die sich unauffällig in einer Ecke unter den anderen Würdenträgern verloren.

Doch am prächtigsten waren die »Schwärmer«, wie ich diese merkwürdigen Wesen nannte, die sich zum feurigen Fächer entfalteten, wenn das Auge des Herrschers auf sie fiel. Allerdings vermochte ich nicht festzustellen, welcher Art ihre Körper waren, bevor sie die Fragen des Herrschers beantworteten. Offenbar waren sie schweigend so unbedeutend, daß der Blick über sie hinwegglitt. Doch ihre Sprache war zauberhaft, ihre Antworten prasselten so sprühend hernieder, daß ich mich in meinem Käfig zusammenkauerte, weil ich fürchtete, ein Feuerwort könne mich versengen. Aber auch Vertraute des Herrschers duckten sich, wenn jemand zu einem verzehrenden Vortrag explodierte.

Der Informationskode ihrer Sprache war mir dunkel, doch aus den Fragen und Bemerkungen des Herrschers und Orlans reimte ich mir zusammen, worüber sie sprachen.

Sowohl das Aussehen der Würdenträger des Großen Zerstörers als auch die Methoden ihres Umgangs waren so unwahrscheinlich, daß ich mich ernstlich fragte, ob ich etwa den Verstand verliere.

Da war etwas, das mich von dieser Schlußfolgerung abhielt. Mein Körper wurde schwächer, doch mein Geist blieb klar, außer den Fieberträumen war alles reaclass="underline" Ich unterschied die Gegenstände und die Freunde, die Gegenstände veränderten nicht ihre natürlichen Formen, die Freunde sprachen mit mir, ich antwortete, keiner fand meine Antworten unverständig, unsere Unterhaltungen verliefen wie gewöhnlich, nur kürzer wurden sie, da mir das Sprechen immer schwerer fiel.

Und noch eins war wichtig: Ihre Diskussionen waren durchaus logisch. Meine Gehilfen und ich hätten in einer analogen Lage ähnlich geurteilt ich meine die Fakten und die Logik, nicht die Informationsmethode.

»Sie sagten, daß der Traum einst als Erfüllung der Wünsche betrachtet wurde«, erklärte ich einmal Romero, um ihm einen neuen Gedanken mitzuteilen, und ich fand sogar die Kraft in mir, leise zu lachen.

»Ich gewinne immer mehr die Überzeugung, daß es so ist. In meinen Träumen überwinde ich unsere Feinde.«

Seit einiger Zeit hatte Romero seine Einstellung zu meinen Phantasien geändert. Es verging jetzt kein Tag, da er sich nicht erkundigte, was ich geträumt hatte.

»Sonderbar, sonderbar!« sagte er nachdenklich.

»Ich bitte Sie, lieber Freund, mir Ihre Visionen auch künftig in allen Einzelheiten zu schildern. Ihre Visionen sind mehr Information, phantastisch verzerrt freilich, aber über reale Ereignisse als Ausgeburt eines Fieberwahns.«

»Die täglichen Fragen von Orlan rufen sie hervor, Pawel. Ich kann es doch den Feinden nur so heimzahlen, indem ich ständig von ihrem unvermeidlichen Untergang phantasiere!«

Ich haßte meinen widerwärtigen Wächter. Täglich erschien er vor dem Käfig, oft dreimal am Tag, mitunter hatte ich den Eindruck: stündlich. Leidenschaftslos erkundigte er sich: »Willst du immer noch nicht den Tod? Ich hoffe, du fühlst dich nicht gut?« Ich blickte in sein lebloses Gesicht, und Hitze stieg in mir auf. »Ich fühle mich gut. Du kannst dir nicht einmal vorstellen, Tölpel, wie gut ich mich fühle, denn vor meinem Ende werde ich noch deinen Tod sehen, den Tod deines Herrschers, den Tod aller seiner Speichellecker. Bestelle deinem obersten Trottel, daß ich unendlich froh bin, am Leben zu sein.«

Orlan ließ den Kopf zwischen die Schultern knallen und verschwand.

12

Die Ereignisse, die einen Umschwung in unserer Gefangenschaft herbeiführten, haben sich meinem Gedächtnis in allen Einzelheiten eingeprägt.

Vor dem Abendessen hatte ich mir befohlen einzuschlafen, als ich erwachte, war es Nacht, die Gefangenen schliefen. Ich setzte mich auf. Da ich mich zu schwach fühlte, erhob ich mich nicht und wanderte nicht wie sonst im Käfig hin und her. Ohne die Augen zu öffnen, lauschte ich den Geräuschen, die von überallher zu mir drangen schlaftrunkenes Schluchzen, Rascheln, wenn sich jemand drehte. Schnarchen und Schniefen. In der letzten Zeit hatte mein Sehvermögen nachgelassen, hinzu kam, daß in den Nachtstunden die leuchtenden Wände verblaßten. Dafür hatte sich mein Gehör geschärft, mühelos vernahm ich Laute, die mich normalerweise nicht erreicht hätten.

Und ich merkte, daß sich mir jemand verstohlen näherte. Ich erhob mich und stand eine Weile da, um des Schwindelgefühls Herr zu werden. Vor meinen Augen flimmerten spöttische Flämmchen, das trübe Bild des schlafenden Saals verzerrte sich. Geduldig wartete ich, bis das letzte Fünkchen erloschen war, dann tappte ich auf die Barriere zu, die Hände tastend vorgestreckt, um nicht gegen durchsichtige Hindernisse zu stoßen. Nach jedem Schritt blieb ich stehen, bis die stets von neuem aufzuckenden Funken verglommen waren, damit mir nicht schwindelte. Ich spürte, daß sich von außen jemand an die unsichtbare Barriere preßte.