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»Aster, warum bist du gekommen?

»Vater!« flüsterte er. »Kann ich dir nicht wenigstens nachts etwas zu essen bringen?«

Vergeblich versuchte er, ein paar Häppchen durch die unsichtbare Wand zu schieben. Er stieß sie gegen die Kraftmauer, sie fielen zu Boden, er hob sie auf und versuchte erneut, hartnäckiger, sie durchzuschieben. Aster weinte laut.

Ich schaute ihn an, überlegte matt, was ich mit ihm anfangen sollte. Ich wollte nicht essen, wollte nicht sprechen, ich verstand nur eins, sein Weinen konnte Mary wecken, und ein neuer Anfall von Verzweiflung wäre unvermeidlich.

»Aster, geh schlafen«, sagte ich. »Selbst die Atomgeschütze unserer Vorfahren könnten diese Mauer nicht beseitigen, was willst du da mit deinen schwachen Fäustchen ausrichten. Geh schlafen!« wiederholte ich.

Er ging, alle zwei, drei Schritte drehte er sich um.

Unser Gespräch hatte, wie leise es auch geführt worden war, André angelockt. Der Wahnsinnige schlief wenig, in den Stunden, wenn die anderen ruhten, spazierte er unhörbar im Saal umher und sang sein »Großmutter hatte einst ein graues Böckchen…«

Er trat an die Stelle, wo eben noch Aster gestanden hatte, und lehnte sich an die Kraftwand. Sein gealtertes Gesicht war abgezehrt. Er lächelte pfiffig und zwinkerte. Zunächst verstand ich sein Flüstern nicht, an seinen Lippen glaubte ich abzulesen, daß er den trostlosen Rat, verrückt zu werden, wiederhole, doch bald fiel mir auf, daß es andere Worte waren, die er formte. Ich lauschte. Deutlich vernahm ich: »Nicht nötig.«

»Gibst du mir einen neuen Rat?« fragte ich erstaunt. »Habe ich dich richtig verstanden, André?«

Er murmelte noch hastiger und verworrener, sein Gesicht zuckte, verzerrte sich, lachte, bebte erschrocken, alle diese Regungen wechselten so rasch, daß ich weder aus seinen Worten noch aus seiner Mimik klug wurde.

»Geh oder sprich deutlich, ich bin sehr müde, André«, sagte ich gequält.

Darauf hörte ich einen klaren Satz, den er zweimal sprach: »Du wirst verrückt! Du wirst verrückt!«

»Freu dich, ich werde verrückt!« sagte ich bitter.

»Genau wie du mir geraten hast, André. Ich suchte einen anderen Weg und habe ihn nicht gefunden.

Warum freust du dich nicht?«

»Nicht nötig! Nicht nötig!«

Erst jetzt, da er diese Worte wiederholte, verstand ich, worauf sie sich bezogen. Erneut drehte es sich mir im Kopf. Ich taumelte gegen die Wand, stand eine Weile, bis mir besser wurde. Als ich die Augen öffnete, war André nicht mehr da. Im Halbdunkel des verschlafenen Saals sah ich die sich hastig entfernende Gestalt.

Ich hatte keine Kraft mehr, um mich auf meinen watteweichen Beinen zur Käfigmitte zu schleppen, ich ließ mich dort, wo ich stand, auf den Fußboden sinken und war bald darauf eingeschlummert. Eine Weile später hatte ich wieder eine Vision, wie ich sie schon früher gehabt hatte: Allans Schiffe, die den Perseus stürmten.

Diesmal sah ich nicht den Saal mit der in der Mitte schwebenden, halb durchsichtigen Kugel, rings um mich war die Sternensphäre, der Randbezirk der Gruppe X ich jagte zwischen den Sternen dahin, selbst in eine Art kosmischen Körper verwandelt. Zugleich wußte ich in meiner Fieberphantasie, daß ich irgendwo in einer Beobachtungsstelle ruhte. Um mich herum sah ich nicht die wirklichen Gestirne, sondern ihre Darstellung auf dem Bildschirm, und mein rasender Flug von einem Stern zum anderen war keine reale Bewegung, ich jagte nicht zwischen den Gestirnen dahin, sondern suchte mit einem Gerät Allans Geschwader.

Als vor mir die Lichter der galaktischen Kreuzer aufblitzten, zählte ich sie gierig und wiederholte die Zahlen laut, wobei ich die Lippen kaum bewegte.

Zwei leuchtende Häufchen, zwei langgestreckte Feuerstreifen zu je hundert Funken (jeder Funke war eine mir gut bekannte Überlichtfestung) rasten keilartig auf den Perseus zu, die Schneide des Keils zielte auf den Orangefarbenen, der trübe war und allmählich erlosch. Mir war klar, was sein unheilvolles Verschwinden bedeutete.

Stoßen wir durch oder nicht? dachte ich, schwach zitternd, selbst zum Zittern fehlte mir die Kraft, doch meine Gedanken hatten ihre Klarheit noch nicht eingebüßt. Stoßen sie durch oder nicht? dachte ich und hielt nach den dunklen Körpern in der lodernden Lichtermasse Ausschau, ich fand nicht weniger als ein Dutzend, sie flogen dahin, den mächtigen Schiffsannihilatoren gehorsam, der massivste bildete die Schneide des Keils, der lang ausgestreckte Hals gelblichweißer Lichter endete in einem schwarzen Schnabel.

Bald darauf versank ich ganz im schwarzen Nebel meines Fieberwahns, sah weder das Geschwader noch die von ihnen geschleppten Planeten, ein gigantischer leuchtender Vogel mit dunklen Flecken auf dem weißen Körper schwebte in meinem Gehirn, hob den Schnabel. Würde er ihn auf den Scheitel der Sternengruppe stoßen?

Fester schloß ich die Augen, um deutlicher zu sehen, was sich da zusammenbraute.

Dann erblickte ich eine tosende Feuergrube und galaktische Schiffe, die sich in den Brennpunkt der Explosion stürzten. In meinem Gehirn vermengten sich Sterne und Schiffe, die Sterne stoben in alle Richtungen davon, auseinandergewirbelt von der Raumexplosion, die Schiffe verschlangen den neugeschaffenen Raum mit den Mäulern ihrer Annihilatoren und stürmten vorwärts, auf den verschwundenen Orangefarbenen zu, vorwärts, uns zu Hilfe…

Dann wurde ich hochgehoben. Ich lag auf der Seite, zusammengekrümmt, zitternd, in meinem dunstigen Fieberwahn war ich so mächtig wie ein galaktisches Schiff, ich hatte die Mauern durchstoßen, sauste frei hinaus in den Raum. Wohin ich getragen wurde, wußte ich nicht, ein triumphierendes Gefühl erfüllte mich, ich war frei!

In einem Saal, den ich kannte, fiel ich nieder, auf dem Thron saß der oberste Verderber, den weiten Raum füllten sonderbare Schatten und Figuren Mißgestalten, in meinen Visionen hatte ich sie schon oft beobachtet…

Ich war in eine Konferenz beim Großen Zerstörer geraten.

13

Sie sahen mich nicht, ich wußte es, doch hurtig kroch ich in eine Ecke, von wo ich die Versammlung überblicken konnte. Der Herrscher schwieg, offenbar wartete er auf etwas, und alle, die um ihn waren, schwiegen ebenfalls. Ihre Sache steht schlecht, wenn sie so bedrückt sind, dachte ich schadenfroh.

Plötzlich gerieten die Würdenträger in Bewegung.

Ein finsterer häßlicher Stumpf entfaltete üppig seine Krone, er glich halb einem Nußbaum, halb einer Platane und wuchs, seine Zweige streckten sich zur Saalmitte, seine Blätter begannen violett zu leuchten. Er wuchert eine Rede, dachte ich betrübt; aus früheren Träumen wußte ich, daß ich diese Sprache nicht verstand; die Verderber konnten ihre Reden herausplatzen, sprengen, ergießen, wuchern, leuchten, läuten, ihr Sinn blieb mir verborgen.

Aber kaum hatte er ein Wort entfaltet, da stellte ich verwundert fest, daß ich ihn ausgezeichnet verstand.

Er vertrat die Ansicht, nur mit den Störungen auf dem Dritten Planeten lasse sich erklären, daß sich die menschliche Flotte so gefährlich in die äußeren Windungen der nichteuklidischen Schnecke der Gruppe X habe einkeilen können.

»Der Zweite und der Vierte Planet haben die Gravitationsspannung des Dritten übernommen«, säuselte der platanenähnliche Würdenträger. »Der Erste, der Fünfte und der Sechste unterstützen den Zweiten und den Vierten. Die Flotte des Feindes wird unsere Sternumzäunung nicht überwinden, Großer…«

Die Scheinwerferaugen des obersten Verderbers funkelten gereizt. Die üppige Krone des Redners schloß sich und sank zusammen, aus einem Baum verwandelte er sich wieder in einen Stumpf. Stimmgewaltig donnerte der Große Zerstörer, er und Orlan waren die einzigen hier, die mit Stimmen sprachen: »Ist der Feind auf die Ausgangsstellungen zurückgeworfen?«