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Plötzlich war Romero hinter mir und sagte leise:

»Drehen Sie sich nicht um, Admiral, ich erkläre Ihnen in Gedanken unsere Pläne. Kamagin fordert wieder einen Aufstand, wir haben zugestimmt. Sobald Orlan befiehlt, die Menschen abzusondern, stürzen wir uns auf die Wächter und schalten alle aus, die nicht auf unsere Seite übertreten.«

Ich äußerte Bedenken. Die unbewaffneten Menschen würden keinen einzigen Augenköpfigen überwältigen. Zunächst müßten die Verderber aneinandergeraten, dann würden wir diejenigen, die unsere Freunde waren, unterstützen nur so könnten wir Erfolg haben.

»Ihr Plan ist vorzüglich, Eli, das Unglück ist nur, daß die Verderber von allein kaum eine Schlägerei vom Zaune brechen werden. Wenn wir die Rauferei beginnen, erfolgt die Abgrenzung sofort. Und es ist ein Irrtum von Ihnen, anzunehmen, wir wären unbewaffnet. Kamagin ist es gelungen, Waffen in eine Aviette zu schmuggeln Handlaser, Granaten, elektrische Entlader.«

»Unsere Waffen haben keine Wirkung auf die Unsichtbaren, Pawel. Die verfluchten Unsichtbaren sind am schlimmsten!«

»Das schlimmste ist die Untätigkeit, Admiral.

Haben Sie die Kisten beachtet, die sich selbständig fortbewegen? Oshima behauptet, in ihnen wären Kampfwaffen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich der Inhalt der Kisten, wenn wir sie in unseren Besitz bringen, gegen die Unsichtbaren verwenden läßt.

»Ja, wenn man uns Gelegenheit gibt, sie in unseren Besitz zu bringen.«

»Also genehmigen Sie den Aufstand nicht, Eli?«

»Ich genehmige ihn. Wer wird uns führen?«

»Oshima, Petri und Kamagin. Lussin und Trub werden die Geflügelten befehligen. Wir wollen aus der Luft angreifen, um die schwachen Seiten des Gegners auszunutzen.«

Ich hörte Flüstern, jemand versuchte mit mir zu sprechen. Der Boden und der Himmel gleißten, doch mir war, als dämmere es.

Ich stolperte und hätte Aster beinahe fallen gelassen. Mary faßte mich unter. »Du bist blaß geworden, Eli«, sagte sie ängstlich.

Ich fühlte mich immer schlechter. Aster spürte ich nicht mehr. Ich hätte stehenbleiben, auf seinen Atem lauschen, überlegen müssen, wie wir ihm helfen konnten. Aber vorn hüpfte Orlan, von dorther schallte sein gebieterisches »Schneller! Schneller!«, und ich marschierte, die Zähne zusammengepreßt, keuchend vor Haß gegen Orlan, und wiederholte ein und denselben Gedanken: Nicht hinfallen! Nur nicht hinfallen!

»Sieh ihn nicht so an, er lebt!« sagte Mary.

»Nicht hinfallen!« wiederholte ich laut. Aster atmete flach und häufig, sein Herz schlug leiser als vorher, aber deutlicher. Und wären seine Wangen und seine Hände nicht so blau gewesen, hätte ich angenommen, sein Zustand habe sich gebessert. »Ja, er lebt«, sagte ich zu Mary.

André berührte meinen Arm. Ich blickte ihn an und erkannte, daß der Verstand zu ihm zurückgekehrt war. Seine Augen waren kummervoll, nicht wahnsinnig.

»Gib… mir… «, sagte er mühsam und wies auf Aster. Gequält suchte er nach den vergessenen Worten, sein Gesicht verzog sich vor Anstrengung. »Gib, ich…«

»Ich heiße Eli, André!« sagte ich. »Erinnere dich:

Ich bin dein Freund Eli. Später, André«, antwortete ich. »Noch habe ich Kraft, meinen Sohn zu tragen.«

Er sagte nichts mehr, mit gesenktem Kopf ging er weiter, seine brandroten Locken, die sein Gesicht verdeckten, bewegten sich, als wären sie lebendig. Ich wußte, daß André jetzt Worte suchte, daß die Worte ihm nicht auf die Zunge wollten, das seltsame Flüstern, das ich für die Stimme eines Zerstörers gehalten hatte, war aus den Tiefen seiner Hirnschale gekommen.

Diesmal rasteten wir lange. Orlan war verschwunden. Romero und die Kapitäne hatten sich zu mir gesetzt. Genauso energisch und exakt, wie Oshima ein Schiff befehligte, bereitete er die Rebellion vor. Die Handlaser waren während der Essenausgabe verteilt worden, ich hatte auch so ein Spielzeug erhalten. Ich sage Spielzeug, weil sie gegen die Unsichtbaren wirkungslos waren. Und die Augenköpfigen wurden damit nur dann außer Gefecht gesetzt, wenn es gelang, mit dem Strahl ihre Periskope zu treffen.

»Also zwei Möglichkeiten: Entweder heut nacht oder morgen früh«, sagte Oshima. »Wir sind bereit, Admiral.«

Der goldene Himmel war schwarz geworden. Der Orangefarbene war hinter dem Horizont verschwunden. Rings um das Lager der Gefangenen glitzerten die Lichter der Verderber vom Wachkommando. Der Befehl, die Menschen von den anderen Gefangenen zu trennen, blieb aus.

Ich ließ Aster in Marys Obhut und streifte durchs Lager. Die Menschen waren mit den Pegasussen und Echsen durcheinandergewürfelt, damit sie auf ein Signal hin sofort auf die Rücken der Geflügelten springen und in den Kampf eilen konnten.

Oshima und Petri arbeiteten bei den Drachen.

Gemeinsam mit anderen Gefangenen befestigten sie Kisten auf den Rücken der Echsen, die bis oben hin mit seltsamen Metallzylindern gefüllt waren.

»Alte Handgranaten«, erklärte Oshima. »Auf dem Sternenflugzeug ,Mendelejew‘ gab es eine Menge davon, Eduard hat einen Teil auf die ,Fuhrmann‘ und von dort auf die ,Bootes‘ mitgenommen. Sie sind einfach zu handhaben, Kamagin hat es uns gezeigt.«

»Laser werden wir an die Engel nicht verteilen«, sagte Kamagin. »Die sind nicht nach ihrem Geschmack, aber Handgranaten und Entlader sind meiner Ansicht nach geradezu geschaffen für die Engel, so geschickt gehen sie damit um.«

Trub nahm etwas vom Boden auf und schleuderte es nach einem goldenen Klumpen, der matt im Bleifelsen blinkte. Ich erschrak, da ich meinte, es werde eine Explosion geben und auf den Lärm hin würden die Verderber angelaufen kommen. Aber Trub hatte ein Stück Gold benutzt. Die Engel sind durchweg verteufelt scharfsichtig. Trub übertraf seine geflügelten Mitbrüder auch hier. Stolz hüllte er sich in seine Flügel.

»Für die Verderber wird es kein Zuckerlecken sein, wenn wir sie aus der Luft angreifen«, erklärte Kamagin strahlend.

Ich durchquerte den Sektor der Engel und sah keinen schlafend, alle übten sich im Werfen. Und es ging nicht lärmend zu wie sonst, wenn sich Engel irgendwo versammelten, sie waren schweigsam bei dieser nächtlichen Übung, nur die weichen Schläge von Blei gegen Gold und Gold gegen Blei störten die Stille.

»Die Menschen nähen Taschen für die Engel«, teilte mir Kamagin mit. »Jede faßt fünf Granaten, sie sollen unter den Flügeln befestigt werden, da fallen sie nicht auf.«

Während meines nächtlichen Spaziergangs wäre ich beinahe mit Orlan zusammengestoßen.

Er ging ohne Leibwächter, sein Gesicht phosphoreszierte gespenstisch, er machte einen Rundgang ums Lager. In der von den Periskopen der Augenköpfigen spärlich erhellten Finsternis erlosch seine schimmernde Silhouette rasch.

Mary schlief, im Arm hielt sie Aster. Er atmete, wenn auch nur schwach.

Morgen, sagte ich mir im Einschlafen. Morgen früh… Die Schwerkraft läßt nach…

9

Am Morgen starb Aster.

Marys Schrei weckte mich. Ich sprang auf und entriß ihr unseren Sohn. Rüttelte ihn, rief ihn, flehte ihn an, mich zu hören. Zum letztenmal bot er alle Kraft auf und öffnete die Augen. Vor seinem Tod hatte er die Lider geschlossen gehalten, als er starb, schlug er sie auf, um die Welt noch einmal zu sehen, vergebens…

»Eli! Eli!« vernahm ich Andrés Flüstern. »Ist er tot?« Über sein Gesicht rollten Tränen.

»Er war drei Jahre jünger als mein Oleg«, sagte André leise. Dabei lauschte er seinen Worten, als hätte jemand anderer sie gesprochen.

Jetzt bemerkten auch Romero und Lussin, daß André bei Verstand war. Romero und Lussin erkannte André sofort, an Oshima erinnerte er sich, als der seinen Namen nannte. Freude wechselte mit Trauer, ich sah glückliches Lächeln und Tränen des Leids, nur ich konnte weder lächeln noch weinen.